Die Schule stört meine Beziehung zu meinem Kind

x-beliebige Schulfassade

Für die Erziehung meiner Tochter habe ich klare Ansprüche und Ziele. Ich möchte sie immer unterstützen, ihre Lebensideen akzeptieren und ich möchte ihr immer auf Augenhöhe begegnen. Ich möchte sie ernstnehmen als Menschen und gestehe ihr ihre Persönlichkeit zu. Sie soll emotional gestärkt werden von mir und ich will versuchen, blind mit ihr auf Ereignisse zuzulaufen, zu denen ich selbst bereits negative Erfahrungen gesammelt habe, ohne sie deshalb davon abhalten zu wollen, die selben Fehler zu begehen. Ich gönne ihr jede Erfahrung selbst und habe kleine Lust, ihr meine Ideologien aufzuzwängen. Ich gehe sogar davon aus, dass meine Tochter klüger ist als ich und das sage ich ihr auch. Sie hat jetzt schon ungefähr halb so viele Bücher gelesen wie ich in meinem mehr als doppelt so alten Leben und durch mein eigenes Verhältnis zu meinen Eltern und den Geschichten von anderen Menschen weiß ich: In der Regel ist ein Kind die bessere Version seiner Eltern. Ein kleines Schrittchen weiter auf der Treppe der Evolution. Darum möchte ich sicher nicht den lächerlichen Versuch begehen, mich über sie zu stellen. Und das gelingt mir auch meistens. Seit ein paar Jahren jedoch gibt es immer wieder Angriffe auf diese stille Abmachung. Seit meine Tochter eine staatliche Schule besucht, habe ich mich oft dabei ertappt, wie ich von diesem guten Weg fast abgekommen wäre. Immer wieder tappe ich für kurze Zeit in Fallen und dann zerstöre den häuslichen Frieden. Ich will dann irgendwas von ihr. Sie soll gefälligst irgendetwas bestimmtes leisten. Ich will dann plötzlich, dass sie funktioniert. Und dann halte ich lange Reden. Sehr lange Reden über Disziplin und Verantwortung, über das harte Leben später und die Konsequenzen von Faulheit.

“Nein, ich habe nicht gesagt, dass du faul bist! Ich habe nur gesagt, dass Faulheit Konsequenzen hat.” Ist dann durchaus so ein unsympathischer und glatt gelogener Satz, der tatsächlich so aus meinem Mund kommen kann. Ein verletzender und gewaltiger Fehler meinerseits und immer wieder muss ich dann zurückrudern und mich entschuldigen und wieder das Gegenteil sagen irgendwann. Dass ich im Unrecht und verletzend war und dass sie ein großartiger Mensch ist. Von wegen faul oder undiszipliniert! Eigentlich ist sie ja sogar klüger als ich, muss ich uns dann beide wieder erinnern.

Aber wieso komme ich denn immer wieder von diesem tugendhaften Pfad ab zwischendurch? Wieso werfe ich meiner Tochter Faulheit vor? Warum habe ich hin und wieder das Gefühl, ich müsste ihre Leistung kommentieren? Das liegt an dem Ort, den sie täglich für mehrere Stunden besucht und wo ich sie alleine lasse mit einem großen System, das mir selbst schon immer Angst eingejagt hat und seinen Schrecken auch noch immer nicht eingebüßt hat, obwohl ich selbst glücklicherweise schon seit vielen Jahren nicht mehr zur Schule gehen muss. Meine Tochter ist eine Schülerin und dieser Status wirft zu Hause immer wieder Missverständnisse auf. Denn die Schule und ich sind uns quasi in gar nichts einig, meine Tochter und ich hingegen sind uns einig in allen Fragen, wo wir mit der Schule kollidieren.

Ich bin gegen Benotungen, ich bin für Inklusion in den Schulen. Ich wünsche mir eine Schule, die jedem Menschen die selben Chancen einräumt, unabhängig von seinem sozialen Status, seiner körperlichen oder geistigen Einschränkungen oder seiner Herkunft. Doch so eine Schule ist es ja nicht, die meine Tochter besucht. Der Ort, den meine Tochter besucht, dessen Daseinsberechtigung ficht mein Wertesystem permanent an. Ich empfinde die Erwartungen, die man an meine Tochter stellt absolut übersteigert im Verhältnis zu dem, was wir von unserer Schule erwarten dürfen. Meine Tochter hatte über zwei Jahre lang keine Mathelehrerin und der Unterricht wurde von verschiedenen LehrerInnen (oft auch pensionierte LehrerInnen) übernommen. Jeder hatte dabei andere Ideen, wie meiner Tochter und ihren MitschülerInnen der Stoff zu vermitteln wäre. Zwei Jahre lang gab es keinen roten Faden in einem Fach, das den meisten so schwer fällt. Der Mathematikunterricht wird ohnehin seit Jahrzehnten von Experten kritisiert, da er das Wissen in den meisten Fällen nicht vermittelt, sondern eher einhämmert. Im Falle der Klasse meiner Tochter (und zahlreicher anderer Klassen mit den selben Problemen) frage ich mich, ob das Versprechen des Staates in unserem Fall überhaupt eingelöst wurde? Immerhin zwinge ich meine Tochter nun schon seit fünf Jahren jeden Tag in diesen Laden. Da werde ich wohl einmal danach fragen dürfen, zu welchem Zweck ich das tue?!

Denn ich kann kaum etwas von dem vertreten, was deutsche Schulen ausmacht. Allen voran die Erwartungen, die der Staat an meine Tochter hat, halte ich für absolut überzogen. Der permanente Vergleich mit anderen, dem sie nun schon fünf Jahre lang ausgesetzt ist, empfinde ich als Beleidigung an ihr und all den anderen Kindern. Und die Regeln kann ich sämtlich kaum verstehen. PISA weist seit Jahren schon nach, dass wir von unserem Bildungssystem gar nichts mehr zu erwarten haben. Die deutschen SchülerInnen schneiden immer schlechter ab im internationalen Vergleich. Ich frage mich also, wieso ich durch die Schulpflicht gezwungen werde, diesen Blödsinn zu unterstützen. Wieso lasse ich zu, dass ein erwiesenermaßen nicht funktionierendes System sich so stark macht in unserem Leben und so viel von uns verlangt? Wieso darf ich andererseits nicht ganz natürlich erwarten, dass unser Bildungssystem reformiert wird? Wie kann es sein, dass ich dem Staat gehorchen und mein Kind in diesen seltsamen Laden schicken muss, der Staat seinerseits muss mir dafür aber gar nichts garantieren. Momentan sieht es für mich ganz klar so aus:

Ich muss dem Staat versprechen, dass ich ihm jeden Tag für viele Stunden mein Kind überlasse, damit er ihm Regeltreue, Stillsitzen und Klappehalten beibringt. Anderes bringt er ja laut Expertenmeinung auch gar nicht zu Stande. Das sind alles Maxime, die ich meiner Tochter ganz auf gar keinen Fall beibringen möchte und ich habe auch nach fünf Jahren wirklich lange genug von eingen LehrerInnen, die sich über meine Tochter erheben. Der Staat hingegen muss uns offenbar gar nichts dafür zurückgeben. Keine Bildung, keine Inklusion, keine Aufstiegschancen, keine Hoffnung, keine Liebe und keine Aufmerksamkeit. In der Bringschuld ist immer nur meine Tochter und im Dilemma bin immerzu ich. Denn von mir wünschen sich die LehrerInnen Unterstützung, wenn es um Konflikte geht, bei denen ich am Ende doch immer auf der Seite meiner Tochter bin. Selbst, wenn sie ausnahmsweise mal Recht haben und es um einen gesellschaftlichen Regelverstoss geht, so kämpfe ich doch dann immer noch mit der Frage, was meine Tochter letztlich dazu bewogen hat, sich falsch zu verhalten. Und ich komme zu dem Schluss, dass dies vermutlich gar nicht passiert wäre in einem anderen Umfeld. Und ich kann ihr einfach gar nichts vorwerfen.

 

Ich mochte Schule selbst nie. Ich war eine schlechte und rebellische Schülerin in den meisten Fächern. Und ich weiß auch heute noch, wieso ich mich so verhalten habe. Weil ich die Erwartungen der Schule an einen Menschen für absoult unsinnig halte. Und obwohl die Welt sich ändert, hat sich an der Schule in all diesen Jahren kaum etwas verändert. Meine Tochter besucht eine Schule, die meiner ähnelt. Es ist doch lachhaft, dass sich nichts geändert hat an diesem System. Und umso lachhafter ist es, wenn ich dann plötzlich als Eltern meine Einstellung dazu ändere und mich auf die Seite der Schule stelle. Ich bleibe bedingungslos. Ich bin auf der Seite meiner Tochter, wann immer auf der anderen Seite die Schule steht.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

1 Comment

  1. Zustimmung

    *lach

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*