Die “Krippenlüge”, wie wahr!

Auf Süddeutsche.de wurde heute ein Text von Alexandra Borchardt veröffentlicht, der offenbar für viel Verwirrung gesorgt hat. Ich habe diesen Artikel von mehreren LeserInnen zugeschickt bekommen. Viele sind verständnislos, einige wütend. Grund genug, sich den Text mal genauer anzusehen.

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Bild: BR, Alexandra Borchardt

 

Unter dem Titel Die Krippenlüge beschreibt die Autorin, warum das gesetzliche Recht auf einen Krippenplatz nicht die Lösung für unsere Probleme ist. 

Ein Kitaplatz ersetzt nicht den Partner

ist dort unter anderem zu lesen. Ach was?! Viele Argumente klingen im ersten Moment nach feministischen Thesen, wer genauer hinliest, entdeckt dann aber doch nur wieder die alten ökonomischen Argumente und ein sehr rückständiges Bild von Frauen, die offenbar darüber aufgeklärt werden müssen, dass es ihre privaten Denkfehler sind, die ihnen die Emanzipation verleiden. Der Text wirbt für weniger staatliche Verantwortung und mehr Eigenverantwortung. Wie ein Startschuss für die Entmündigung wirkt der Text. Er spricht den Frauen die Fähigkeit ab, das arbeits- und familienpolitische Geschehen zu überblicken und wartet dabei mit Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten auf.

In Deutschland entsteht hingegen oft der Eindruck, die Zeugung von Nachwuchs hänge davon ab, wie üppig das staatliche Rundum-Sorglos-Paket ausfällt, das vom Krippen- bis zum Studienplatz, vom Eltern- bis zum Kindergeld reicht. Studien belegen seit Jahren: In keinem anderen Land wird so viel Geld für Familienleistungen eingesetzt – mit so wenig Wirkung.

In keinem anderen Land wird soviel für die Familienpolitik aufgewandt? Das ist schon der erste Fehler. Skandinavische Länder geben bereits seit Jahren – gemessen an den jeweiligen Landesgrößen – sehr viel mehr Geld aus für ihre Familien. Die Leistungen sind dort sehr viel höher als für deutsche Eltern und mit welcher Wirkung? Sie liegen zB. auf den vorderen Plätzen der PISAstudien. Dies ist nur eine nachweisbare Wirkung der hohen Staatsleistungen für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder. Frau Borchardt erwähnt in ihrem Text auch eine Wirkung. “mit so wenig Wirkung”, sagt sie und lässt damit viele Fragen offen. Welche Wirkungen meint sie? Sie werden ja immerhin beurteilt. Viel Geld, wenig Wirkung behauptet der Text. Solange die Wirkungen nicht beschrieben werden, halte ich ein Urteil für vorschnell, wenn nicht gar für Propaganda.

Im folgenden Absatz beschreibt sie etwas, das sie evtl. mit dieser Wirkung gemeint haben könnte. Sie beschreibt amerikanische Verhältnisse, das dort alles viel teurer sei und die Frauen dennoch durchschnittlich mehr Kinder bekämen. Das ist fast richtig. Während unsere Geburtenrate seit den Sechzigern konstant bei etwa 1,4 liegt, liegt die der USA seit dem selben Zeitraum stetig bei etwa 2. Ein sehr geringer Unterschied also. Zudem wirft diese Behauptung doch eine grundlegende Frage auf.

Was soll Familienpolitik leisten?

Der aktuelle Spiegel titelt “Das Sorgenkind – Deutschlands gescheiterte Familienpolitik” und er erklärt die tatsächlichen Parameter der Familienpolitik. Ein interner Zwischenbericht, der von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde kritisiert demnach beispielsweise das Betreuungsgeld, das Ehegattensplitting und das niedrige deutsche Kindergeld, das nach Meinung der Gutachter mindestens doppelt so hoch ausfallen müsste. Experten kommen zu Wort und beschreiben, was für deutsche Familien wirkungsvoll wäre und wie wenig wirkungsvoll die derzeitige Familienpolitik sei. Aufgabe der Familienpolitik kann es niemals sein, das Volk zum Kinderbekommen zu überreden. Wenn man also Familienpolitik nach ihrer Wirksamkeit beurteilen will, so kann es niemals ein Argument sein, ob sie die Geburtenrate steigert. Wozu auch, wenn es so viele bereits geborene Kinder gibt, denen das Leben in den derzeitigen Verhältnissen so sehr erschwert werden. Die Wirkung der Familienpolitik misst man an den vorhandenen Familien, nicht an eventuell mal entstehenden Familien. Wenn Frau Borchardt also Höhe des Geldes und Wirksamkeit miteinander vergleichen muss, so können die Pfeiler dieses Vergleichs immer nur bestehende Ausgaben und bestehende Familien sein.

Damit nicht genug in den blauen Himmel hinein spekuliert. Es kommt ja noch viel dicker:

Die amerikanische Autorin Hanna Rosin, die derzeit mit der deutschen Version ihres Buches “The End of Men” (“Das Ende der Männer”) durch Deutschland tourt, rät karrierefreudigen Studentinnen: “Wenn du in der Business School einen Mann triffst, von dem du annimmst, er könnte mal ein Vermögen machen, heirate ihn nicht. Nimm lieber einen aus dem mittleren Management.” Ein Kitaplatz ersetzt niemals den Partner, der sich fürs Kind auch wirklich verantwortlich fühlt.

Geschickter Zug. Frau Borchardt lässt das mal so stehen. Ob es ihre Meinung widerspiegelt ist damit ja gar nicht gesagt. Die ökonomische Argumentation, die dem ganzen Text zu Grunde liegt, erreicht an dieser Stelle den Höhepunkt. Kinder und Karrieren werden zu willkürlichen Lebensaufgaben und nur wirtschaftlich überprüft. Ein Kind zeugen sie besser nur mit Männern, die bestimmte Kriterien erfüllen. Z.B. dürfen Frauen sich nicht in Spitzenverdiener verlieben. Sollte Ihnen dieser “Fauxpas” aber dennoch unterkommen, so sollten sie wenigstens keine Kinder mit ihm zeugen. Ja, habe ich denn für meinen Rechte als Frau gekämpft, um die perfekte Gebährerin zu werden? Soll ich mein Leben nur daraus ausrichten, den richtigen Mann zum Kinderzeugen zu casten? Soll ich all meine Lebensentscheidungen darauf konzentrieren, dem Staat mehr Kinder zu bescheren, um die ich mich dann bitte auch noch selbst kümmern soll? Mit anderen Worten: Der Staat soll gar nichts mehr für mich tun, aber ich ALLES für ihn?

Kommen wir zum Schlusssatz – der Spitze der Unverschämtheiten:

Auch die Kita-Gläubigen werden sich irgendwann damit abfinden müssen: Nicht jeder kann zu jeder Zeit alles haben – Kinder, zwei Vollzeitkarrieren, ein erfülltes Privatleben und noch ausreichend Kleingeld, um alle übrigen Wünsche zu finanzieren. Es ist an der Zeit, weit über die Krippe hinauszudenken.

Ist es nun also schon eine Frage des Glaubens geworden, ob Kinder in eine Kita gehören? Diese Formulierung ignoriert sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema frühkindlicher Erziehung und wieder wird den Frauen das Vermögen abgesprochen, die realen Lebensverhältnisse überblicken zu können. Die Diskussionen der letzten fünfzig Jahre werden damit hinfällig. Wir , liebe Mitmenschen, sind nicht klug genug, es zu kapieren. Es ist einfach nicht möglich. Der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, wäre damit ja dann dank Frau Borchardt entschieden: Es ist gar nicht möglich für eine Frau, eine Karriere zu machen. Oder sie entscheidet sich eben gegen Kinder. Ganz rational versteht sich. Aber besser wäre es, sie richtete ihr gesamtes Leben auf das Gebären aus. Wegen der Wirksamkeit. Wegen der Geburtenrate. Danke, Frau Borchardt, für diese gefährliche Einschätzung der Lage. Das ist der Sexismus, über den wir seit Tagen so hitzig diskutieren. Frauen die anderen Frauen suggerieren, sich aus der Arbeitswelt bitte heraus zu halten.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Hmm mit Binsenweisheiten kann man anscheinend gut “derailing” betreiben…

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