Du bist nicht erziehungsfähig!

Der Willkür, mit der Gutachter*innen für familiengerichtliche Verfahren ihre Arbeit verrichten, sind Betroffene schutzlos ausgeliefert. Für Natalie* wurde diese Tatsache fast zum Verhängnis. 

Es war ein heißer Sommertag im Jahr 2012 als ich das familienpsychogische Gutachten in der Hand hielt, das mein Leben ändern sollte. Ich kann mich noch gut erinnern, weil ich mit meinen Kindern an der Nordsee im Urlaub war. Das erste Mal alleine mit ihnen.

Der Papa und ich hatten uns im Jahr zuvor getrennt.

Es gab gute Gründe für mich –  Gewalt, Straftaten, Stalking.

Wir hatten es zwar noch mit einer Familienberatung versucht, aber alle Gespräche liefen ins Leere.

Mit einer Anwältin ging ich vor Gericht nachdem der Vater nachts bei mir im Schlafzimmer stand – betrunken. Er hatte mich und sogar die Nachbarn bedroht.

Ich wollte ihm nicht das Sorgerecht entziehen lassen oder ihm die Kinder vorenthalten. Ich machte mir einfach Gedanken um unsere Zukunft. Die Straftaten machten mir in Bezug auf die Kinder Sorgen.Und ich wollte, dass der Vater eine feste Umgangsregelung bekommt und nicht immer in unserer Wohnung steht um die Kinder unangekündigt mitzunehmen.

Ich erhoffte mit Hilfe vom Familiengericht.

Der Richter gab ein familienpsychologisches Gutachten in Auftrag, weil er die Problemlage bei uns nicht abschätzen konnte.Ich fand die Gutachterin nett und hoffe darauf, dass die unsere Familiensituation fachlich beurteilen würde. Immerhin war sie eine vom Gericht bestellte Sachverständige – so naiv dachte ich damals. Ich machte mit, nahm ein paar Termine mit ihr wahr. Die Kinder und ich wurden in Interaktion beobachtet, der Vater ebenso.

Wir warteten ein paar Monate.

An diesem besagten Sommertag schickte meine Anwältin mir eine Email mit dem Gutachten. Es drehte sich alles als ich es las. Ich konnte es nicht fassen. Der Urlaub war gelaufen und ich stürzte ins Bodenlose.

Das Gutachten fiel sehr schlecht für mich aus. Die Gutachterin diagnostizierte mir allerhand Störungen (was sie eigentlich gar nicht durfte, sie behandelt aufgrund einer Heilpraktikerlizenz)  und erklärte mich für eingeschränkt erziehungsfähig.

Der absurdeste Vorwurf: ich sei geistig nicht altersangemessen entwickelt. Ich habe Abitur und ein Studium gemacht und arbeite als Managerin in einem großen Konzern. Das hatte mir vorher noch niemand attestiert.

Der Vater hatte nach ihrem Gutachten nichts. Die Straftaten, die Gewalt, das Stalking – als hätte es all dies nie gegeben. Er sei die bessere Wahl für unsere Kinder und voll und ganz erziehungsfähig.

Ihr Vorschlag: Wechselmodell oder die Kinder ziehen zum Vater. Ich sollte nur unter strengen Auflagen die Kinder sehen dürfen.

Es gab nun zwei Möglichkeiten: kämpfen oder aufgeben. Ich entschied mich für Ersteres. Meinen Kindern zuliebe.

Ich fand im Internet weitere Betroffene von dieser Gutachterin. Wir vernetzten uns. Ich sprach mit Experten und vielen Beratungsstellen und anderen Institutionen.

Immer mit meinen Papieren in der Hand: einen Befund einer approbierten Psychologin, das ich gesund bin, Stellungnahmen vom Kinderarzt, Kita, Therapeuten der Kinder und sonstigen Menschen aus meinem Umfeld, die belegen, dass ich eine liebevolle Beziehung zu meinen Kindern pflege.

Mit viel Geld ließ ich eine Gegenexpertise zu meinem Gutachten erstellen von Prof. Dr. Leitner (ein Experte zum Thema Familiengutachten), den ich später auch persönlich kennen lernte. Er stellte fest, dass das Gutachten schwere methodische Mängel aufwies. Psychologische Tests wurden falsch ausgewertet. Methoden fehlerhaft angewandt. Alles mangelhaft und nicht verwertbar war sein Fazit.

Die gutachterliche Stellungnahme wurde noch in der ersten Gerichtsinstanz verworfen. Die Empfehlungen der Gutachterin wurden nie umgesetzt. Ich hatte großes Glück, denn in der Regel folgen die Richter den Empfehlungen der Sachverständigen.

Uns als Familie hat das alles traumatisiert.  Ich kann bis heute diese Willkür nicht fassen und das Thema auch nicht einfach abschließen.

Wir haben mit vielen Betroffenen eine Internetseite aufgebaut.Über Kontakte haben wir eine Datenbank mit vielen Betroffenenadressen von Gutachterin in Deutschland und Österreich bekommen.

Über den sog. „Freundeskreis“ können Eltern sich mit anderen Gutachterbetroffenen vernetzen und es gibt Informationen, wie man sich auf den Gutachtenprozess vorbereiten kann.

Nach einer aktuellen Studie der Fernuniversität Hagen erfüllen 90% aller Familiengutachten die Anforderungen nicht.

Jeder Elternteil, der ein solches Gutachten bekommt, sollte das nicht auf sich sitzen lassen und sich dagegen wehren.

*Name geändert.

Mehr Informationen und den Austausch mit anderen Betroffenen findet ihr hier.

 

Bildquelle:http://www.stuttgarter-zeitung.de/media.media.620de23c-bf1a-44f4-b65c-0ef3bd3e0c4a.normalized.jpeg

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Author: Sarah Wiedenhöft

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2 Comments

  1. Hi, der Link unter “hier” funktioniert nicht. Ist damit familiengutachten.info gemeint?

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    • Danke dir für die Info! Ja, genau. Jetzt müsste es aber auch gehen.

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  1. Du bist nicht erziehungsfähig | - […] Posted By Sarah on 12. Mar 201…

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