Ferienzeit = Eltern-Zoff-Zeit

Anlass für Zoff zwischen getrennten Eltern lauert hinter jeder Ecke. Besonders in der langen Zeit der Sommerferien bietet sich immer eine Menge Sprengstoff an für Alleinerziehende und Patchworkkonstellationen. Das Trauma der Trennung wird Jahr für Jahr wieder akut, wenn die Kinder länger als sonst beim anderen Eltern verweilen. Das führt regelmäßig zu schlechten Gefühlen auf allen Seiten und oft auch Streit zwischen den getrennten Eltern. Streit ist eine gute Sache, wenn er konstruktiv geführt wird. Man kann bei einem Streit mit involvierten Kindern allerdings auch eine ganze Menge falsch machen. Dinge falsch zu machen wiederum kann eben so konstruktiv sein. Darum führe ich mir nun einmal öffentlich meine eigenen Fehler vor Augen, um daraus eine Lösung zu finden.

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Nun reich’ doch mal einer dem Kind die Hand!

Meine Fehler

  • Ich habe Streit mit dem Vater begonnen, noch während unser Kind bei ihm war.

Er hielt sich nicht an irgendwelche Abmachungen. Ich wurde wütend. Ich schrieb eine sms. Ich habe zwar sachlich formuliert, aber es war dennoch verkehrt. Der Konflikt stand im Raum und machte sich gleich auf dem Rücken unserer Tochter breit. Denn nun hatte nicht nur meine weit entfernte Wenigkeit schlechte Laune, sondern auch er, der gerade das bisschen Zeit mit seinem Kind verbrachte. Seine Gefühle trübten seinen Umgang. Mein Fehler. Jedenfalls auch.

  • Es ging um meine Gefühle

Als ich nicht abwarten konnte, dem Vater meinen Ärger über sein Verhalten mitzuteilen, tat ich das zur Bereinigung MEINER Gefühle. Es ist zwar völlig notwendig, dass ich meine schlechten Gefühle kommuniziere, ist mein Kind involviert gibt es allerdings eine emotionale Rangfolge. Zuerst kommt das Kind. Ihre Gefühle waren ebenfals durch sein Fehlverhalten verletzt. Mitzubekommen, dass wir uns darüber stritten, verursachte allerdings noch mehr schlechte Gefühle. Hinzu kam ein schlechtes Gewissen. “Sie streiten meinetwegen” ist so ein Gedanke bei einem Kind. “Ich trage daran die Schuld.”

  • Ich vergesse die Paarebene nicht

Wenn wir uns über Themen auseinandersetzen, fühle ich mich oft in die Vergangenheit versetzt. Wir sind seit acht Jahren kein Paar mehr, aber es fühlt sich oft immer noch so an, als würden wir über schmutziges Geschirr, Dreckswäsche und (ACHTUNG!) das schmerzhafte Fehlen der Liebe diskutieren. Unser Bild des anderen ist festgefroren in dem Moment, wo der oder die andere einem die Liebe entzogen hat. Der/die andere bleibt für uns die Person die uns verletzt hat. Ein eindimensionales Modell eines Täters und wir selbst fühlen uns gerne als Opfer. Ihm oder ihr geht es aber genau so und offenbar ist das auch genau die Frage die geklärt werden soll in diesen Kämpfen: Wer ist hier Täter*in und wer ist das Opfer? Diese Frage lässt sich auf der Paarebene kaum beantworten. Dieser Krieg ist als unendlich vorbestimmt. Aber auf der Elternebene ist die Frage schnell geklärt. Opfer ist das Kind und Täter*innen sind die Eltern. Denn das Verhandeln unserer Liebe ist offenbar schon vor Jahren gescheitert. Alles worüber wir jetzt noch debattieren können sind die Chancen unserer Kinder. Dafür ist es unerheblich, warum er früher nie zu Hause sein wollte und sie keinen Bock mehr hatte, für ihn zu kochen oder umgekehrt oder ganz anders. Klar, dass diese Debatte auch niemals offen geführt wird, sondern immer versteckt hinter einer ganz anderen Argumentation in der das Wohl des Kindes vorgeschoben wird. Erst wenn man sich dieses Verhalten eingesteht wird es sichtbar. Du glaubst vielleicht, dass das auf Dich nicht zutrifft, aber das kann ich mir wirklich kaum vorstellen. Von alleine wird Deine Enttäuschung nicht verschwinden. Seine oder ihre auch nicht. Und der andere ist auch nicht mehr zuständig dafür, dass Du mit dieser Enttäuschung zurecht kommst. Ihr müsst Euch gegenseitig daran erinnern, dass es nicht um Euch geht. Und Ihr werdet es vermutlich immer wieder vergessen. Wenn ich Dir sage, dass es heimlich fast allen so geht, fällt es Dir ja vielleicht leichter, es beim nächsten Mal zu erkennen.

  • Ich wollte es endgültig klären

Verträge, Regeln, offizielle Dokumente. Seinem Fehlverhalten folgen ständig neue Regeln meinerseits, die ich ihm in langen mails diktiere. Das klingt zwar erst einmal ganz vernünftig und ist genau das, wozu einem ständig in allen Ratgebern geraten wird, auf der anderen Seite befeuert es aber auch kräftig den Machtkampf. Es ist ein ständiges Gerangel um die Verfügbarkeit über das Kind. Fühlt sich an wie Liebe und Unterstützung für unser Kind, ist aber in Wahrheit gerne auch einfach nur ein Streben nach Macht. Ich habe völlig Recht, wenn ich mich verteidige und sage: “Er schadet mit seinem Verhalten unserem Kind und darum möchte ich das für sie beenden”, aber ich bin dabei auch einäugig. Denn da draußen ist vieles, was meinem Kind schadet und es gibt einige Dinge, wovor ich sie schützen kann, aber in anderen Fällen ist mir auch schnell klar, dass ich das nicht unengeschränkt kann. Es tut weh zu sehen, wenn er sie im Stich lässt, aber letztlich kann ich sie davor nicht schützen. Er ist wie er ist. Daraus resultiert, dass er sich ihr gegenüber verhält, wie er es eben tut und daraus wiederum bildet sich seine Beziehung zu ihr. Die ist je nach seinem Verhalten dann eben eine starke Bindung oder ein loses Bündnis. Meine Regeln werden ihn nicht ändern und drücken nur immer wieder eines aus: Ich möchte Kontrolle üben. Will ich das auch tausendmal für mein Kind, es ist eine unzulässige Maßnahme. Konflikte lassen sich durch Kontrolle nicht lösen.

Der gemeinsame Nenner

Die Lösung all unserer Konflikte wird es vermutlich nicht geben. Er und ich sind aus gutem Grund getrennt. Ihm und mir sollte klar sein, dass es uns sehr schwerfällt uns einig zu werden. Wir beide müssen uns vielleicht gegenseitig einmal sagen, dass wir das wissen. Dass wir wissen, dass wir die andere Person sehr verletzt haben und sie uns. Und dass wir uns beide in irgendeiner Form die Hände schmutzig gemacht haben. Dass es uns schwerfällt, einander zu verzeihen und wir darum nicht schaffen, einen Schritt weiter zu gehen und unserem Kind gemeinsam das zu geben, was es braucht. Vielleicht hilft es ja sich einzugestehen, dass man dabdurch gemeinsam der schlechte Eltern ist, der man dem anderen vorwirft zu sein.

Let’s agree to disagree ist ein geflügeltes Wort in den vereinigten Staaten. Lass uns darauf einigen, dass wir uns nicht einig werden. Und dann lass uns versuchen, diese verletzten Gefühlen alleine, mit anderen oder in einer Therapie aufzuarbeiten. Und dann machen wir unsere Trennung mit Bruchrechnung plausibel. Kürzen wir unsere Gespräche auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Dann steht da

Kind
Eltern

Das Kind geteilt durch uns Eltern. Sagen wir uns, was wir uns wünschen für diesen Menschen und finden wir einen Weg, wie wir uns gegenseitig bei diesen Vorhaben unterstützen können. Klären wir was sich klären lässt: die Zukunft. Und vergessen wir endlich die Vergangenheit!

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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2 Comments

  1. Das ist ein sehr guter Beitrag. Danke, dafür.
    Schön wäre es die Latenzzeiten jetzt noch so deutlich zu verringern, dass kaum mehr Kinder unter die sprichwörtlichen Räder geraten.

    MfG
    Ralph Steinfeldt (HamV)

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  2. Ein sehr schöner Kommentar zu einem sehr heiklen Thema.

    Das Thema an sich birgt schon ähnlich viel Sprengstoff wie die unzähligen Versuche von getrennten Eltern, “es irgendwie und dabei doch gut hinzukriegen”. Es ist von Kindeswohl die Rede, was weder richtig noch falsch ist. Denn ohne Elternwohl kein Kindeswohl. Und schon sitzt man in der Tinte. Es bleibt ein Konflikt.

    Ich kenne auch keine Lösung. Sich dem Konflikt so differenziert zu nähern, wie Sie in Ihrem Artikel, ist zumindest ein Weg zu mehr Ehrlichkeit. Würde das nicht ALLEN Familien nützen? Verstrickt sind wir doch mehr oder weniger alle …oder?

    Viktoria Hammon

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