Das Missverständnis mit der Elektionsschwäche

Gestern bei ZDF log in wurde über die Qual der Wahl diskutiert. Nichtwähler contra Wähler. Dabei wurden eine Menge Phrasen gedroschen und Georg Diez gelang es leider nicht, zu vermitteln, was genau er mit seinem Protest der NichtwählerInnen eigentlich meint. Der Nichtwähler ist insgesamt ein von vielen Seiten missverstandenes Wesen. Aber was meint denn der/die NichtwählerIn bitte???

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Ja. Ich habe sehr gelacht, als die Satiresendung extra 3 einen Beitrag über die Elektionsstörung deutscher Wahlberechtigter ausstrahlte. “30 % der deutschen Wahlberechtigten leiden unter einer Elektionsstörung!”, hieß es da und der Clip mutete an wie eine Imagekampagne für Menschen mit einer totgeschwiegenen Störung. Wirklich sehr witzig. Einige Tage später dann verging mir mein Lachen aber wieder, als ich merkte, wie ernst dieser Vorwurf eigentlich gemeint ist. Tatsächlich scheint der/die NichtwählerIn als veralbernswertes unpolitisches Wesen zu gelten, das sich zu nichts entschließen kann. Dabei ist das ja gar nicht wahr.

Stellen wir gleich mal klar: Die Gruppe der NichtwählerInnen ist selbstverständlich keine einheitliche Masse. Es gibt Resignierte und Verdrossene, Enttäuschte und vollkommen Gleichgültige unter ihnen. Ich möchte aber einen Teil der NichtwählerInnen heute einmal etwas fairer abbilden als die Medien das in den letzten Wochen getan haben. Nämlich diesen Teil der NichtwählerInnen, die ihr Nichwählen als Protest verstehen.Ich bin ein sehr politischer Mensch. Meine Erststimme werde ich morgen dennoch ungültig machen. Und ob ich mit der Zweitstimme so verfahren werde, wie ich es hier beschrieben habe, ist realistisch betrachtet auch noch gar nicht sicher. Vielleicht wähle ich auch dieses Jahr wieder ungültig. Das erste Mal wäre es nicht. Ich schreibe gerne Botschaften auf meinen Wahlzettel, von denen ich weiß, dass sie niemand lesen wird. Nicht einmal die Wahlhelfer. Die haben für so etwas doch gar keine Zeit! Ich bin also ein solcher Nichtwähler. Und die Medien und die Gesellschaft erkennen mich dadurch als unpolitisch. Interessant.

Es ist also ein Akt der Demokratie, wenn man alle vier Jahre lang zwei Kreuzchen irgendwo setzt? Damit hat man seine Pflicht der Mitbestimmung dann also erledigt? Ich sehe das vollkommen anders. In meinen Augen ist sogar eher der/die typische Wählende ein unpolitisches Wesen, das sich alle vier Jahre seiner Demokratietauglichkeit versichert, indem es eine Wahlkabine betritt. Liebe/r WählerIn, das ist wirklich sehr faul gedacht, muss ich meinen!

Der gemeine Nichtwähler will nicht wählen, weil es das System ist, das er abwählen will. Viele NichtwählerInnen hoffen zu erreichen, dass irgendwann die Wahlbeteiligung der Menschen so niedrig ist, dass klar erkennbar wird, dass die Wahlergebnisse nicht geltend gemacht werden können. In meinem Umfeld befinden sich sehr viele solcher NichtwählerInnen. Die meisten von ihnen habe ich bei meiner politischen Arbeit kennenglernt. Es sind also Menschen, die aktiv jeden Tag an unserer Gesellschaft mitgestalten. Menschen, die Kundgebungen organisieren, Petitionen verfassen und Proteste gestalten. Die NichtwählerInnen, die ich persönlich kenne sind alle sehr politisch. Was wir den meisten Wählern allerdings leider noch nicht vermitteln konnten, ist die Botschaft, dass ein wahrer Demokrat unsere Regierungsform nicht tolerieren kann. In diesem Text von Can Gezer (bitte unbedingt lesen!) wird meiner Meinung nach sehr gut veranschaulicht, worum es uns geht.

Wir wollen mitgestalten! Um jeden Preis! Genau deswegen sind wir gegen diese Regierung von oben nach unten. Wir wollen gleiche Rechte für alle Menschen und nicht uns einem Wertebild IRGENDEINER Partei anpassen. Wer also glaubt, dass die Nichtwählerschaft sich morgen einen schönen Tag macht, lange schläft und dann den ganzen Tag lang keinen Gedanken an unsere Regierung verschwendet, der irrt in den allermeisten Fällen gewaltig. Viele von uns werden sich morgen aufraffen und zu den Wahlurnen pilgern. Andere werden tatsächlich zu Hause bleiben und wieder andere sind vielleicht wirklich vollkommen uninteressiert. Nichtwähler als unpolitisch zu bezeichnen, aus einer Position eine r/s herkömmlichen VierjahreswählerIn betrachtet, ist allerdings vollkommen unzulässig.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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