Ein Tanz um den Topf mit dem Gold

Flyer_Multiplikatoren

Wer, Wem, Was ???

 

Es war im März diesen Jahres, dass ich aufmerksam wurde auf die sympathischen Plakate. Darauf zu sehen waren glückliche Familien, Kinder die lachend Bücher lasen oder die beim gemeinsamen Schulmittagessen Freude und Bildung verströmten. Es waren höchst rätselhafte Plakate, deren Botschaft mir nicht eindeutig zu entschlüsseln war. Es wurde da geworben für eine bessere Welt, in der Familien Intelligenz, Wohlstand und Freude ausstrahlten. Über ihren Köpfen prangte das Logo des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und die Botschaft: Mitmachen möglich machen! Diese Plakate waren überall in der Stadt und sie ließen mich rätselhaft zurück.

War das eine Aufforderung? Sollte ich etwas ermöglichen? Konnte ich dazu beitragen, dass Familienbilder künftig so aussähen? Was musste ich tun? Oder war das ein Versprechen? Versprach mir hier das Ministerium für Arbeit und Soziales, dass sie mir zukünftig etwas ermöglichen würden? Und was genau würden sie mir dann jetzt ermöglichen?? Mitmachen??? Also sollte ich doch etwas machen?! Ich war komplett verunsichert und notierte mir die angegebene Internetseite, um das Rätsel referentiell zu lüften. Zunächst musste also tatsächlich ICH irgendetwas tun. Ich musste erst mal verstehen, worum es hier überhaupt ging.

Inzwischen waren auch einige Journalisten dem Ruf der Plakate gefolgt und spärlich streuten sich hier und da kleine Meldungen in die Zeitungen über etwas, das sich Bildungspaket nannte. Das Bildungspaket enthielte staatliche Leistungen in Form finanzieller Unterstützung für das Schulmittagessen sowie sportliche Aktivitäten und Bildunsausflüge “sozial schwächerer” Kinder. Und irgendwie könnte man diese Leistungen beantragen und irgendwie sogar rückwirkend, aber irgendwie hatte es auch noch nie jemand tatsächlich irgendwo gesehen …

Es war mystisch. Die Internetseite half mir keinen Deut weiter. Nirgendwo konnte ich einen Hinweis darauf finden, wo ich diese Leistungen auf welche Weise beantragen müsse. Alles, was ich begriff war, dass ich zu den Menschen gehörte, denen sie zustanden. Mitmachen sollte möglich sein. Nein … möglich gemacht werden – wer jetzt wem ?!

Meine ersten formlosen Anträge stellte ich beim Jobcenter, beim Bürgerbüro und bei der Familienkasse. Denn nachdem ich alle diese Stellen angerufen hatte, hatte keinen von ihnen mir sagen können, wer von ihnen dafür zuständig seien würde, diese Leistungen zu erbringen. Vordrucke für Anträge gab es ebenfalls keine. Ich erhielt niemals eine Antwort darauf.
Im April schließlich verdichtete sich der Zeitplan. Plötzlich berichteten die Zeitungen, die Leistungen könnten nur noch bis Ende des Monats rückwirkend beantragt werden. Ich rief beim Arbeitsamt an. Man teilte mir mit, dass es noch keine Anträge gäbe. Ich wies daraufhin, dass ich einen formlosen eingereicht hätte. Darauf informierte mich die Dame am Telefon darüber, dass sie keinen Vermerk diesebezüglich finden könne in ihrem Computer und damit war die Diskussion dann auch beendet. Ich stellte erneut einen formlosen Antrag, den ich dieses mal persönlich vorbei brachte.

Ich kürze diese Geschichte nun mal ein bisschen ab. Heute ist der 7. November. Die Ablehnung kam vor einer Woche mit der Post. Es handelt sich hierbei selbstverständlich nicht um eine Ablehnung irgendeines der bereits erwähnten Anträge. Seit Juli gibt es vorgefertigte Vordrucke. Im Juli habe ich einen solchen ausgefüllt und nun kommt also endlich die Ablehnung. Selbstverständlich war es für eine rückwirkende Auszahlung in diesem Moment schon viel zu spät. Vier Monate waren vonnöten, um meinen einseitigen Antrag zu prüfen und zu prüfen und ihn schließlich abzulehnen. Eine Begründung enthält das Schreiben nicht. Bloß diese Standardformulierung, dass ich gegen dieses Schreiben innerhalb von vierzehn Tagen widersprechen kann. Was ich tun werde.

Mit den Leistungen des Bildungspakets ist es eben wie mit allen staatlichen Leistungen. Die Widerspruchsrechtsbelehrungsfloskel ist schon fast so etwas wie die Aufforderung zum Tanz. Ein ewiger Tanz, eine ständige Übersprungshandlung, wie diese Sprechchöre im Konzert:

Wenn ich sag Antrag, sagt ihr Nein —
ANTRAG !
NEIN!
ANTRAG!
NEIN!

Wie ich meinen Widerspruch formuliere, darüber bin ich mir noch nicht im Klaren. Schließlich begründen sie ihre Ablehnung nicht. Alles, was dort steht ist, dass sie nach Prüfen meines Antrags feststellen, dass ich keinen Anspruch auf diese Leistungen habe. Aber diesen Anspruch habe ich durchaus. Es ist eine Farce. Sinngemäß müsste ich antworten:

“Hiermit lege ich Widerspruch ein gegen die Ablehnung meines Antrags aus Leistungen aus dem Bildungspakets wegen JA WOHL !”


 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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