Die Grenze zwischen dir und mir

Gastbeitrag von Dani Kranz

Nachdem Dani Kranz in ihrem letzten Gastbeitrag darüber berichtet hatte, wie sie selbst als priviligierte Person unter diskriminierenden Bewerbungsverfahren im akademischen Bereich leidet, löste sie damit eine Menge Ärger unter einigen Leser*innen aus. Sehr viele stießen sich daran, dass Dani sich selbst als “priviligiert” bezeichnete. Aber das ist sie nun einmal. Nun hat sie sich noch einmal die Mühe gemacht, für uns aufzuschreiben, wie ihr Bewerbungsverfahren für ein Stipendium der Daimler Benz Stiftung weiterging und vor allem: Wieso wir auch mit diesen priviligierten menschen zusammenhalten sollten.

die_grenze_zwischen_dir_und_mir_koepenicker-str_berlin-kreuzberg

Graffiti in Kreuzberg – “Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir.”

Es geht also doch. Nachdem ich diverse Ministerien, Regierungsstellen auf Landesebene, die Antidiskrimierungsstelle des Bundes (ADS), LAG, den VAMV, BuKoF, ÖGG, VBM, den Bundesverband der Juristinnen, die Gleichstellungsbeauftrage meines zukünftigen Arbeitgebers und den Frauenrat angeschrieben habe um auf die dubiosen Zulassungskriterien der Daimler und Benz Stiftung aufmerksam zu machen, hat die Daimler und Benz Stiftung mich zur Bewerbung zugelassen. Die diversen Stellen haben eine Sonderlaubnis für mich erwirkt.

Allerdings sollte einschränkend gesagt werden, dass keines der Ministerien, vom BMBF bis hin zum BMFJSJ wirklich für einen solchen Fall zuständig ist und die ADS eigentlich auch nicht. Da frau (es waren interessanterweise nur Frauen, die den dementsprechenden Stellen tätig sind) aber nicht begeistert über eine derartig diskriminierende Praxis war oder sich darüber im Klaren war, dass man mich nicht mehr loswerden würde, wurde die Daimler und Benz Stiftung darauf aufmerksam gemacht, dass sie mich doch bitte zur Bewerbung zulassen sollen. Das haben sie nun gemacht.

Rechtlich ist das von der Daimler und Benz Stiftung clever, da eben laut Spezialisten ein AGG Verstoß vorlag. Einen öffentlichen Rechtsstreit und negative PR hat die Stiftung so vermieden, einen Klagegrund habe ich nicht mehr. Fraglich ist natürlich, ob dieses ein Pyrrhussieg ist und ob sich langfristig etwas ändern wird. Wird die Stiftung ihre Kriterien ändern? Werden nun Eltern- und Pflegezeiten angerechnet? Oder bin ich lediglich eine erfolgreiche Einzelkämpferin und zwar nicht nur, weil ich kämpfe, sondern eben deshalb, weshalb einige Kommentatorinnen (!) auf meinen letzten Gastbeitrag allergisch reagiert haben: weil ich privilegiert bin und dieses eben auch bleibe, obwohl ich wie viele Alleinerziehende finanziell als arm eingestuft werde und mein Arbeitsverhältnis prekär ist.

Und das ist es eben, woran viel hackt: am Zusammenhalt. Alle Alleinerziehenden in diesem Land, egal wie gebildet, kämpfen in ihrem Alltag. Einige oder auch viele, wenn wir ehrlich sind, kennen die Grenzerfahrungen, die Belastungen, die Forderung oder auch Überforderung, die frustrierenden Diskriminierung, die sich durch die Beiträge ziehen.

Die Bildungsferne, die uns vorgeworfen wird, ist ein Vorwand, den die eigentlichen Probleme liegen in der strukturellen Benachteiligung aller Eltern, die für Alleinerziehende da sie eben Alleinerziehende sind, ganz andere, existenzgefährdende Auswirkungen haben. Nur 50% aller Unterhaltsverpflichteten zahlen, das heißt dann im Umkehrschluss, dass bei weitem weniger in irgendeiner Weise eine Entlastung im Alltag sind. Zu diesen finanziellen Problemen kommt dann noch die generelle Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, geforderte berufliche Mobilität, ein Mangel von Arbeitsplätzen, die Familien- oder Alleinerziehenden freundlich sind, Zeit- und Prekärveträge, Mangel von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und das die Zeiten der Kita nicht mit Arbeitszeiten im Einklang stehen. Unsere Probleme liegen an der schlechten Vereinbarkeit von Beruf und (alleinerziehender) Elternschaft, und sie treffen auf jeden von uns zu, nur sie treffen eben anders auf jeden von uns zu. Aber ist all das zu wenig für Zusammenhalt?

Es ist ein gravierender Unterschied, dass manche von uns zur Bildungselite gehören und sich durch ihre Titel und ihre Bildung anders, besser, und erfolgreicher Gehör zu verschaffen können. Ist das unfair? Ja. Auf alle Fälle, es ist unfair. Und eben dass ist es, was wir in der Hand haben zu ändern: das wir zusammenhalten, zusammen kämpfen, damit aus potentiellen Pyrrhussiegen echte Änderungen entstehen. Dafür werde ich kämpfen und ja, ich werde meine Bildung, Titel und Verbindungen dafür nutzen und strategisch handeln, ich werde all dieses nicht nur für mich sondern für andere benutzen.

Wir sind 1,7 Millionen und welche Macht in dieser Zahl steckt, wenn wir uns zusammenschließen, sollte uns langsam aber sicher bewusst werden.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

1 Comment

  1. Hallo liebe Dani Kranz,
    alles in allem ist es nicjt nur im Berufsleben schwer, sonderna uch im Alltag. Alelinerziehend mit kanppen Ressourcen, heisst auch – wenn man nicht Großeltern ums Eck hat und einen sich gut kümmendern Kindesvater – zeit seines Lebens abends zu Hause zu hocken. Das klirren der Gläser der anderen zu hören, die in lauen Sommernächten im Cafe ums Eck sitzen. Die Urlaubsreisenproblematik, das nach der Arbeitr mal ohne Kind zum Friseur zu können, kein für den Rücken dringend benötigter Jogakurs am Abend, kein Fitness Club etc… Das ist eine so enorme Einbuße an Lebensqualität, dass ich mich wundere über die geringe Thematisierung. Das was mich aber am meisten verwundert – ich wohne in einem Teil Deutschlands wo es sehr viele Alleinerziehende gibt -dass jede für sich kämpft. Ich habe schon in Newslettern zu einem Netzwerk aufgerufen, große Resonanz. Habe Pyjamaparties und Ausflüge, Speilnachmitatge vorgeschlagen, damit man mal zum Friseur kann etc. Aber es sind die Mütter, bei denen es am Ende nur beim may be bleibt. Verstanden habe ich das noch nicht. Man könnte sich so schön im Leben einrichten, gäbe es mehr Miteinander. Gegenseitieg Solidarität klingt richtig old fashoned und keiner weiss mehr wie das geht.

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*