Geburtenrate vs. Lebenserwartung – Bekommen wir wirklich zu wenig Kinder ???

Die deutsche Geburtenrate ist also niedrig. Das wissen wir alle. Und wir führen verzweifelte Debatten zu familienpolitischen Themen, um diese Tasachen zu ändern. Wir reden über Arbeitspolitik. Wir handeln nicht, aber wir reden wenigstens davon. Doch eines klammern wir dabei die ganze Zeit aus. Die Fruchtbarkeitsrate in Deutschland hat sich seit Ende der sechziger Jahre kaum geändert. Die Fruchtbarkeitsrate liegt seit den späten sechziger Jahren mit 1,4 Kindern pro Frau konstant niedrig (Siehe Grafik 1). Die Deutschen haben ab 1965 damit aufgehört, dem alten Modell zu fröhnen und Mutter, Vater, Kind zu spielen.

 

Grafik 1

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Und damit sind wir auch gar nicht alleine auf der Welt. Seit Ende der Sechziger sind Familien überall auf der Welt geschrumpft. Dabei sehen die Kurven sich in der Darstellung alle verdammt ähnlich. Die Frage ist nun also: Was bedeutet “niedrig”?

 

Grafik 2

Grafik 2

Ist unsere Geburtenrate (Grafik 2) vielleicht gar nicht niedrig und basteln wir vielleicht permanent an den falschen Baustellen, um das zu ändern? Ist es nicht vielleicht so, dass wir gar nicht zu wenig Kinder bekommen? Ich glaube diese Entwicklung ist dem Zeitgeist geschuldet und findet sicher auch hier und da seine Begründung in schlechter Arbeits- und Familienpolitik, im Großen und Ganzen verortet sich das wahre Problem allerdings an einer ganz anderen Stelle. Wir bekommen nicht zu wenige Kinder, wir werden einfach nur zu alt. Der große demografische Wandel ist vor allem deswegen ein Problem, weil die Pflege der überalternden Gesellschaft schon lange nicht mehr getragen werden kann von unserem Staat.  Vergleichen wir die Geburtenrate doch einfach einmal mit der Lebenserwartung seit 1960 (siehe Grafik 3).

 

Grafik 3

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Wir stellen fest, während sich bei der Geburtenrate schon lange nicht mehr viel tut und die Entwicklung konstant verläuft, ändert sich vor allem die Lebenserwartung international und rasant. Menschen werden älter. Im Gegensatz zur Geburtenrate vollzieht sich diese Entwicklung aber nicht etwa natürlich, sondern ist vor allem dem geschuldet, was Frau Merkel noch vor Kurzem in der Neujahrsansprache so gelobt hat: Die Forschung. Im Speziellen die medizinische Forschung. Aber ist das überhaupt wirklich eine wünschenswerte Entwicklung und wem bringt sie am meisten?

Wer einmal das Unglück hatte, einen Verwandten in einem staatlichen Seniorenheim zu besuchen, dem wird sehr schnell deutlich, dass dieses menschliche Dahinsiechen grausam unwürdig ist. In der Regel stirbt ein deutscher Mensch in einem solchen Heim und die Realität dieser Heime ist: Der Staat kann sie sich gar nicht leisten. Sie sind unterbesetzt, was die Pfleger betrifft und überbelegt, was die Senioren angeht. Wir sind diesem System relativ hilflos ausgeliefert. Die lieben Verwandten privat zu betreuen, kostet so viel Zeit und Geld, die einem weder die Sozial-, noch die Familien-, noch die Arbeitspolitik leisten kann. Es ist in unserer heutigen Leistungsgesellschaft, die Mobilität und Flexibilität erwartet, schlicht nicht mehr zu machen. Der Durchschnittsdeutsche ist gezwungen, jeden Tag zu arbeiten, um sein eigenes Leben eventuell bis zum Ende finanzieren zu können. Und dabei wird sein Leben künstlich immer länger und teurer. Die Lebenserwartung wird immer höher, die Lebensqualität jedoch schrumpft mit dieser Entwicklung.

Wer profitiert?

Selbstverständlich fürchten wir uns alle vor dem Tod. Religionen und Philosophien leben von ihren Ideen über den Tod. Wir wollen nicht sterben und am liebsten auch gar nicht darüber nachdenken. Darum ist es für uns alle bequem, wenn Leben einfach immer weiter künstlich in die Länge gezogen werden und niemand daran rüttelt. Aber wir sollten daran rütteln. Kräftig. Und wir sollten dieses System zum Einsturz bringen. Der Philosoph Seneca hat sich viel mit dem würdevollen Sterben auseinandergesetzt. Er war der Meinung, dass zu einem würdevollem Leben ein würdevoller Tod gehöre und ermutigte zu einem selbstbestimmteren Umgang mit dem Sterben. Es geht darum, selbst festzustellen, wann es Zeit sei zu gehen und seine Angst abzulegen vor dieser gemeinen Wahrheit eines jeden Lebens. Lieber solle man sich selbst im rechten Augenblicke töten, als ein langes Leben in Qual und Pein über sich ergehen zu lassen.

In unserem christlichen Abendland ist die Selbsttötung verpönt und verbietet sich quasi von selbst. Die Bibel sagt, dass ein Mörder oder Dieb nicht unbedingt in die Hölle kommt, wer selbst Hand anlegt an seinem Leben, der hat aber gewiss mit dem Feuer zu rechnen. Aber sicher ist es nicht das Christentum, das uns von der Selbsttötung abhält. In der Schweiz zB ist Sterbebegleitung legal. Was uns abhält, ist der Tod selbst. Das Weggehen, das Sich-verabschieden von allem. Wir wollen einfach gar nicht gehen und wir wollen auch keinen unserer Verwandten gehen lassen. Und darum kommt uns die deutsche Pharmalobby schon irgendwie allen sehr entgegen. Wir sind dankbar dafür, dass sie uns alle am Leben erhalten. Aber was ist das für ein Leben?

Die Deutschen sterben in der Regel langsam und qualvoll. Erst fallen sie hin und brechen sich die Hüfte, sodass sie erst einmal ans Bett gefesselt sind oder sie erleiden einen Schlaganfall. In Folge beider Faktoren nimmt zunächst die körperliche und dann die geistige Regung nach. Sie erhalten Tabletten gegen Demenz oder um ihren Blutkreislauf aufrecht zu halten. Ihr Blut wir in teuren Dialysen gereinigt und sie brauchen Gehhilfen und Treppenlifte. Ein riesiger Markt wird angeworfen, während die alten Menschen weniger und weniger von ihrem Leben haben. Alle Tabletten haben Nebenwirkungen, die mit anderen Medikamenten behandelt werden, die Ohren werden schlecht, die Augen werden schlecht, der Körper lässt sich kaum bis gar nicht mehr tragen, ein weiterer Schlaganfall, ein weiterer Sturz, weitere Knochenbrüche, schrumpfende Mobilität, irgendwann setzen andere ihre Unterschrift unter die Entscheidung über das eigene Leben und schließlich das jahrelange Vor-sich-hin-Sterben in einem deutschen Seniorenheim. Zwei Pflegerinnen für eine Station. Mangelzustände, würdeloses überall-hinpinkeln und die wenigen Besuche der Verwandten, die alle Beteiligten unendlich deprimieren. Das deutsche Sterben ist wahrhaft würdelos und der Staat kann es sich gar nicht leisten.

Darum fordere ich: Schluss mit dem ökonomischen Antreiben der deutschen Frauen, sich endlich fortzupflanzen. Die Politik muss sich der Realität anpassen. Seit über vierzig Jahren hat sich nichts an den Tatsachen des deutschen Kinderkriegen geändert. Was sich ändert, und was von der Politik großzügig finanziert wird ist die Lebenserwartung, die wie die Marktwirtschaft blind dem Wachstumsprinzip zu folgen scheint. Und wie beim Kapital stellen wir seit einigen Jahren fest: Das Wachstum steigt, die Lebensqualität stagnierte zunächst und sinkt nun stetig, während die Armut wächst. Ich glaube, wir bekommen gar nicht zu wenig Kinder. Wir werden einfach zu alt. Und außer der Pharmawelt profitiert davon kein Mensch.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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