Eine starke Frau in der Armutsfalle

Tanja

Nach der mittlerweile dritten Folge Alleinerziehend – ein 24 Stunden Job war ich schockiert und entmutigt. Ist es möglich, einen (alleinerziehenden) Menschen mit der Kamera zu begleiten und ihn dabei würdevoll darzustellen? Ihn nicht bloß zu stellen und ihn irgendwie stark zu zeigen? Judith Rakers begleitet eine Alleinerziehende mit zwei Jobs – und kommt dabei ganz schön ins Schwitzen. Lob und Bewunderung für die Alleinerziehende Tanja inclusive!

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Deutschland immer größer. Auch die Zahl der Multijobber nimmt zu und vor allem für Frauen ist die Situation schwierig. Die NDR Reportage Schicksal Armutsfalle beleuchtet das Leben dieser Menschen am Beispiel der Alleinerziehenden Tanja. Die Hamburgerin ist Mutter des sechsjährigen Lukas, arbeitet in  Teilzeit in einem Bahnofscafé und, wenn sie die Möglichkeit dazu hat, in einer Bar auf der Reeperbahn. Das Geld reicht sonst nicht.

Direkt zu Beginn der Sendung wird die Ausbildung von Tanja hervorgehoben: Sie hat einen Realschulabschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung und zwei Jobs. Trotzdem fehlt ihr das Geld. Die Wohnung ist nach dem Auszug des Vaters zu groß, zum Leben bleibt der Familie 327 Euro. Der Tag der beiden ist eng strukturiert und gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit. Aufstehen, Kind wecken und in den Kindergarten bringen, arbeiten, Kind abholen, einkaufen, Kind wieder in den Kindergarten bringen, aufräumen und wieder arbeiten. Da Tanja kein Auto hat, müssen alle Fahrtwege zu Fuß oder mit Bus und Bahn bewältigt werden.

Der Zuschauer wird mit Hilfe von Judith Rakers und per Voice-over durch die ruhige, beobachtend angelegte Sendung und den Alltag von Tanja geführt. Auch die Musik ist sehr zurückgenommen. Rakers begleitet Tanja 24 Stunden – und gerät dabei augenscheinlich an ihre Grenzen. Müde zieht sie sich die Decke über den Kopf, als morgens um halb 4 der Wecker klingelt, während Tanja schon angezogen ist und ihren Sohn weckt.

Ich bewundere sie für ihr Durchhaltevermögen!

heißt es dann auch im Voice-over, während der Zuschauer sieht, dass Tanjas Arbeitstag um Mitternacht immer noch nicht zu Ende ist.

Um Tanjas Situation in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzubinden, wird Sönke Fock, Leiter der Agentur für Arbeit, zum Interview gebeten.

Tanja ist eine von vielen!

So Fock. Gerade die Situation von Alleinerziehenden sei Schwierig, Armut auch im Alter oft die Folge. Die Frage, ob wir auf ein gesamtgesellschaftliches Problem hinsteuern, wird klar bejaht.

Für Tanja ist es wichtig, jetzt aus dieser Situation herauszukommen, viele Möglichkeiten dazu hat sie jedoch nicht. So, wie viele Andere. Und an dieser Stelle entlässt die Dokumentation den Zuschauer.  Ohne Lösungsvorschlag. Ohne Happy End. Oder doch: Tanja könnte Unterstützung beantragen. Ein Lichtblick. Vor der Altersarmut schützt sie das jedoch nicht. Judith Rakers verlässt Tanja und ihren Sohn, ohne einzugreifen, ohne zu belehren, ohne zu bevormunden. Die Dokumentation zeichnet das Bild einer starken Frau und appelliert an die gesamte Gesellschaft, etwas an dieser Situation zu ändern, die neben Tanja so viel mehr Menschen betrifft. Denn sie ist für uns alle nicht tragbar.

Die Dokumentation Schicksal Armutsfalle- mit Judith Rakers von Caroline Pellmann aus dem Jahr 2014  wurde im NDR ausgestrahlt. Ihr findet ihr hier.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

1 Comment

  1. Danke für das Teilen dieses wirklich aufschlussreichen Berichts! Ich habe ähnliche Zeiten durch (3 Kinder, Studium und Selbstständigkeit) und frage mich heute manchmal rückblickend, wie das eigentlich ging. Ich bewundere diese Frau für ihre Kraft – sie könnte auch den Kopf in den Sand stecken. LG, Ela

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*