Endlich reden wir über Biologie!

Diese Woche beginnt die ganze Mutter/Vater-Debatte endlich mal damit, ein wichtiges Argument zu durleuchten. Die Debatte wird allzuoft über biologistische Merkmale geführt und darüber verliert sich das allerwichtigste. Nämlich die Eigenverantwortung. Ich habe eine kleine Zusammenfssung für Euch erstellt zum Thema Natur und Verantwortung in Bezug auf Elternschaft.

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Röntgenaufnahme Gehirn Homer Simpson

 

Im Mamablog des Schweizer Tagesanzeigers schrieb Soziologe und Autor Walter Hollstein über die typische Sozialisierung von Jungen und forderte einen Verhaltenskodex für Männer. Er möchte also Spielregel erfinden, die Männern erklären, was sie dürfen. Zitat:

Dabei geht es nicht darum, Männer auf Defizite festzulegen. Entsprechend ihrer einseitigen Sozialisation sind die Stärken von Männern auf die Aussenwelt konzentriert – auf Leistungs- und Machtwillen, Durchsetzungsvermögen und Standhaftigkeit, Konkurrenz und Erfolgsstreben. Die andere Seite der Medaille – dialektisch verbunden – ist aber eben das eingeschränkte Eigenschaftsprofil in Bezug auf die eigene Gefühls- und Beziehungswelt.

Walter Hollstein argumentiert also mit der Verantwortung der Anderen und erklärt Attribute wie Durchsetzungsvermögen, Erfolgsstreben, etc. zu typisch männlichen Eigenschaften.

Ebenfalls im Mama Blog schreibt Andrea Fischer unter dem Titel Männer, hört auf zu jammern! darüber wie leicht es für einen Vater ist, seine Familie im Stich zu lassen und formuliert:

Trotzdem bleibt Fakt: Wenn Männer von der Kompassnadel zwischen ihren Beinen in neue Gefilde gelockt werden, ist das gesellschaftlich akzeptiert, ja fast ein bisschen okay. Die armen Männer können doch auch nichts dafür, so ist halt die Natur.

Und ebenfalls im Mamablog meldet sich dann noch Mahmud Tschannen zu Wort Er schreibt:

Ich habe beide Blogs mit grossem Interesse gelesen, schliesslich ging es ja im weitesten Sinne auch um mich. Bei beiden fand ich viel Einleuchtendes, aber bei beiden Texten hat mich etwas an den Erklärungsversuchen irritiert: der Blick auf den Menschen als Resultat einer Sozialisation oder als Produkt von Genen. Beide Sichtweisen befreien einen nämlich von der Verantwortung für das eigene Verhalten. Weil: Schuld ist entweder die Gesellschaft oder die Natur. Oder beides. Denkt man das zu Ende, sind wir alle hilflose Opfer. Selbst ändern können wir nichts, und wenn sich schon etwas ändern soll, dann bitte zuerst die Umwelt.

Frau Schonhöft (auf facebook), Autorin von Kindheiten (Buchbesprechung und Interview) teilte gestern dieses Interview mit James Fallon. James Fallon ist Neurologe und Autor des Buchs The Psychopath Inside: A Neuroscientist’s Personal Journey Into the Dark Side of the Brain. In diesem Interview erzählt er davon, wie er im Zuge seiner wissenschaftlichen Forschungen herausfand, dass sein Gehirn funktioniert wie das von Psychopaten. James Fallon macht klar, dass Hirnstrukturen erheblich verantwortlich sind für die Verhaltensweisen und Moralvorstellungen von Menschen. Die Verantwortung leichtfüßig auf Hirnstrukturen abzuwälzen lässt er aber nicht gelten. Aufmerksamkeit, Sozialisierung und Liebe brauchen Menschen, um ebendiese reflektieren und wieder geben zu können.

A primary psychopath won’t necessarily be dangerous, but if we can see that in a kid, we can tell parents to look for certain kinds of behavior. And if those behaviors emerge, we can safely discuss, protecting the privacy of that family and of the kid, how to have the child interact with a nurse practitioner or a trained professional. At that point, we can say: Make sure this kid is never bullied in school; keep them away from street violence, on and on.

James Fallon weiß, wovon er spricht. Er hat diese Hirnstrukturen und Verhaltensweisen erforscht und er hat faktisch selbst ein Psychopatengehirn.

Das alles erinnert mich an ein Interview, das ich im Oktober 2012 mit dem niederländischen Neurologen Dick Swaab geführt habe. Dick Swaab ist der Autor von Wir sind unser Gehirn und auch er erklärt unser Gehirn zum Hauptverantwortlichen für all unsere Gefühle, unsere Sexualität und unser Verhalten. Aber auch er vertritt die These, dass all dem Angelegten etwas entgegengesetzt werden kann und muss.

Gut, dass wir endlich beginnen, über Biologie zu reden. Denn ja, Biologie ist die Anlage, mit der wir alle arbeiten müssen. Es ist aber absolut verkehrt von unabänderbaren Zuständen auszugehen. wenn wir uns mit Persönlichkeiten und Verhalten auseinandersetzen. Die Antwort auf Biologie lautet Verantwortung.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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5 Comments

  1. Warum möchtest Du denn über Biologie reden, wenn Du erreichen möchtest, daß Männer die Verantwortung für ihre Familien übernehmen sollen, und dabei lauter biologistisch oder soziologisch begründete Fakten aufzählst, daß sie es von Natur aus nicht von selbst tun würden?

    Früher mußten Männer tatsächlich einmal die Verantwortung für ihre Familien übernehmen. Da konnte man nicht einfach ein Mädchen einfach so sitzen lassen, besonders dann nicht, wenn man mit ihm gemeinsam Kinder hat. Die Hochzeit schrieben patriarchale Normen in einem solchem Falle zwingend vor. Heutzutage sieht man es lockerer, und siehe da: Es stellt sich das Alleinerziehenden-Elend ein, das man früher nicht kannte. Mit anderen Worten: Libertinage bringt nur Männern Vorteile. Das alles liegt daran, daß heute wie damals primär Frauen die Verantwortung für ihre Familie tragen. Damals wie heute werden Frauen auf ihre Rolle als Mutter sozialisiert. Frauen, besonders die aus mittellosen Bevölkerungsteilen werden wegen dieser Rollenerwartung im Erwerbsleben behindert. Und da man aber Geld benötigt, um leben zu können, man das aber nur mit Hilfe von Erwerbsarbeit bekommt, brauchen Mütter immer den Mann, der das Geld heranschafft, weil seine Erwerbsarbeit ertragreicher ist. Das ist die Kernfamilie, die der Gesellschaft am wenigsten Ärger macht. Hierin liegt die Normalität der Kernfamilie begründet, nicht in irgendeiner biologischen Veranlagung, mit Hirnwindungen o. dergl. In jeder x-beliebigen Kernfamilie stellt sich aber von vornherein ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau ein, wobei Frauen früher aus den patriarchalischen Normen wenigstens noch Ansprüche an den Mann ableiten konnten, die inzwischen längst nur noch eine schönere Erinnerung sind. Und wenn Frauen die damaligen Zustände, in denen Berufstätigkeit von Frauen überhaupt nicht vorgesehen war, mit den heutigen vergleichen, wo Alleinerziehende mit ihren Kindern allein zurecht kommen müssen, und ihren Unterhalt sowie den ihrer Kinder allein unter erschwerten Bedingungen erwirtschaften müssen, dann wünschen sich einige Frauen, daß patriarchalische Normen wieder respektiert werden. Dafür setzen sich manche Frauen auch freiwillig ein Kopftuch auf. Ein solches Wünschen ist aber rückwärtsgewandt, und führt nicht zu den Verhältnissen, die man von früher gewohnt war, denn in einer libertären Gesellschaft verwandeln sich patriarchalische Normen schnell und noch entschiedener in einen moralischen Anspruch allein an Frauen. Ein solches Wünschen führt dazu, daß man die Existenz von alleinerziehenden Eltern und deren Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen möchte, eben weil sie neben der von den Frauen selbst geforderten patriarchalischen Norm liegen. Sie werden dann für schuld an ihrer beschissenen Situation erklärt. Das ist tragisch.

    Das alles hat aber nichts mit Biologie zu tun.

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    • Liebe/r Georgi,

      sei mir nicht böse, mir ist nicht klar, ob Dein Name w oder m ist. Zunächst habe ich den Eindruck, dass Du vermutlich sonst nicht in diesem Blog liest. Stimmt das vielleicht? Denn alles, was Du schreibst, steht ja auch hier im Blog irgendwo rum. Ich denke, vielleicht ist es der Titel, der hier verwirrt. Ich bin nicht der Meinung, dass Biologie für irgendwas als Ausrede gelten kann. Darum schließe ich ja mit: Die Antwort auf Biologie lautet Verantwortung. Ich habe dazu auch vor etwa einem Jahr dieses Triptychon dazu geschrieben. Angefangen mit , über , hin zu

      Soviel zu Verantwortung. Ich fühle mich darum nicht wirklich angesprochen durch diesen Kommentar. Ich finde auch nicht, dass der Text das hergibt.

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      • Liebe Maike!

        Ich bin Neutrum. Das bedeutet, daß mein Geschlecht nichts zur Sache tut. … postgender sozusagen… Deinen Blog lese ich öfters und gern. Und es ist schön, daß wir in vielen Punkten derselben Meinung sind. Es ist gut, das noch einmal zu betonen, daß ich nicht zu denen oder den anderen oder noch anderen gehöre, sondern zu diesen. Ich lese jedoch heraus, daß Männer sich verantwortungsvoller, d.h. ritterlicher und patriarchalischer verhalten sollen. Doch finde ich es besser, für Verhältnisse einzutreten, unter denen Frauen nicht auf männliche Gnade angewiesen sind. Selbst Beziehungen mit Männern, die sich respektvoll und verantwortungsbewußt verhalten, sind nämlich von vornherein schon unfrei. Es nützt nichts, Männer moralisch bessern zu wollen, oder sie wegen ihres Egoismus zu hassen. Das Ergebnis wird immer Abhängigkeit und Unfreiheit sein.

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        • Hmh. Diese Verhaltensregeln fordert ja Walter Hollstein. Ich selbst vertrete das nicht. Aber ich sehe auch nicht, dass jede Beziehung per se unfrei ist. Das wäre mir zu dogmatisch. Ich möchte dem keine Empirie entgegensetzen, um nicht ins Fundamentale abzurutschen, aber ich würde jeder Allgemeingültigkeit mit Zweifel begegnen. Und post-gender stimmt mich ebenfalls nachdenklich. Kannst Du als Individuum etwas überwinden, wenn die Gesellschaft noch gar nicht an diesem Punkt ist? Und ganz praktisch habe ich mir gerade viele Fragen gestellt, aber vielleicht kannst Du sie ja beantworten.
          Vermeidest Du tatsächlich jede Geschlechtszuordnung in der Sprache? Das geht ja bei einigem, wenn man sich richtig anstrengt, aber was ist zum Beispiel bei Feuerwehrfrau/Feuerwehrmann oderoder? Was sagst Du dann, wenn die Situation die Bennenung erfordert? Musst Du Dir dann immer etwas neues einfallen lassen? So wie die beruflich feuerlöschende Person oder so? Und was ist dann mit Menschen, die eine einfache Sprache brauchen, um zu verstehen?

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          • …eine kleine Besserwisserei vornweg: Es heißt korrekt: Feuerwehrmännin und nicht Feuerwehrfrau. Die Mehrzahl lautet: Feuerwehrleute. Zur Sache: Die weiblichen Berufsbezeichnungen sind überflüssig. In den meisten Fällen spielt das Geschlecht eben keine Rolle. Das Geschlecht gerade in diesem üblichen Falle umständlich zu betonen, nur um auszudrücken, daß es überhaupt keine Rolle spielt, finde ich hirnverbrannt. Da finde ich ein wenig Unsystematik in der Sprache besser. Es ist ja nicht die einzige Unsystematik.

            Es gab schon besseren Antifeminismus als den von Walter Hollstein. Seine von ihm behaupteten männlichen Identitätskrisen (“Was vom Manne übrig blieb?”) müßte er erst einmal nachweisen. Ich glaube nicht, daß in früheren Zeiten Beziehungen besser waren, als Ehen noch als Sakrament galten und daher unauflösbar waren, “bis der Tod sie scheidet”. Zumindestens deuten altmodische Witze das an. Die von Antifeministen gern zitierte Esther Vilar führt ja auch an, daß gerade die Hausfrauenehe der 50er Jahre schnell dazu führt, daß die Eheleute sich bald nichts mehr zu sagen haben.

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