Fass mich nicht an, du Arsch!

Afro12

Es ist nachmittags halb fünf. Mr W. und ich sind auf dem Weg von der Kita nach Hause, stehen am Bahnsteig und warten auf den Zug. Vier Stationen müssen wir fahren. Als wir so da stehen und warten, stellt sich ein Mann dicht neben uns. Er hat eine Glatze und ist etwa 50 Jahre alt. Immer wieder schielt er auf die Locken von Mr W. herunter, streckt dann schnell die Hand aus und grapscht beherzt zu. Er ist so schnell, dass ich es nicht verhindern kann.

“Oh, die sind aber.. weich! Interessant, ich wollte immer schon mal so was anfassen. Ich dachte, die wären irgendwie drahtiger. Wie Borsten. Kann man die denn bürsten? Und wo kommt er denn her?”

Herr W. schaut den Mann an. Zwischen seinen Augen bildet sich eine kleine Falte, wie immer, wenn er sehr wütend wird. “Fass mich nicht an, du Arsch!”, sagt er dann laut und deutlich und versteckt sich schnell unter meiner Jacke. Er weiß, dass ich es eigentlich nicht mag, wenn er so redet. Der Mann ist die dritte fremde Person, die ihm an diesem Tag ungefragt in die Haare fasst.

Noch weiß Mr W. nicht, was das Wort Rassismus für eine Bedeutung hat. Dass es in unserer Gesellschaft ein Privileg ist, weiß zu sein, welches er aber nicht hat. Und ich wünsche mir insgeheim, dass er es niemals erfahren muss.

Was er jedoch spürt, ist eine klare Grenzüberschreitung. Ein Erwachsener, der ihm körperlich deutlich überlegen ist,  übertritt seine Grenze, seinen privaten Raum, und kommt ihm körperlich so nahe, wie es sonst nur enge Freund*innen dürfen. Mich schockiert die offensichtlich geringere Hemmschwelle, die besteht, in den intimen Raum einer Schwarzen Person einzudringen. Meine Freundin, 34 Jahre alt und mindestens einen Kopf größer als ich, erzählte erst vor ein paar Tagen, dass ihr in der Bahn etwas Ähnliches passiert sei. Muss ich Herrn W. nun wirklich ein T-Shirt mit der Aufschrift “Mein Haar ist kein Streichelzoo!” anziehen, damit die Menschen um ihn herum kapieren, dass er kein Stofftier ist, sondern ein Mensch?

Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, wünsche ich mir vor allem mehr Schlagfertigkeit. Am liebsten hätte ich diesem Mann direkt zurück in die Haare gefasst. Stattdessen ignorierte ich seine Fragen und sagte: “Stellen Sie sich vor, jemand würde kommen und Sie anfassen. Wie würden Sie sich fühlen?”Der Mann sagte nichts. Ich hoffe, die Antwort lag auch für ihn auf der Hand.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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27 Comments

  1. Oh mein Gott, wie furchtbar… dein armer Sohn 🙁 Ich hab als Erzieherin auch oft gesehen, dass Kinder mit afroamerikanischen Haaren ständig begrabbelt werden… was ist nur los mit den Menschen, dass sie denken, Kinder hätten keine Persönlichkeitsrechte??

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    • Danke Dir. Ich finde ja, dass vor allem dem Kind fremde Menschen vorher mindestens Fragen müssen, ob sie es anfassen dürfen. Aber so selten sind solche Situationen leider nicht.

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  2. Ich mache immer den Fehler und gehe von mir aus. Ich finde es schön und bereichernd, wenn sich die verschiedenen Menschentypen vermischen und für mein Empfinden ist es auch nichts Besonders mehr.
    Aber dein Erlebnis, liebe Sarah lehrt mich eines Besseren.
    Manche Leute sind von Vorvorgestern und tun so, als wären sie im Streichelzoo.
    Auch ich wünschte mir in ähnlich übergriffigen Situationen mehr Schlagfertigkeit.

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    • Danke, liebe Carola. Ich freue mich, wenn ich mit dem Text zum Nachdenken anregen kann.

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  3. Die Reaktion von Mr. W finde ich vollkommen angemessen: Kurz und sehr deutlich hat er dem Grenzüberschreiter gesagt was Sache ist. Besser so, als wenn er sich nicht traut etwas zu sagen. Und der Mann hat sich hoffentlich ein Stück erschrocken und überlegt beim nächsten Mal, bevor er jemanden anfässt..

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  4. Unverschämt finde ich so etwas auch, wobei mir das als weiße dauernd im Urlaub passiert ist. Ich hatte als kind fast weißblondes Haar, und in der Türkei waren alle total heiß auf die da kamen die kuriosesten Situation zu stande daher denke ich nicht dass es was mit Rassismus sondern Faszination zu tun hat. Das sollte aber immer im angebrachten maß gezeigt werden, fragen und respektieren der Grenzen eines Menschen ist das mindeste!

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    • Ignorant finde ich, dass Du glaubst Deine Erfahrung als Weiße mit der Schwarzer vergleichen zu können und dass Du mit Deinem Kommentar versuchst die beschriebene Erfahrung zu relativieren.

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  5. Naja,
    Neugierde und Grenzüberschreitung gleich als Rassismus zu deuten, schießt über das Ziel hinaus.
    Wenn eine Mutter mit einem blonden Sohn in einen Teil der Welt fährt, in dem die wenigsten blond sind, wird das Kind auch mal angefasst. Das ist einfach neu und spektakulär. Als mein Lebensgefährte und ich durch Marokko getourt sind, wurden wir ständig angegafft und angefasst. Mein Sohn wird selbst in Berlin von anderen Erwachsenen ungefragt angefasst und er sieht nicht besonders exotisch aus. Das sind natürlich alles Grenzüberschreitungen, aber man kann die Kirche auch mal im Dorf lassen und das Berühren als menschliche Geste verstehen und nicht als Angriff. Solange die Neugierde im Vordergrund steht und nicht die generelle Ablehnung, sollten mal alle wieder auf den Teppich kommen. Denn der Rassismusvorwurf ist in diesem Fall kränkender als die provinzielle Neugier.

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    • Liebe Frau T. darf ich fragen, wie lange ihr in Marokko wart und wie sich die Reaktionen der anderen Menschen auf Euch angefühlt haben? Ich verstehe gut, dass das Wort Rassismus zunächst sehr hart klingt, denke aber dennoch, dass es hier angebracht ist. Liebe grüße

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    • Unzählige Schwarze jeden Alters teilen diese Erfahrungen und sehen und bennen den rassistischen Kontext.
      Diese Erfahrung und ihren Kontext mit “Neugierde” zu relativieren, ist kränkend und hat letztlich das Ziel / die Wirkung die Wahrnehmung von Rassismus zu verhindern.

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    • Ich beziehe mich auf deinen Satz “Wenn eine Mutter mit einem blonden Sohn in einen Teil der Welt fährt, in dem die wenigsten blond sind, wird das Kind auch mal angefasst.” Da stach mir vor allem das ‘mal’ ins Auge – davon mal abgesehen, ist es etwas anderes, wenn man mit seinem europäisch aussehendem Kind irgendwo hin fährt, als in einer weißen Gemeinschaft groß zu werden und immer als Minderheit wahrgenommen wird. Think about it!

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  6. So ein Verhalten ist einfach eine große Frechheit! Meinem Sohn, blond und blauäugig ist dies im Kindergartenalter jedoch auch oft passiert. Das hat sicher nicht nur was mit der Hautfarbe zu tun, sonderm mit der Respektlosigkeit mancher Menschen. Die Leute haben sogar in den Kinderwagen hineingefasst als er noch ein Baby war. Als Mutter habe ich ihn dann oft schnell weggezogen und einfach laut “STOP! Nicht anfassen!” gesagt. Man muss den Leuten laut und deutlich ihre Grenzen zeigen!

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  7. ich denke, dass hat nichts mit Rot, Weiss oder Schwarz zu tun… unsere Tochter hat seit jeher sehr lange blonde Haare und wurde, als sie noch klein war, auch ungefragt ‘getätschelt’. Ich finde das unmöglich.

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  8. Hallo Sarah,
    das ist wirklich absolut grenzüberschreitend! Allerdings denke ich, dass es weniger mit Rassismus als vielmehr mit einem Mangel an Respekt Kindern gegenüber zu tun hat bzw. mit der Einstellung vieler Erwachsener, sich derart distanzlos Kindern gegenüber benehmen zu dürfen. Ich hatte an der Uni eine Dozentin mit eben solchen Locken wie dein Sohn, aber sie ist weiße Deutsche mit hellbraunem Haar) und sie berichtete, als Kind ebenfalls ständig an den Haaren angefasst worden zu sein und darunter sehr gelitten zu haben. Wenn euch das öfter passiert, könntest du dir wirklich schon vorher ein paar schlagfertige Antworten überlegen. Aber selbst dann ist es nicht leicht, darauf zu reagieren. Schließlich meint es der andere “ja nur gut”…
    Ich wünsche dir, dass dir was Tolles einfällt!
    LG Regina

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  9. Ihr Armen , ich kenne da nur allzu gut ! Ich habe damals für meine Tochter einen Button gemacht mit ” anfassen verboten ”
    Vielleicht sollte ich die Vorlage mal raussuchen und dir schicken
    Alles Liebe

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  10. Ich muss aber sagen, dass Grenzüberschreitungen von fremden Erwachsenen generell ein Problem bei Kindern jeder Hautfarbe sind. Meinem Sohn wird gerne mal von wildfremden auf der Straße in die Wange gekniffen, weil er so ein schön rundes Gesicht hat. WTF? Irgendwie kommen viele Erwachsene offensichtlich nicht auf die Idee, dass auch Kinder sowas wie persönliche Grenzen haben und vielleicht nicht von jedem angetatscht werden wollen.

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  11. ist mir in der Kneipe (mit langen roten Haaren) auch immer passiert, manchmal haben die Männer meinen Freund gefragt, ob sie mal anfassen dürfen – niemals mich…

    Gut reagiert hat Dein Sohn – Kompliment!

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  12. Ich frag’ mich, wie man überhaupt auf so eine Idee kommt. Nie im Leben würde es mir einfallen fremde Personen, geschweige denn Kinder, einfach so zu betatschen. Und anscheinend ist das ja regelrecht Alltag…finde ich schlimm 🙁

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  13. Hallo, ich verstehe nicht, dass die Hautfarbe so herausgekehrt werden muss. “Privileg ein Weißer zu sein”.

    Ich finde, dass genau solche Aussagen Rassismus fördern!

    Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe nie Menschen aufgrund der Hautfarbe anders behandelt. Menschen sind Menschen, egal woher sie kommen!

    Seit einigen Jahren lebe ich in den Staaten, in den Südstaaten um genau zu sein. Nirgendwo hab ich so viel Rassismus erlebt, wie hier. Allerdings nicht von den Weißen ausgehend, sonder von den Schwarzen!!

    Es ist nicht ok, dass der Herr in die Haare Deines Kindes gefasst hat. Allerdings passiert das auch Eltern mit rothaarigen Kindern, oder Babies werden angefasst etc.

    Ich würde das mit der Hautfarbe nicht ständig so herauskehren, denn das schafft Abgrenzungen!!

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  14. Vielen Dank für Deinen Text, Sarah! Danke, dass Du damit etwas sichtbar machst, von dem offensichtlich (siehe auch hier die Kommentare) viele Weiße keine Ahnung haben. Es bleibt zu hoffen, dass so manche*r das als Chance sieht etwas dazu zu lernen.

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  15. Ich muss hier ein paar anderen Recht geben – das ungefragte anfassen von Kindern hat (zum Glück) nichts mit Rassismus zu tun… ein paar Leute halten es jedoch anscheinend für Selbstverständlich, dass Kinder “angrabbel-Freiwild” sind. Ich hab schon so einige Diskussionen hinter mir, weil ich ein paar Leute in Ihre Schränke gewiesen habe. Und meine Töchter sind eindeutig europäisch.

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  16. Liebe Sarah, erstmal Respekt an die Reaktion deines Sohnes. Ich finde allein die Aussagen des fremden Mannes betten seine Aktion in den Kontext des Rassismus, weshalb ich deine Wortwahl auch genau treffend finde.

    Leider kapieren die meisten Menschen immer noch nicht, dass wir alle gleich sind und alle den gleichen Respekt verdient haben und zeigen müssen.

    Ich hoffe, dass dein Sohn sein Selbstbewusstsein auch in Zukunft bewahrt!

    Viele Grüße
    Anna

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    • Liebe Anna, danke dir! Liebe Grüße zurück!

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  17. Ich möchte mich meinen Vorschreiberinnen anschließen, die das nicht zu rechtfertigende Verhalten nicht per se als Rassismus bezeichnen wollen. Rassismus wäre es, wenn das, was Deinem Sohn passiert, ihm wegen seiner schwarzen Hautfarbe, wegen seines “rassischen” Andersseins passiert.
    Meinem Sohn, Viertelaraber mit schwarzem Haar, fahren die Leute zwar nicht ungebeten über das kurze Haar. Aber schon mehrfach geschah es, dass er von fremden Menschen angefasst, gestreichelt wurde. Bei ihm lag es daran, dass er ein so überaus freundliches Kind ist/Baby war und sobald er reden konnte, auch fremde Menschen ganz oft mit einem fröhlichen “Hallo” begrüßte. Was mir aufgefallen ist: viele Menschen bringen Kindern gegenüber nicht denselben Respekt auf, den sie bei Erwachsenen hätten. Mit großer Wahrscheinlichkeit achten sie die Grenzen eines “weißen Kindes” genauso wenig.

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  18. Tja nun, mein Sohn ist blond und blauäugig, hat so richtige Manga-Klüsen, wie Michel aus Lönneberga und heißt auch noch so … Als er in dem “Grapsch-Alter” war, haben ihm auch vor allem ältliche Wasserstoff-Blondinen in die Locken gefasst und mich gefragt, ob das echt sein (!). Als ob ich einem 5jährigen die Haare färben würde! Aber da ich dunkelhaarig (dazu blass, grünäugig, sogar mit ein par Sommersprossen!) bin und, wenn auch nur dezent geschminkt, keinen allzu “nordischen” Eindruck mache, ist die nächste Frage dann immer, ob das mein Kind sei. Dabei sieht er genau aus wie ich, nur andere Farben – ach, das ist immer so blöd, und inzwischen ist der Knabe vorlaut genug, den fasst keiner mehr an. manchmal glaube ich auch, er ist extra frech, weil er so harmlos aussieht – das muss man irgendwie ausgleichen. Rassismus ist das sicher nicht, aber die meisten Leute haben eben keine Ahnung, nervt trotzdem!

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  19. Hi, bin durch die Googlesuche auf euch gestoßen. Ich habe genau das selbe Problem nur anders herum. Wir sehen für die meisten hier aus wie Iren oder Schotten werden des öfteren auch für welche gehalten. Wir sind also die blassen Ginger Typen und was soll ich sagen. Meine 7j. Tochter wird an einem normalem Tag 1-2 mal in die Haare gefasst. Gestern hatte sie eine besondere Frisur und wurde bei einem Stadtbummel ganze 13 mal in die Haare gefasst! Dazu noch 1 mal in die Wange gekniffen. Ist das rassistisch? Die Haargrabscher waren bisher alles dunklere Haut/Haartypen und leider auch viele Männer. Ich glaube einfach es ist die Faszination des anderen. Nein ich hoffe es ist die Faszination 🙁 Wie wehrt man sich dagegen? Wir wollen jetzt ihre Sachen bedrucken mit Aufschrift weil es wirklich richtig nervt und auch Angst macht. Greetz

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  1. Fass mich nicht an, du Arsch! - Müttermagazin - […] Originaltext von http://mutter…

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