Die kleine Gewalt

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Mein Name ist Maike von Wegen. Du hast gedacht, ich sei „ein wenig talentiert“, ein „bisschen witzig“ und „irgendwie intelligent“, aber nun hast Du festgestellt, dass ich in Wahrheit nur ein selbstgefälliges, dummes kleines Ding bin. Das liegt nicht zuletzt an meinem allerletzten Artikel, in dem „Schwänze“ vorkamen, sondern auch daran, wie ich auf irgendwelche Kommentare reagiert habe und es ist an der Zeit, es einzugestehen:

Ja. Ich halte mich für besonders klug, ich denke, dass ich witzig bin und ich habe tatsächlich überhaupt gar kein Interesse daran, dass Du mich magst. Ich bin wahrhaft selbstgefällig. In Wahrheit interessiert mich am Ende des Tages nur, dass ich selbst – und nur ich ganz allein – glücklich und zufrieden bin. Zugegeben, ich bin eine Bitch.

Und selbstverständlich ist es Dein gutes Recht als mein Leser – nein, es ist Deine Pflicht – mich in meine Schranken zu weisen. Mir zu zeigen, dass ich nicht fliegen kann, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzureißen, meine Arbeit zu bewerten, mich als Mensch zu be- und verurteilen. Schließlich bist Du ja mein Leser. Du bist derjenige, den ich immer wieder zuschwallere mit meinen trivialen Gedanken. Und du hast ja keine Wahl. Wann immer ich etwas schreibe, ist es Deine Pflicht, diesen Text zu beurteilen. Und dabei bist Du in der Regel dazu gar nicht prädestiniert. Du bist kein Lektor, kein Autor, kein Journalist, kein Verleger oder Redakteur, in der Regel bist Du jemand, der von Literatur oder dem Texten überhaupt gar keine Ahnung hat, aber Du bist der auktoriale Leser. Du weißt alles und Du bist so eine Art Gott.

Ich bin es so leid. Ich bin es so leid, die immer gleichen Mails von immer anderen Menschen zu erhalten, die sich selbst im Moment Ihres schriftlichen Ergusses so ernst und wichtig nehmen, dass sie glauben, es sei Ihr Recht, Gewalt an mir zu üben. Denn nichts anderes ist das. Viele sind da subtiler unterwegs und machen mich in den Kommentaren unter den Artikeln auf Rechtschreibfehler aufmerksam. Weil es offenbar ein so gutes Gefühl für einen Leser sein muss, wenn er sich schlauer fühlen kann als der Autor. Weil es vielleicht einschüchtert, dass ich Autorin bin. Dass ich mir den ganzen Tag irgendwelche Gedanken mache und diese dann auch noch ausformuliere, um sie auf die Menschheit loszulassen. Vielleicht macht das dem ein oder anderen Leser ja Angst. Vielleicht fühlt er sich bedroht und darum muss er sich über mich stellen.

Aber ich will Euch mal die Augen öffnen, Ihr „lieben“ Kritiker. Wann immer ich eine mail erhalte, die so beginnt. Mit diesem „Ich dachte, du seist ein wenig talentiert!“, so lese ich sie laut meinem Freund vor und wir lachen uns gemeinsam darüber halbtod. Wir freuen uns, dass es wieder jemanden provoziert hat, dass ich tatsächlich sehr witzig und intelligent bin. Vor allem Männer können damit oft nicht gut umgehen. Wenn ihnen nicht passt, was ich schreibe, so werde ich gleich beschimpft und kleingemacht. Ihr solltet das aber wissen: Was Ihr da ausübt, ist Gewalt. Ihr versucht, mich kleinzumachen und mir wehzutun. Was Ihr nicht wisst ist: ich bin tatsächlich so richtig klug. Ich bin so klug, dass ich das alles durchschaue. Und in dem Moment, in welchem Du glaubst, mich würde Deine Meinung interessieren, ist es in Wahrheit genau andersherum. Du interessierst Dich für meine Meinung. Du bist es, der immer noch meinen Blog liest oder meine Aktualisierungen bei facebook abonniert hat. Du bist der Konsument und mir ist das alles herrlich egal. Lies meine Artikel oder tu es nicht, aber mach Dich nicht lächerlich. Du interessierst Dich für mich und das kannst Du mit diesen Gewaltsätzen auch nur verdeutlichen und niemals kleinreden.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Liebe Maike von Wegen, also, wenn du dich tatsächlich nur für dich interessierst und es dir egal ist was andere über dich denken, dann frage ich mich, weshalb du deine ” schriftlichen Ergüsse” hier öffentlich machst? Ich denke du darfst über Kommentare deiner Leser gekränkt sein, vor allem, wenn sie von deiner Kunst, Rückschlüsse auf dich ziehen. Du empfindest abwertende Mails in Bezug auf deine Texte zu Recht als Gewalt an dir, ich verstehe nur nicht, warum du so tust, als sei dir das egal – oder sollte das jetzt witzig sein? Und, Leute die dich wegen Rechtschreibfehler anschreiben, sind bestenfalls Bürokraten. Liebe Grüße von einer alleinerziehenden Germanistikstudentin, die sich in keinster Weise auktorial fühlt

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    • naja, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Da steht ja auch: “Ich bin es so leid. Ich bin es so leid, die immer gleichen Mails von immer anderen Menschen zu erhalten, die sich selbst im Moment Ihres schriftlichen Ergusses so ernst und wichtig nehmen, dass sie glauben, es sei Ihr Recht, Gewalt an mir zu üben.”

      Ich bin es leid. Leid. Also leide ich darunter. Ja, das tue ich. Aber ich leide eher darunter, dass Menschen so miteinander umgehen, als dass ich mir so etwas persönlich zu Herzen nehme. Zu Herzen nehme ich es mir nur, wenn die Kritik stimmt und so formuliert ist, dass man die Ernsthaftigkeit dahinter erkennen kann. Letzte Nacht schrieb mir zum Beispiel jemand, er sei Opfer sexueller Gewalt und fühle sich durch meine Worte im European verletzt.

      Das nehme ich ernst und das tut mir dann auch weh. Aber ich weigere mich, unter Beschimpfungen von Narzisten zu leiden. Da gehe ich dann lieber joggen oder zersäge Europaletten und bau mir eine Bank. Sowas eben.

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  2. großartiger Text – wie immer. 🙂 Verstehe dich so gut, Meike – lass dich nicht beirren, du bist auf der genau richtigen Spur, bitte unbedingt beibehalten!

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