Die Gesellschaft bin zum Beispiel ich

“Individually they don’t understand what they’re doing collectively.”

aus Dave Eggers – THE CIRCLE

 

Wut 2.0

Wer diesem Blog eine Weile folgt, weiß dass es hier oft um WUT geht. Mutterseelenalleinerziehend entstand aus einer Wut, reflektierte diese Wut und entwickelte Strategien, mit diesem Gefühl umzugehen. In meinem Buch habe ich diesem fiesen Gefühl gleich mehrere Kapitel gewidmet. Ich hatte die Wut im Griff, dachte ich. Doch nun bemerke ich, dass die Monster sich bloß verändert haben. Hatte ich es bisher immer mit der Beta Version zu tun, so befasse ich mich nun offenbar mit Wut 2.0. Und für die neuen Monster habe ich bisher noch nicht den passenden Umgang gefunden.

Ich war so wütend auf “die Politik”,  also “die da oben”, als ich mit dem Bloggen begann. Hinzu kam noch meine persönliche Wut auf meine Familie und all diese schlechten Gefühle waren hin und wieder kaum mehr für mich auseinander zu halten. Es hat drei Jahre gedauert, alles auseinander zu nehmen und zu reflektieren, bis ich endlich eine Haltung zu all dem fand. Ich begann damit, Dinge zur Sprache zu bringen, wenn sie mich ärgerten und nicht darauf zu warten, das sie zu riesigen Gewitterwolken anwuchsen. Ich lernte, die Botschaft so zu formulieren, dass mein Gegenüber sie annehmen und selbst reflektieren kann. Ich lernte, Fragen zu stellen statt zu behaupten und meine Ängste zu erklären, anstatt sie zu verleugnen. Ich habe für mich persönlich gelernt, dass ein direkter und ehrlicher Umgang mit allen meinen Gefühlen der beste Weg ist, dieser Wut zu begegnen. Ich habe sie akzeptiert und mit ihr gearbeitet.

Doch da ist gerade eine neue Wut in mir, die ich noch nicht ganz begriffen habe. Ein Monster, das ich einfach noch viel zu wenig kenne, um ihm einen passenden Platz in meinem Leben anzubieten. Ich weiß noch nicht recht, wohin mit diesem Ungetüm. Die beta Wut war ein verwursteltes Knöll, das sich hauptsächlich gegen Akteure des politischen oder neoliberalen Systems richtete. Inzwischen weiß ich, dass auch diese Menschen Menschen sind. Ich kann mit ihnen reden, meine Forderungen oder Kritik an sie adressieren und es gibt die Möglichkeit, die Wut in konstruktive Handlungen umzuwandeln. Wut 2.0 hingegen befasst sich mit Gegner*innen, die weitaus schwieriger zu fassen sind. Und streng genommen richtet sie sich auch gegen mich selbst. Ich bin nämlich wütend auf uns alle!

Am 22. Juni trat ich im WDR westArt Talk auf. Thema war “Familienbande – Sind Vater Mutter Kind von gestern?

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west Art talk – einfach auf das Bild klicken.

Bürokratie – ein Drachen mit vielen Köpfen

Auf der Zugfahrt dorthin las ich in Hannah Arendts “Vita activa – oder vom tätigen Leben”. Darin schreibt die Philosophin:

«Bürokratie ist diejenige Staatsform, in welcher es niemanden mehr gibt, der Macht ausübt; und wo alle gleich ohnmächtig sind, haben wir eine Tyrannis ohne Tyrannen»

Gemeint ist die permanente Verschiebung von Macht und Verantwortung durch bürokratische Vorgänge. Im bürokratischen System bestimmt der Prüfungskatalog, was richtig und was falsch ist. In einer Behörde trägt niemand die Verantwortung, weil jedes Formular von Sachbearbeiterin zu Sachbearbeiter rauscht, wo es von den einzelnen auf deren einzelnen Verfügungsgewalten hin untersucht wird. Wenn am Ende der Gesellschaft Menschen hungern, liegt es daran, dass jemand irgendwo ein falsches Kreuz gemacht hat. Weil jemand es nicht besser wusste und das bürokratische System nun einmal keine Abweichungen kennt. In einem solchen System leiden Menschen unter der Starre formeller Grenzen. Doch sie können niemanden finden, der dafür die Verantwortung trägt. Nicht einmal für Mitleid ist dann noch jemand zuständig. Alles ist dokumentiert und verwaltet, Widerspruch ist immer möglich, erhöht jedoch jedesmal erneut den bürokratischen Faktor. Wo Bürokratie herrscht, ist die Vielfältigkeit der Menschenleben unweigerlich unterdrückt.
Ist also die Bürokratie unser Feind? In diesem Falle hätten wir es in jedem Fall mit einem unbesiegbaren mehrköpfigen Drachen zu tun, dem zwei neue Köpfe wüchsen, für jeden den wir abzuschlagen schafften.

Eindeutig ist das ein Teil unseres Problems, dachte ich mir, während ich mir Gedanken darüber machte, was ich in der Sendung sagen könnte, auf die Frage, ob Mutter-Vater-Kind-Konstellationen “von vorgestern” sind. Denn wer auf einem Formular nicht “männlich” oder “weiblich” ankreuzen kann, steht dadurch mitunter schon vor einem unlösbaren Problem, das die Bürokratie niemals lösen kann. Starre Ideen und Ideologien von sogenannten Familienmodellen können nicht abbilden, wie die Realität nun einmal aussieht. Es gibt kein Formular, dessen Antwortmöglichkeiten die Feinheiten jeder einzelnen Identität ausreichend einfangen könnte. Unsere Formulare und Kategorien sind nichts wert auf der Bühne des wahrhaftigen Lebens. Denn dort gibt es Menschen, die ohne Liebesbeziehung und mit dem Becherverfahren Kinder gezeugt haben, die es laut Bürokratie und Rechtstaatlichkeit gar nicht geben kann. Diese Kinder sind aber ganz real existent und leben zwischen uns. Es gibt lesbische und schwule Eltern, Patchworkfamilien, Väter die einmal Frauen waren und Mütter, die freiwillig ohne Partner*in Kinder großziehen. Das und soviel mehr ist längst vorhanden. Wenn ich die ideologischen Debatten zum Thema “Familie” verfolge, taucht diese Wut 2.0 immer wieder auf in mir. Weil ich nicht begreifen kann, dass Menschen Maßstäbe an ihre Leben und die der anderen anlegen. Weil ich nicht verstehe, wieso bei existierenden Menschen über ihre Existenzberechtigung verhandelt werden dürfte.

In der Sendung schließlich sagte Andreas Bernard (1:19:00)

«Das ist ja sehr interessant, weil man oft die heutigen (Reproduktions-) Techniken in den historischen Bezug der Eugenik setzt. Es ist so interessant, dass man vor 80 Jahren noch einen totalitären Staat gebraucht hat, der diese eugenischen Aussonderungen vorgegeben hat und jetzt sagt jeder von uns, wir entscheiden uns freiwillig dafür eine Fruchtwasspunktion zu machen oder eine Präimplantationsdiagnostik, um behinderte Kinder auszuschließen. Und das ist das, was schon irritierend ist. Dass wir jetzt das freiwillig und selbständig machen, wofür vor 80 Jahren ein totalitärer Staat notwendig war.»

Feinde sind wir uns alle selbst

In genau diesem Moment begriff ich meinen neuen Feind. Denn die Politik ist theoretisch ansprechbar und bereit zu Kooperationen, die Gesellschaft scheint es nicht zu sein. Meine Wut richtet sich nicht mehr gegen den Apperat, der uns verwaltet, sondern gegen uns selbst, die wir uns auf diese Weise verwalten und katalogisieren lassen.

Schon mein letzter Artikel vom 19. Juni hatte sich mit Kommentaren befasst, die mich auf der facebookseite von mutterseelenalleinerziehend und im Blog selbst geärgert hatten.

Denn mit steigender Leser*innenzahlen meines Blogs ist auch gesteigerte Aggression und Spaltung zu spüren. Was dabei besonders ins Auge fällt, ist das ständige Separieren und Kritisieren “der anderen” und das Hervorheben der eigenen Leistung. Selbstgerechtigkeit tobt sich aus, wo immer ich meine moderierenden Augen auf die Seite lenke. Selbstgerechtigkeit und mangelnde Empathie.

– Wer um Rat bittet, erntet Urteile über die eigene Erziehungsfähigkeit.

– Wer seine Gefühle preisgibt, wird mit ihnen geschlagen

– Wer Unmut äußert, wird beleidigt.

Und während sich also alle Gerechtigkeit für ihr eigenes Leben wünschen, übersehen offenbar sehr viele, dass dieser Zustand nun einmal bedeuten würde, dass jede*r frei wählen kann und nicht nur ich wähle, was für alle dann richtig sein soll. Doch da toben die “Kindsväter” gegen die “Rabenmütter” und die Hausfrauen gegen die Akademikerinnen, die Mutter-Vater-Kind-Konstellationen gegen die lesbischen Patchworkfamilien, im Grunde jede*r gegen jede*n und der Gegenstand ihres Streits ist selten weniger als die Verhandlung ihrer Existenzberechtigung als Eltern und Menschen.

Nun stehe ich hier mit meiner Wut auf dieses Verhalten und weiß nicht, an wen ich sie adressieren soll. Denn zahlreiches Erinnern an die Nettiquette meiner Seite und das Löschen der Kommentare, die dagegen drastisch verstoßen, nehmen inzwischen soviel Zeit in Anspruch, dass es mir fast wie vergebene Liebesmüh scheint. Niemand von uns benötigt mehr einen Apperat, der uns aufhetzt gegen die anderen und der Spaltung in unsere Reihen bringt. Kein totalitärer Staat ist mehr vonnöten, damit wir uns alle gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Das ist kein interessanter Gedanke. Um genau zu sein, ist das eine beängstigende Tatsache.

 

 

 

Analoge Leseempfehlungen:

vita activa

 

Hannah Arendt – Vita activa oder vom tätigen Leben

Piper Verlag

ISBN: 978-3-492-23623-2

 

 

 

 

 

 

circle

 

Dave Eggers –The Circle

 Knopf Publishing

    ISBN-13: 978-0385351393

 

 

 

 

 

 

kindermachen

 

Andreas Bernard – Kinder machen

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-007112-5

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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10 Comments

  1. Vor 40 Jahren begann es: Junge gegen Alte, Raucher gegen Nichtraucher, Dünne gegen Dicke, Arbeitslose gegen Arbeitende, Kinderlose gegen Kinderreiche usw.! Zu diesem Zeitpunkt sagte ich schon zu meiner Frau, die mir immer noch zur Seite steht: man will uns splitten, kleingruppieren, also schwächen. Ein Streichholz ist schnell gebrochen, bei einer ganzen Streichholzschachtel fast unmöglich. Heute hat sich alles bewahrheitet und alles wurde ebenso gesetzlich verankert.
    Verehrte Frau Büttner, Sie haben mir aus der Seele geschrieben! Die kleinen Gruppen zeigen einander den Finger; Ziel erreicht! Dumm nur, keiner weiß, wie schnell er der anderen Gruppierung angehören kann/wird…, …doch dann ist keiner mehr da, der hilft!
    Ich weiß es nicht, wie dieser egomanen Gesellschaft beizukommen ist und, inzwischen alt geworden und ausgewandert, ist es mir leider mittlerweile auch schlichtweg egal. Ihnen jedoch wünsche ich weiterhin viel Kraft, gegen diese Windmühlen anzutreten.
    Herzliche Grüße
    Lasaar

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    • Wieso begann es vor vierzig Jahren? Da kann ich nicht ganz folgen. Aber ich wünsche dennoch ein schönes auswandererdasein. Nicht gänzlich ohne etwas Neid. Ist die Gesellschaft denn weiter, wo Sie nun leben ? 😉

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      • Nein, die Gesellschaft ist hier nicht weiter; es wird voraussichtlich nur noch 2 – 3 Jahrzehnte dauern, bis sie das deutsche Neid- und Gierniveau erlangt hat.
        Was Sie nicht verstanden haben: nach der ersten Ölkrise 1972 wurde begonnen, die Bevölkerung auseinander zu dividieren. Recherchieren Sie bitte, denn ich brauche es nicht, da es bei mir erlebte Vergangenheit bedeutet.
        Gruß
        Lasaar

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        • Lieber Lasaar,

          das muss ich gar nicht recherchieren. Geschichte ist mir durchaus vertraut.
          Aber was ist mit “divide et impera”? Das teilende Herrschaftssystem ist doch wirklich schon weitaus älter.

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  2. Sie wundern sich, dass Sie so viele Kommentare löschen müssen? Mich wundert das nicht, bei dem Gejaule, das Sie auf dieser Seite betreiben. Ihr Nachwuchs ist zu bedauern. Wahrscheinlich weinen Sie dem den ganzen Tag vor, wie bemitleidenswert Sie sind!

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    • Liebe Karin,

      ich danke von Herzen für diesen anschaulichen Kommentar.
      Nun ist der Artikel perfekt.

      Liebe Grüße,
      Meike Büttner

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    • WOW! Ich verstehe gar nicht, wieso dieser Kommentar überhaupt veröffentlicht wurde, der tatsächlich nichts anderes ist als das im Text kritisierte Verhalten. Karin war wohl eine dieser gemeinten Individuen, die andere aus einem hässlichen Drang heraus beleidigen müssen.

      Traurig. Aber nur für Karin und sicher nicht für das Kind der Autorin. Ich fass’ es nicht!

      Kopfschüttelnde Grüße

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      • Ich habe ihn veröffentlicht, weil er so wunderbar veranschaulicht. Ein Verhalten wie Karin es demonstrierte war gemeint und ich finde gut, dass sie sich dazu bekennt! Danke, Karin! 🙂
        Aber nun sag uns bitte wie wir mit Menschen umgehen sollen, die sich so verhalten wie Du hier letzte Nacht? Damit dieser anstrengende Streit endlich aufhört und wir alle in Frieden Lösungen finden?

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  3. Divide et impera sagte Machiavelli – und sind wir es wirklich selbst? Die “Aluhüte” oder “Truther” sagen es wären die Bilderberger. Wenn Mensch deren Argumente folgt, dann erkennt Mensch schnell, dass die Juden schuld seien – nichts neues und immer weniger Amüsant, je mehr Mensch von den Krempel liest. Und doch es es so, dass nicht alle Trolle wirklich eigenverantwortlich handeln… wenn doch, dann: Gute Nacht. Dann ist der tiefste Punkt der Nacht noch lange nicht erreicht.

    Was mich ebenso ratlos macht, ist, dass solche Aussagen wie von Goethe eher unbekannt sind: „Entzwei und gebiete! Tüchtig Wort; Verein’ und leite! Beßrer Hort.“

    Ihrer Argumentation folgend übernehmen zu wenige Verantwortung – der Mensch ist dann (an-)greifbarer. Vor allem heißt Verantwortung übernehmen, dass Mensch es sich nicht mehr einfach machen kann. Es kommen zu viele Gedanken, und vlt. wird erkannt, dass die jeweilige Verantwortung nicht selten ausgenützt oder nur ein scheinbar verdampfender Tropfen auf den heißen Stein sei. Und zu viele derer, die es könnten, gaben und geben auf, werden alt und sind gar ausgewandert. Und da sind auch zu viele mit misanthropischen Zügen… es fehlt das Vertrauen in uns selbst. Ein Teil kann Mensch auch damit begründen, dass die Probleme von uns ausgehend Überhand genommen haben: Wir kriegen es nicht auf Reihe, den globalen Hunger zu besiegen, wir kriegen unsere eigenen sozialen Probleme nicht auf Reihe – von der Zerstörung unserer Lebensgrundlage fange ich jetzt mal nicht an. Wir Menschen gehören auf der Erde eher zu dem Krebsgeschwüren… und sehen immer noch nur unser jeweiliges persönliches Leid und haben das Gefühl, dass solche Aussagen wie die Ihrigen uns bedrohen, und angreifen – und daher fliehen zu viele in Katzen- und Hundevideos und in einem heillosen Haustierwahn (mein Hund/ meine Katze ist wie mein Baby…)
    Und trotz allem hoffe ich, das wir es endlich einmal peilen und das alles gut wird.

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    • Machiavelli, wie passend! Andreas Bernard schrieb ich auch, wir hätten in der Sendung wohl besser über “Machiavellismus im Neoliberalismus” gesprochen. 😉

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