Das verbotene Wort und die Literatur

Auf der facebookseite von mutterseelenalleinerziehend entbrannte am Wochenende eine heiße Diskussion um einen Artikel, den ich dort mit – zugegeben – sehr starken Ausdrücken geteilt habe. Seit dieser Veröffentlichung ist im Netz eine wilde Diskussion entbrannt, bei der sich vieles vermischt und somit zahlreiche Möglichkeiten dazu bietet, dass alle sich online in Diskussionen gegenseitig als “Nazis” oder “Rassisten” identifizieren können. Und bemerkenswerter Weise werfen sich ausgerechnet die Menschen das gegenseitig vor, die – jeder auf seine Art – eigentlich gegen Rassismus engagiert sind. Was ist los mit uns Rassismusgegnern, dass wir sich nie einig werden können und jeder den anderen immer wieder im Verdacht hat, in Wahrheit ein Rassist zu sein? Beleuchten wir das ganze Thema einfach mal aus verschiedenen Perspektiven.

 

Die kleine Hexe

Die kleine Hexe

Zunächst einmal zu den Fakten: Otfried Preußler hat beschlossen, das “N”-Wort aus seinen Büchern zu streichen, weil er kein Kind diskriminieren möchte. Aufmerksam geworden ist er von einem Leser und weil demnächst eine Sonderauflage zu seinem 90sten Geburtstag erscheint, hat Familie Preußler veranlasst, entsprechende Passagen zu bearbeiten. Daraufhin hat der Verlagsleiter des Thienemann Verlags damit begonnen, auch andere Änderungen in Werken vorzunehmen. So will er zum Beispiel das Wort “Schuhwixe” verbannen und begründet das damit, dass dieser Begriff nicht zeitgemäß sei, und man ihn ersetzen müsse, um das Werk von einer Generation zur nächsten weitertragen zu können. Weiterhin erwähnt der Artikel den Oettinger Verlag, der zB. aus Pipis N*könig einen Südseekönig gemacht hat (was in Rücksprache mit Lindgrens Erbin geschah); den Esslinger Verlag, der aus einem N*lein ein Schornsteinfegerlein gemacht hat, den Struwwelpeter aber nicht verändern möchte (und ihn als Veröffentlichung für Erwachsene erachtet) und den Verlag cbj, der die Vertriebsrechte für Blytons Fünf Freunde in Deutschland hat.

Aus den frühen Werken, die noch von Blyton selbst verfasst wurden, habe man vor allem die “Schwarze Pädagogik” verbannt. “Ohrfeigen und Prügel sollten Kindern heute fremd sein. Sie sollen wissen, dass sie sich dagegen unbedingt wehren dürfen”, sagt sie (Anm.: Sie = Die Pressesprecherin des Verlags)

Hier vermengen sich einige debattenträchtige Themen zu einem Kabelsalat voller explosionsartiger Kurzschlüsse und sprühender Funken. Ein heißes Stück Diskussionsknoten, der nur schwierig zu entwirren ist. Hier mischen sich die Debatte um das Urheberrecht mit den Debatten um die people of color , die Debatte um Sprachwissenschaft und Historie und da steckt auch eine Menge hochexplosives pädagogisches Diskussionsmaterial in diesem brennenden Klumpen.

Aus urheberrechtlichen Gründen lässt es sich schlicht nicht machen, Werke OHNE ABSPRACHE mit dem Autor oder einem autorisierten Verwalter des verstorbenen Autors zu verändern. Dass Preußler selbst diese Änderung vornehmen lässt oder eine durch Astrid Lindgren ermächtigte Erbin dies gestattet ist, empfinde ich, selbst Autorin, als absolut verständlich und gerechtfertigt. Im Falle Lindgren könnte man sich schon darüber streiten aus urheberrechtlicher Sicht. Meiner persönlichen Ansicht nach, ist nach dem Tod der derzeitigen Erbin niemand mehr dazu berechtigt, Änderungen vorzunehmen, weil die betreffende Person ja schon nicht mehr in einem direkten Kontakt zur Autorin selbst gestanden hat und ergo nicht einschätzen kann, ob die Änderung in ihrem Sinne wäre. Im Falle Lindgren hat man sogar noch ein Sternchen angebracht und erklärt in den Fußnoten, dass das Wort dort ersetzt wurde und warum.

Für alle people of color wünsche ich mir ganz persönlich auch, dass es viel mehr Bücher, Filme, Theaterstücke etc. gäbe, die endlich mehr Normalität herstellen könnten im Bezug auf zb. people of color. Ebenso wünsche ich mir auch mehr Kinderbücher, die die Lebensrealitäten von Patchworkfamilien, von schwulen und lesbischen Eltern, Immigration, etc. behandeln würden. Es ist tatsächlich an der Zeit. Wir befinden uns im Jahr 2013 und diese Bücher müssen tatsächlich endlich viel mehr vertrieben werden. Bisher gibt es dafür noch keinen Markt. Das ist traurig. Das ist Kapitalismus und wir müssen das dringend ändern. In diesem Artikel, den mir Leserin Maria E. zugesandt hat, wird dies von einer Mutter sehr verständlich dargelegt und sie hat auch eine Methode, um etwas daran zu ändern. Sie empfiehlt, bei Buchhandlungen und Verlagen immer wieder solche Bücher anzufragen. Traurig, aber richtig: Wieder muss ökonomisch argumentiert werden, um Menschenrechte durchzuboxen. Das ist traurig, aber eine besser Lösung fällt mir bisher auch nicht ein. Eine Liste mit Büchern, die es schon gibt, findet sich übrigens hier.

Sprachwissenschaftlich und historisch betrachtet ist es ebenso wie aus urheberrechtlichen Gründen höchst fragwürdig, die Werke einer heutigen Leserschaft anzupassen. Man kann Werke adaptieren, um sie in eine zeitgemäßere Sprache zu übersetzen und sie einem größeren, moderneren Publikum zugänglich zu machen, das ursprüngliche Werk muss aber immer in seiner Form erhalten bleiben und darf nicht “verfälscht” werden. Ein Textdokument ist immer auch ein Zeitzeuge und vermag es, durch Begriffe die Stimmung einer Zeit zu greifen, Verständnis für das gesellschaftliche Bewusstsein und die politischen Motivationen herzustellen. Wieso ich mich gegen Rassismus, für Frauenrechte, etc engagieren muss, kann ich überhaupt nur mit Bezug auf die Geschichte unserer Gesellschaft verstehen. Ich muss begreifen, was uns zu unserer heutigen Gesellschaft geführt hat, sonst kann ich sie weder verstehen, noch wandeln. Aus ganz persönlicher Sicht gibt es einfach Worte, die in meinen Augen ebenso schützenswert sind wie bestimmte Werke. Auch diese Wörter müssen von Generation zu Generation weitergetragen werden. Das gilt selbstverständlich nicht für das N*-Wort, das wir mit Bezug auf die Geschichte nicht mehr verwenden wollen, aber das gilt ganz sicher für ein Wort wie Schuhwichse. Ich muss kein Perverser sein, um dieses Wort nicht missen zu wollen. Ich bin froh, dass meine Tochter dieses schöne Wort kennt, weil es ihren Sprachwitz erweitert und weil wir darüber – schlicht und ergreifend – schon oft und ausführlich lachen konnten.

Pädagogisch gesehen möchte ich meinem Kind genau dieses Verständnis unserer Gesellschaft vermitteln. Ich möchte, dass sie von Caesar weiß, von Nero, von Hitler und all diesen Diktatoren und was ihre Ideen mit den Menschen gemacht haben. Ich will, dass sie sich wehren kann. Betrachten wir noch einmal das Zitat der Pressesprecherin vom cbj Verlag:

Ohrfeigen und Prügel sollten Kindern heute fremd sein. Sie sollen wissen, dass sie sich dagegen unbedingt wehren dürfen.

Ja, sie sollen sich wehren! Wogegen noch mal? Hmh. Das wissen die Kinder jetzt leider nicht, weil sie davon ja nicht mehr erfahren. Meine Tochter kann sich nur gegen Diskriminierung wehren, wenn sie davon weiß und sie versteht. Es hilft pädagogisch betrachtet, einfach gar nichts anderes als das Gespräch. Wir müssen unseren Kindern immer wieder unsere Motive erklären und vorbildlich handeln. Wir müssen uns mit Themen auseinandersetzen, wenn sie uns begegnen. Das gilt für ein Plakat mit einer nackten Frau darauf und das gilt für die Bücher, die wir vorlesen und lesen lassen und für einfach den gesamten Alltag. Es gibt keine andere Lösung als die Aufklärung. Die Idee mit der Fußnote in Pipi Langstrumpf finde ich daher sehr schön. Das Wort ist nicht weg, sondern es ist mit der Erklärung versehen, woher es stammt und wieso wir es heute nicht mehr gebrauchen. Ich bin der dringenden Ansicht, dass wir HEUTE mehr solcher Kinderbücher schreiben und vertreiben müssen, die verschiedene Lebensrealitäten abbilden. Damit später einmal Teil unserer Geschichte sein wird, dass wir ab dem 21. JH damit begonnen haben, menschenfreundlichere Bücher zu schreiben. JETZT ist es an der Zeit. Die Vergangenheit aber können wir nicht ändern. Das wäre tatsächlich einfach nur verantwortungslos.

Und weil ich die Schuhwichse so lieb habe, betrachten wir auch sie am Ende noch einmal pädagogisch. Als das Wort “Wichser” auf dem Schulhof auftauchte, schlug ich meiner Tochter vor, es damit zu probieren und daraufhin konnte sie schlagfertig antworten, dass ihre Schuhe doch vollkommen dreckig seien und damit allerlei Verwirrung anrichten. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

“Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“
(Sören Aabye Kierkegaard)

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Author: Sarah Wiedenhöft

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