Eine Minute vor Zwölf – Handlungsbedarf im Schulsystem

Achtung, Wettbewerb! Während in vielen Kommunen das Bildungswesen zusehends in die Knie geht, öffnen sich die Klassentüren zunehmend für Konzerne, die bereits mehr Macht über das Schulwesen besitzen als wir Eltern. Wie groß der Handlungsbedarf inzwischen geworden ist, zeigt diese Beitragssammlung.

1. Propaganda und Produktwerbung.

Die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) hat eine neue Studie (Wie Unternehmen mit kostenlosen Unterrichtsmaterialien Einfluss auf Schulen ausüben) herausgebracht über die zahlreichen Marketingstrategien großer Unternehmen in Schulen. Darin heißt es:

»Wenn man genau hinschaut, lässt sich hinter vielen Angeboten ein regelrechtes Netzwerk von Akteurinnen und Interessenvertretern erkennen. Diese publizieren zum Beispiel Standards für die „Ökonomische Bildung“ und die Ausbildung von Lehrkräften. Sie machen Fortbildungsangebote, veranstalten Projekte und Schulwettbewerbe und fördern Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft. In sehr augenfälliger Weise spielt sich der „Kampf um die Köpfe“ junger Menschen im Bereich der Lehrmaterialien ab. Und mittlerweile gehen zusehends Firmenvertreterinnen und -vertreter in den Unterricht und vermitteln ihre Weltsicht, wie manche Beispiele in diesem Report zeigen.«

Diese Studie könnt Ihr hier nachlesen.

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2. Schmutz in Berliner Schulen

In der faz schreibt Katrin Rönicke über Schmutz an Berliner Schulen und berichtet von einer Berliner Sparpolitik, die inzwischen auch nicht mehr vor der Gesundheit der Schüler und Schülerinnen zurückschreckt. Darin ist zum Beispiel zu lesen:

»Die Fichtelgebirgsschule hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs ein Problem mit Fadenwürmern. Mit dieser Tatsache am 4. November konfrontiert, reagierte das Bezirksamt laut Protokoll wie folgt: „Was sind Fadenwürmer? Wurde sofort notiert. Keine weitere Äußerung seitens der BA.“«

Das Schöne an diesem Beitrag ist, dass er auch aufzeigt wie es Eltern gelingen kann, mehr Macht in solchen Fällen zu erlangen. Lassen diese sich nämlich nicht abwimmeln, sondern gehen stattdessen an die Öffentlichkeit, so kann das den Urlaub eines Schulstadtrats tatsächlich verkürzen und Bewegung in die Sache bringen.

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3. Druck und Zwang in der Schule

Die vorletzte Ausgabe des Magazins unerzogen lief unter dem Titel Schule, Druck, Zwang und setzt sich hauptsächlich mit zahlreichen Kritik an einem veralteten Schulsystem und Wegen aus der Misere auseinander.

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4. Die Kommerzallergie

Zur selben Zeit wie das unter 3. erwähnte unerzogen Magazin erschien im Managermagazin impulse ein Beitrag von mir zur Kommerzialisierung deutscher Schulen. Darin kritisiere ich, dass es unser Bildungssystem zum Gemeinwohl gehört und somit in der Verantwortung der Regierung liegt. Unternehmen machen sich in unseren Schulen jedoch immer breiter.

»§ 99 Abs. 2 des Schulgesetzes sagt aus, dass Werbung grundsätzlich verboten sei in Schulen. Leider ist das Gesetz so schwammig formuliert, dass es Zuwendungen von Dritten gestattet, wenn „die Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt“. Hier entsteht ein Interpretationsspielraum, den die Kommunikationsagenturen der Unternehmen gekonnt ausnutzen.«

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5. Anhörung der Initiative Schule in Freiheit 

Ende Februar/Anfang März 2014 wird eine öffentliche Anhörung der Initiative Schule In Freiheit im Abgeordnetenhaus stattfinden. Ihre Forderungen lautet grob zusammengefasst:

Pädagogische Freiheit: Die Schulen sollen die Inhalte und Qualitätsmaßstäbe ihrer Arbeit selbständig gestalten können
Gleichberechtigte Finanzierung: Die Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft sollen ohne Schulgeld zugänglich sein
Selbständige Organisation: Alle Schulen, die es wollen, sollen die weitestgehende organisatorische Selbständigkeit erhalten
Die Initiative hat im letzten Jahr 25.715 Unterschriften gesammelt und soll nun die Gelegenheit erhalten, ihre Vorschläge zu unterbreiten. Man kann ihnen zum Beispiel via facebook oder twitter folgen.
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6. Lehrermangel in Berlin
Dieser Artikel von Susanne Vieth-Entus  erschien am 21. Januar 2014 im Berliner Tagesspiegel und handelt vom Berliner Lehrermangel.
»Mehr als 2.000 neue Lehrer braucht Berlin im Jahre 2014 – mehr als jemals zuvor in den vergangenen Jahrzehnten. Jetzt wird sich zeigen, ob Berlin trotz geringerer Gehälter als im Bund imstande sein wird, genügend Nachwuchs zu rekrutieren. Die ersten Vorstellungsrunden vermitteln allerdings einen gegenteiligen Eindruck. Angesichts der ernsten Lage versucht die Bildungsverwaltung inzwischen, Lehrer in Bayern zu finden, seitdem bekannt wurde, dass dort 600 Junglehrer auf der Straße stehen. Und auch von den freien Schulen wird fleißig abgeworben.«
So lautet die Einleitung zu dem Artikel, in welchem z.B. nachzulesen ist wie sieben Schulleiter*innen sich um eine Lehrerin stritten. Der Lehrermangel ist währenddessen in Berlin längst fühlbar geworden. Neukönner Schulen finden kaum Bewerber*innen, insgesamt wird immer mehr Unterricht durch Vertretungslehrer und Refrendar*innen abgehalten.
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7. Lehrer ohne Lehramt in Bayern
Die unter 6. erwähnten Lehrer*innen in Bayern hingegen haben ein ganz anderes Problem. Von 800 Refrendar*innen haben dort nur 170 eine Stelle erhalten. Am 19. Januar 2014 berichtete Franziska Nicolay in der SZ vom Protest dieser Refrendar*innen. Darin zu lesen:
»Es gehe den Referendaren nicht darum, über die bevorstehende Arbeitslosigkeit zu jammern. “Es geht darum, dass wir ja an den Schulen sehen, dass dringend mehr Lehrer benötigt werden”, sagt der Pädagoge, der Englisch und Geschichte unterrichten will.«
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Inklusion in weiter Ferne
 Tatsächlich muss man keinem Eltern in diesem Land erklären, wie dringend wir mehr Lehrpersonal brauchen. Wir  erfahren das Tag für Tag. Der Mangel an Lehrer*innen, Lehrmaterialien, Hygiene, gesundem Essen und weiterem ist lange schon Realität für uns und unsere Kinder. Und dass Berlin kaum Bewerber*innen für die ohnehin viel zu wenigen Lehrstellen erhält liegt daran, dass Lehrpersonal in Berlin vollkommen unterbezahlt arbeitet. Tatsächlich müssen wir wohl einige Milliarden Euro aufbringen, um einen Boden zu schaffen für das, was sich deutsche Schulen für 2014 eigentlich auf den Plan geschrieben hatten: die Inklusion.
Das Projekt Inklusion liegt derzeit noch in weiter Ferne. Es sind nicht einmal einfachste Grundvoraussetzungen dafür geschaffen. Die jetzigen Bedingungen lassen weitaus mehr Kinder zurück als nur diejenigen mit besonderem Förderungsbedarf. Es ist höchste Zeit zu handeln. Das hier sind keine düsteren Prognosen mehr. Die Uhren der Schulräte, deren Zeiger fünf vor Zwölf anzeigen, benötigen dringend neue Batterien.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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5 Comments

  1. Also, ganz ehrlich, ich bin absolut dagegen einfach blind Geld ins Bildungssystem zu pumpen. Fragt man Eltern, dann wünschen sie sich zu über 90% erst einmal ein Schulsystem und keine 16. Desweiteren sollte man das verbeamtete Lehrertum abschaffen, auch das wünschen sich Eltern. Und verbeamtete Lehrer sind sehr gut bezahlt! Schaut man in die Honorartabelle bei mediafon.net, dann stellt man fest, dass sich die Honorare für VhS-Dozenten in den letzten 25 Jahren um keinen Cent erhöht haben. Vergleicht man das, was VhS-Dozenten bezogen auf den Euro, den sie kosten, leisten mit dem was Lehrer leisten, kommen letztere schlecht weg. Da viele junge Erwachsene versuchen, hier versuchen, den ein oder anderen Schulabschluss zu erschwinglichen Preisen nachzuholen, wäre es erst einmal wichtig, hier zu investieren. Und dann natürlich in so Dinge wie Schulgebäude, Lehrmaterial, Reinigungspersonal und Schulkantinen.

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    • Darf ich dann annehmen, dass Du für die vhS arbeitest? Denn ich verstehe gar nicht, wieso das hier her gehört?!

      “Vergleicht man das, was VhS-Dozenten bezogen auf den Euro, den sie kosten, leisten mit dem was Lehrer leisten, kommen letztere schlecht weg.” schreibst Du. Das verwirrt mich sehr. Möchtest Du sagen, die Leistung einer/s vhS-Lehrers/-Lehrerin für unsere Gesellschaft wäre größer als die eines Grundschullehrers oder einer Grundschullehrerin?

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      • Mal eine Gegenfrage: Was bitteschön soll denn an der Arbeit eines VhS-Dozenten, der junge Erwachsene zum Realschulabschluss begleitet, weniger wert sein? Der muss genau so Arbeiten korrigieren, vorbereiten, sein Fach beherrschen etc. und das zu einem Bruchteil von dem, was ein verbeamteter Lehrer bekommt. Es sind meist junge Erwachsene aus bildungsfernen Schichten, die hier gefördert werden, ein wichtiger Beitrag zur Inklusion! Und VhS-Dozenten bekommen auch kein Lehrmaterial von Firmen geschenkt.

        Ich habe Deinen Artikel als sehr ganzheitlich aufgefasst, sprichst Du ja sehr viele Themen an: Z.B. Schmutz in Schulen bis hin zu Inklusion. Und das Bildungssystem bestaht nunmal nicht nur aus LehrerInnen und Schule, sondern aus VhS, Nachhilfeinsitute und viele mehr.

        Die Inklusion scheint Dir sehr wichtig zu sein. Und darauf beziehe ich mich: Eine Grundschulreferendarin gibt folgende Hausaufgabe auf: “Übe das Diktat mit Deiner Mutter oder Oma und besprecht danach die Fehler.” Und was ist mit einem Kind, dass niemanden zu Hause hat, der das kann? Das nenne ich das Gegenteil von Inklusion.

        Was nützt es, mehr Lehrpersonal einzustellen, welches auf diese Art und Weise ausgebildet ist?

        Ich kenne zwei sehr gute Beispiele, wo die vorhandenen (verbeamteten) LehrerInnen wunderbar Inklusion betreiben, indem sie Verständnis für die Eltern ihrer Kinder entwickelt haben, z.B. da dafür, dass eine Mutter, die für 6,50€ arbeiten muss, nicht ständig Geld für Schulmaterial ausgeben kann etc.

        Wir brauchen nicht mehr LehrerInnen, sondern wir brauchen anders ausgebildete LehrerInnen. Und solange hier nicht grundlegend etwas geändert wird, macht es sehr wenig Sinn, da noch mehr Geld reinzupumpen.

        Dann ist es sinnvoller, einem Kind z.B. ordentlichen Nachhilfeunterricht zu bezahlen. Auch hier leisten die VhS sehr wertvolle Arbeit mit zunehmendem Erfolg.
        Ich weiß von mehr als einem Mathe-Grundkurs, wo der komplette Kurs Nachhilfe bekommt, bis auf die paar, die es sich nicht leisten können und die haben unter 5 Punkten.

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        • Wir brauchen beides. Viel mehr viel besser ausgebildete Lehrer*innen und ergo eben sehr viel Geld. So sehe ich es.

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          • Und dieses Geld sollte überlegt ausgegeben werden. Einer meiner Nachhilfeschüler sitzt in einem solchen Grundkurs. Seine Lehrerin darf keine Leistungskurse mehr unterrichten, da letztes Jahr der komplette Kurs in der Zweitkorrektur durchgefallen ist. Es handelt sich um eine Junglehrerin mit 2300€ netto monatlich und verbeamtet! Und das gibt es leider in allen Schattierungen.
            Mein Sohn geht auf eine von zwei öffentlichen Schulen in unserer Gegend, wo die Lehrer pünktlich kommen. Großer Nachteil für mich: Er hat total wenig Hausaufgaben auf und das auf dem G8-Gymnasium! Auch das geht, wenn LehrerInnen ordentlich zusammen arbeiten!

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