Gesundheitsrisiko Mutter

Heute berichtet Sandra P. aus Bochum von ihrem Leben als Alleinerziehende. Sandra ist 33 Jahre alt und hat eine Tochter (3). Ihr Arbeitgeber empfindet sie darum als Gefahr für die Gesundheit ihrer Kolleginnen.

Nachdem ich mich vom Vater meiner Tochter J. getrennt hatte und mir eine neue Wohnung in der Nähe meiner Arbeit gesucht hatte, nahm ich mir eine sechsmonatige Elternzeit, um unser neues Leben einzurichten. Dieses halbe Jahr war für mich alles andere als Urlaub. Ich renovierte meine Wohnung und das kleine Herz von J.
Im August diesen Jahres nahm ich die Arbeit wieder auf. Ich weiß nicht, wieso ich ein schlechtes Gewissen hatte meinem Arbeitgeber gegenüber, aber ich hatte eines. Außerdem fürchtete ich mich, dass in der Zeit meiner Abwesenheit vielleicht eine Aushilfskraft angestellt worden wäre, die meine Arbeit eventuell sehr viel besser als ich gemacht haben könnte. Ich krempelte also meine Ärmel hoch, biss die Zähne zusammen und zeigte größtmögliche Arbeitsmotivation.

Nach zwei Wochen ging das mit der Krankheit los: Husten. Hab ’s erstmal abgetan, „wird schon wieder“, „muss ja!“. Wurde aber immer schlimmer. Ich schleppte mich ins Büro und musste schnell merken, dass auch die größte Motivation dem Fieber nicht standhält. Wieder landete ich für zwei Tage zu Hause, bei den ersten Anzeichen einer Besserung rannte ich wieder ins Büro, dann doch Arzt und eine Woche Krankenschein. Noch nicht ganz gesund wieder bei der Arbeit. Ich weiß, dass das meinem Körper gegenüber unvernünftig war, aber nach dem halben Jahr Auszeit wollte ich mich eben unbedingt von der besten Seite zeigen. Zwischendurch raste eine Erkältungswelle durch die Firma und da kam schon der erste weise Spruch der Chefin, dass wenn man ein Kind im Kindergarten hat, man hartnäckige Bakterien überträgt und sie beschuldigte mich, ich hätte dann nun wohl alle angesteckt. Wow, ich hielt das für einen Witz, doch von meiner Chefin wurden meine Bedenken mit einem „ist aber so“ kommentiert.

Nach zweieinhalbWochen kam dann ein Rückschlag: Nebenhöhlen zu und Fieber. Ich habe wieder versucht zu arbeiten, aber es ging einfach nicht. War 3 Stunden im Büro und wollte dann zum Arzt. Es ist schwer vorzustellen unter welchem Druck man sich befindet, wenn man nach einem halben Jahr Abwesenheit plötzlich ständig krank wird. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dem Unternehmen gegenüber. Ich fürchtete mich davor, als faul abgestempelt zu werden, nutzlos, zwecklos. Aber es half alles nichts. Mein Körper begehrte erneut auf und das Fieber stieg. Ich war noch nicht ganz an der Tür, da rannte derJunior-Chef hinter mir her, ob denn momentan irgendwelche Krankheiten im Kindergarten im Umlauf wären. Das wäre eine hartnäckige Erkrankung, die ich und die anderen Mitarbeiter haben, im Kindergarten seien die Bakterien hartnäckig und schließlich hätten schon 2 Mitarbeiter eine Lungenentzündung bekommen! Puuh, das Päckchen auf meinen Schultern wurde immer größer. Ich, Auslöser einer Epidemie! Gedanken wie: Will er mich verarschen?, oder: Es haben auch zig andere Mitarbeiter kleine Kinder zu Hause?, oder: Was will er mir wirklich damit sagen?, schossen durch meinen Kopf, aber keiner kam über meine Lippen. Im verbalen frontal Angriff bin ich in Schockstarre wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich schwieg also zu den Vorwürfen, was mich noch immer maßlos ärgert. Auf dem Weg zum Arzt rief der Junior Chef mich an, er hätte mit Ärzten (??) telefoniert, dass ich auf jeden fall Pneumokkoken hätte, die natürlich aus dem KIGA kämen. Überhaupt würden Kinder ja Krankheiten übertragen, woran Erwachsene sterben können (O-Ton). Ich war sprachlos. Mal wieder. Der Arzt schrieb mich erneut für eine Woche krank.  Pneumokkoken habe ich nicht und hatte ich nie. Bloß eine verschleppte Erkältung.

Jetzt bin ich  zu Hause, versuche mich zu schonen und nehme meine Krankheit nun ernst. Ich weiß, dass ich erst vollständig genesen muss, um wieder arbeitsfähig zu werden. Darum halte ich nun eisern die Stellung im Bett, was mit Kind leider alles andere als einfach ist. Ich meine, normalerweise kümmern sich die Gesunden um die Kranken, aber als kranke Mutter dreht sich das Verhältnis um. Ich, die Kranke, muss meine gesunde Tochter versorgen. Darüber will ich mich gar nicht beklagen. Ich liebe mein Kind und darum tue ich alles, was nötig ist, versteht sich. Doch während ich krank zu Hause sitze, erreicht mich ein Brief von der IHK Ruhr. Eine Dame wirbt für sich, dass sie in die Vollversammlung gewählt werden möchte, wirbt mit ihrem 15 jährigen Einsatz für Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wirft mit Wörtern um sich wie “Work-Life-Balance, Erfahrung, Kompetenz und Engagement” www.kinderhut.de Kommt gut, wenn die Work-Life-Balance gerade total durcheinander ist, man die Mutter eines personifizierten, totbringen Bakterienmutterschiffs ist und die Gesundheit diverser Mitarbeiter auf dem Gewissen hat.

von Dörte Saße

von Dörte Saße

Schön, wenn sich jemand einsetzt um Familie und Beruf zu vereinbaren. Da ist sicher noch viel zu tun. Aber wie es in der Praxis dann aussieht in der Mensch-zu-Mensch-Beziehung, wer interessiert sich hierfür? Betriebskindergärten, super! (Arbeitszeiten den Betreuungszeiten anpassen, wunderbar!) ??? Aber die Vorurteile bleiben doch, dass man häufiger ausfällt weil das Kind krank ist, oder auch nicht so belastbar ist, das man mit den Gedanken beim Kind ist, was gerade Probleme in der Schule hat, oder wie ich, Krankheiten in die Firma bringt. Und damit wird man für eine Firma immer zu einem Risikofaktor. Überhaupt, diese Work/Life- Balance. Das ist so ein Wort, da denke ich an Ursula von der Leyen oder amerikanische Motivationstrainer. Was ist mit der Menschlichkeit, frage ich mich? Mit der Balance zwischen Kind, Beruf und Lebensfreude? Ich wünschte, Menschlichkeit würde endlich als nötige Kernkompetenz entdeckt.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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