Familienglück

Gastbeitrag von Sonja Tauber, die sich darüber Gedanken macht, ob sie und ihr Sohn eine Familie sind oder eben nicht.

 

Ist das eine Familie oder nicht?!

Ist das eine Familie oder nicht?!

 

Es war an einem kühlen nebelgrauen Novembermorgen, als ich mit meinem Sohn das erste Mal zum Kinderarzt gehen musste. Nein, nichts Schlimmes: Der Doktor sollte nur mal gucken, ob mit ihm alles in Ordnung war. Die dritte Hauptuntersuchung stand an. Davor hatten sie den Kleinen noch direkt im Krankenhaus nach Auffälligkeiten untersucht. Vier Wochen und vier Tage später, also an jenem besagten Novembermorgen, wurde mir zum allerersten Mal bewusst, dass wir eine Familie sind – er und ich. Das mag jetzt etwas seltsam klingen, aber eigentlich war dem tatsächlich so. Nicht, dass mir nicht schon längst vorher klar gewesen wäre, dass ich seine Mama bin. Spätestens nach der dann doch nicht so ganz unkomplizierten, vor allem aber schmerzvollen Entbindung dürfte mir diese Tatsache bewusst geworden sein. Nein, davon rede ich nicht. Ich meine tatsächlich den Begriff „Familie“ in seiner traditionellen Bedeutung, mit dem ich uns beide bis dato noch nicht einmal in Verbindung gebracht hatte.

Vielleicht hab ich bislang auch einfach nur genauso verkorkst gedacht wie viele andere. Das sollte sich allerdings an jenem Novembermorgen schlagartig ändern. Doch nochmal zurück auf Anfang: Also von Amts wegen lautet mein Familienstatus erstmal ohnehin „ledig“. Klar, ich bin ja auch nicht verheiratet – und Ordnung muss schließlich sein. Daher: lediglich lediger Familienstatus. Aber sind wir denn überhaupt eine Familie? Im Singlebörsen-Slang nennt man Alleinerziehende ganz gerne „Liebe mit Anhang“. Liebesaspiranten wissen also sofort: Person X gibt’s nur mit Appendix. Und so wimmelt es in der Welt der Partnervermittlungen nur von „einsamen Herzen“ mit oder ohne Anhang – und diejenigen, die es schließlich in den Olymp der glückseligen Zweisamkeit mit mitgebrachtem oder gar selbstgemachtem Anhang geschafft haben, dürfen sich dann wieder eine Familie nennen. Wenngleich auch manchmal eben nur eine Patchworkfamilie. Aber immerhin: „Fehler“ behoben, alles gepatcht. Die Ordnung ist wieder hergestellt. Mama, Papa, Kind sind wieder vereint.

Vielleicht kommt deshalb auch keiner meiner Freunde oder Bekannten jemals auf die Idee, meinen Sohn und mich als eine Familie zu bezeichnen. Nein, wir sind für sie dann jeweils nur Mama und Sohn. Aber der Begriff Familie fällt nie. Halt! Stimmt nicht ganz: Er fällt doch manchmal und dann nennt man uns eine „Kleinstfamilie“. Geht ja auch nicht, dass man einen Single mit Anhang einfach Familie nennt. Wäre ja noch schöner. Wo kämen wir da hin? Ein Wurmfortsatz macht ja schließlich auch noch lange keinen Darm. Und außerdem weiß man ja spätestens seit der tollen Burda-Studie, dass Kleinstfamilien häufig mit psychischen und finanziellen Problemen zu kämpfen haben, den Großteil ihrer Freizeit vor dem Fernseher verbringen, nicht sonderlich gebildet sind und auch sonst über ein recht beschränktes Weltbild verfügen. Die Kleinstfamilie ist also sowas wie eine Anti-Familie: Sie droht den Mythos der heiligen Dreifaltigkeitsfamilie mit all der ihr automatisch zugeschriebenen Glückseligkeit zu zerstören.

Und erst vor wenigen Tagen durfte ich mir von einer selbsternannten Altruistin, die Jugendliche für die BA (Bundesagentur für Arbeit) aus der Hartz IV-Maschinerie wieder hinein in die Lohnsklaverei treibt, erklären lassen, dass wir beide zur untersten „Ranggruppe“ innerhalb unseres Sozialsystems gehören. Da hat man dann auch ganz automatisch weniger Rechte und keinen Grund zum Aufmucken. Man liegt dem Staat ja auf der Tasche. Klar ist mir der Kamm bei dieser Bemerkung geschwollen – aber an jenem grauen Novembermorgen, von dem ich noch unbedingt erzählen möchte, sollte dennoch die Sonne ein wenig für mich scheinen. Und es änderte sich auch, das muss ich an dieser Stelle dann doch noch erwähnen, meine eigene tradierte Sichtweise. Ich saß mit meinem vier Monate und vier Tage alten Sohn im Wartezimmer der Kinderarztpraxis und wurde schon langsam ungeduldig. Und dann plötzlich hallte es ganz laut und für alle hörbar durch den Gang:

„Familie Tauber!”

Ob die Sprechstundenhilfe dabei die klassische Papa-Mama-Kind-Konstellation im Kopf hatte, war mir in diesem Moment vollkommen egal. Mir wurde schlagartig klar, dass keine Bezeichnung passender sein konnte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl überkam mich. Denn wir sind eben eine Familie. Scheiß auf “Kleinstfamilie”, “Single mit Anhang” oder andere verkrampft-minimalisierende Differenzierungen! Wir sind und bleiben eine Familie. Auch ohne den Papa. Und damit basta!

 

Sonja hat auch ein eigenes Blog. Das findet Ihr hier.

 

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

1 Comment

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*