Familie schaffen wir nur gemeinsam

Letzten Mittwoch sorgte eine Kampagne der Caritas von 2013 auf facebook für allerlei verletzte Gefühle und Ärger unter Alleinerziehenden. “Wir haben es geschafft, dass unser Sohn sich ständig fragt, zu wem er jetzt eigentlich gehört” sagt eine Stimme aus dem off, während ein einsamer Junge seinen Trolley über einen S-Bahnhof zieht. Ich habe mit der Pressesprecherin des Bundesverbandes, Claudia Beck, telefoniert und über die Kampagne gesprochen.

 

“Das war ja nicht so gemeint” ist dieser nervige Satz, den wir alle so gut kennen. War es vielleicht nicht, ist aber trotzdem passiert. Und irgendwie schwingt ja auch immer so ein wenig mit: Du hast es nur falsch verstanden, ich habe gar nix falsches gemacht. Victim Blaming nennt sich das in der Fachsprache und beschreibt das Phänomen, das ein “Opfer”, das sich über seine Verunglimpfung beschwert, dafür am Ende selbst beschuldigt wird.

“Du hast es falsch verstanden.”

“Du hast das provoziert.”

“Du trägst selbst die Verantwortung für diese schlechten Gefühle.”

In der Regel passiert das victim blaming eben wie die zuvor passierte Tat ganz unbewusst aus der eigenen Überzeugung heraus, die uns per se davon ausgehen lässt, mit jeder unserer eigenen Annahmen richtig zu liegen. Mit anderen Worten: Eine böse Tat ebenso wie das victim blaming geschieht in den meisten Fällen ohne eine böse Absicht der “Täter*innen”, aber es geschieht dennoch und es löst ganz reale Gefühle in den Betroffenen aus.

In der mittelbaren und unpersönlichen Kommunikation mit großen Unternehmen oder Organisationen ist dieser Vorgang Alltag. Werbespots, Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge verletzen Tag für Tag die Gefühle (einseitig) abgebildeter Bezugsgruppen und lassen diese am Ende aller Empörung im Regen stehen. Im Zeitalter sozialer Netzwerke richten Betroffene ihren Ärger an die verantwortlichen Produzent*innen, erhalten als Antwort immer wieder: “So war es ja gar nicht gemeint” und irgendwann verpufft der Ärger im nichts. Stille legt sich über den Vorfall, die Verletzungen bleiben und hinzu kommt noch das ungesunde Gefühl, nichts erreichen zu können und nirgendwo erhört zu werden. Ein Gefühl von Unmündigkeit macht sich breit. Obwohl heute jede mit jedem vernetzt zu sein scheint, werden wir das Gefühl nicht los, stumm geschaltet zu sein in den Gesprächen über uns.

Pressesprecherin Claudia Beck weiß, dass es so ist und hat mich darum hartnäckig mehrere Male angerufen, nachdem ich ihr eine mail mit meinen Fragen geschickt hatte. Ganz offensichtlich war es ihr wichtig, den Unmut der Zielgruppe zu verstehen und daran etwas zu ändern.

“Wir sind nicht lebensfremd”, erklärte sie mir. “Wir nehmen die Kritik ernst und entschuldigen uns für das Missverständnis.” Denn eigentlich wollte die Caritas mit ihrem Spot ja etwas anderes kommunizieren, als das was nun die Mehrheit beim Ansehen versteht. Die Caritas hat ein umfassendes Beratungsangebot für Familien. Ihr Claim “Familie schaffen wir nur gemeinsam” sollte als Ermunterung verstanden werden, etwaige Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Alles nur Kommunikation

Und nun? Alles wie bisher?! Eine Organisation gibt eine Botschaft raus, die Angesprochenen fühlen sich verletzt, sie äussern ihren Unmut und eine Pressesprecherin erklärt: “War nicht so gemeint, tut uns leid” und weiter geht’s?! Ist ja nur Kommunikation. Ist einseitige falsche Kommunikation, aber naja?! Vielleicht ja diesmal nicht. Ich habe Frau Beck davon berichtet, dass viele Betroffene sich beklagen, dass sie nicht gefragt werden, bevor man über sie verhandelt und Frau Beck hat versprochen, diese Anregung in Zukunft in Betracht zu ziehen. “Ich weiß, es klingt wie eine Floskel”, sagte sie. “Aber wir bleiben in Kontakt. Und wir werden definitiv zukünftig noch intensiver darüber nachdenken, wo die Herausforderungen liegen, ohne in der anschließenden Darstellung die Gefühle der Betroffefenen zu verletzen.”

Wie Ihre Kampagne schon sagt, liebe Menschen bei der Caritas. “Familie schaffen wir nur gemeinsam.” Ich nehme Sie beim Wort, Frau Beck und freue mich auf eine bessere Zukunft!

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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  1. Schmaler G(rat)schlag | Mutterseelenalleinerziehend - […] haben wir uns gemeinsam darübe…

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