Das entfremdete Kind – oder wo alleinerziehend aufhört und Entfremdung anfängt

 

Gastbeitrag: Etern-Kind-Entfremdung. Was ist das überhaupt und was bedeutet es für die Betroffenen? Franziska B. erzählt uns ihre Geschichte, denn sie möchte Aufmerksam machen und etwas verändern.

Unter Eltern-Kind-Entfremdung (PAS) versteht man die Bedingungslose Zuwendung zu einem Elternteil (meistens der Wohnelternteil) und die unbegründete Herabwürdigung des anderen Elternteils (meistens Besuchselternteils). Der Psychologe R. Gardener schrieb 1986 erstmalig über ein mittlerweile in der Gesellschaft weit verbreitetes Syndrom, welches mit einer normalen Entfremdung, wie sie zeitweilig zwischen Eltern und Kindern auftritt, nicht das Geringste zu tun hat. PAS, welches der Fachbegriff ist für Parental Alienation Syndrome entsteht meist durch einen die kindliche Seele stark belastenden Loyalitätskonflikt, ausgelöst durch einen lang anhaltenden und scheinbar unlösbaren Elternstreit (Rosenkrieg).

Ich möchte hier gerne meine eigene, persönliche Geschichte zu Papier bringen und hoffe, dass ich hierüber weitere Betroffene finde, die sich mit mir in den Kampf gegen eine zunehmende Entfremdung von Kindern von einem seiner beiden Elternteile begeben.

Ende 2001 gebar ich meinen Sohn B. Mit dem Vater war ich zu diesem Zeitpunkt gerade etwas länger als ein Jahr zusammen. Ich habe mir für mein Kind eine stabile Vater-Mutter-Kind-Beziehung gewünscht. In der Realität war ich von Anfang an alleinerziehend. Der Vater meines Sohnes hatte kein großes Interesse, sich in die Erziehung und Versorgung unseres gemeinsamen Sohnes einzubringen. Als mein Sohn gerade 6 Monate alt war, lernte der Vater eine zwölf Jahre jüngere Frau kennen, mit der er eine Affäre begann. Wir trennten uns Ich hatte die Absicht, dem Kind trotz Trennung seinen Vater zu erhalten. Am Anfang gestaltete sich alles noch relativ problemlos. Beginnend mit Übernachtungen einmal die Woche und später ein ganzes Wochenende im 14 tägigen Rhythmus. Die damals grade 18 jährige Lebensgefährtin blieb bei dem Vater und unterstütze ihn mit großem Engagement bei der Versorgung des Kleinkindes und späteren Heranwachsenden. Die schwierige Kommunikationsbasis zwischen mir und dem Vater wurde durch sie als „Vermittlerin“ überbrückt. Im Herbst 2007 wurde ich von meinem damaligen Freund erneut schwanger. Mein Sohn, bis dahin ein ziemliches „Mamakind“, mit wenig präsentem Vater, freute sich auf die Geburt seiner Schwester. In meiner Naivität glaubte ich, dass ich beiden Kindern gerecht werden könnte, und dass mein Sohn nicht unter der veränderten Lebenssituation leiden würde. Mein Sohn, mit Verdacht auf ADHS, kam anfangs gut, später immer weniger gut mit der „Konkurrenzsituation“ zurecht. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich gezwungen, vermehrt Hilfe vom Kindesvater und seiner Lebensgefährtin anzunehmen. Ich war gefangen in einem Spagat zwischen „Ich schaffe das alles alleine.“ und „Bitte helft mir.“ Mein Sohn wurde mir gegenüber zunehmend rebellisch. Er begann, seine kleine Schwester willkürlich zu verletzen und zu ärgern. Auch gegen mich agierte er mit verbaler und körperlicher Gewalt. Ich strebte damals eine Therapie bei einem Kinderpsychologen an. Dieser empfahl mir, den Vater des Kindes in die Therapie mit einzubeziehen. Mein diesbezüglich geäußerter Wunsch dem Vater gegenüber wurde mit „Ich brauche keine Therapie“ abgegolten. Im Jahr 2012, der Vater meiner Tochter hatte sich bereits längst aus unserem Leben verabschiedet, war die Situation so, dass der Vater meines Sohnes und die Lebensgefährtin nach mehrfach missglückten Terminen in der Kinderwunschklinik überlegten, ein Pflegekind aufzunehmen. In genau dieser Zeit wurden die Ausbrüche meines Sohnes mir und meiner Tochter gegenüber immer eskalativer im April 2012 hatte ich die Faxen dicke und bat den Kindesvater und seine Lebensgefährtin mir meinen Sohn für einen vorübergehenden Zeitraum abzunehmen. Ich entband ihn von seiner Unterhaltspflicht, sagte ihm aber auch gleichzeitig, dass die Situation für mich finanziell schwierig sein würde, da der Vater meiner Tochter sich nicht nur nicht kümmerte sondern uns auch finanziell im Regen stehen ließ. Ich erhoffte mir, durch den vorübergehenden Wechsel in den Haushalt des Vaters eine Entspannung der Situation zu Hause. Nur hatte ich die Rechnung nicht mit seiner Lebensgefährtin gemacht, deren Wunsch nach einem eigenen Kind über das Maß hinaus sie dazu brachte, mich als Mutter zu ersetzen. Der Vater, der Jahrelang nur passiver Zuschauer war uns Frauen hat machen lassen, begann, Tatsachen schaffen zu wollen und zog Ende 2012 vors Familiengericht, wo er das alleinige Sorgerecht und das Aufenthaltsbestrimmungsrecht beantragte. Das Gericht, welches mit dem Thema Kindesentfremdung nur wenig betraut ist und diese Thematik gar nicht aufgreifen will, verfügte ein gemeinsames Sorgerecht und den Lebensmittelpunkt beim Vater. Das erste, was er daraufhin veranlasste, war eine Übertragung des Kindergeldes und eine Unterhaltsklage. Dann wurde die Kommunikation vom Vater und seiner Lebensgefährtin zu mir als Mutter abgebrochen. Mein Sohn begab sich in eine immer ablehnendere Haltung mir und meinem persönlichen Umfeld gegenüber.

Ein Bruchteil der Bevölkerung hat jemals von einem Eltern-Kind-Entfremdungssyndrom gehört und wenn, auch nur dann, wenn er oder sie in irgendeiner Form betroffen ist. Eltern Kind Entfremdung führt bei nicht eingeleiteten Interventionsmaßnahmen oft zu einem lebenslangen Kontaktabbruch zwischen Elternteil und Kind.

Warum schreibe ich das hier? PAS wird in Deutschland nicht gern gehört beziehungsweise selbst wenn alle Indizien auf PAS hindeuten, wird nicht gerichtlich oder anderweitig interveniert. PAS-Eltern, und hiermit meine ich die Elternteile, der von seinem Kind entfremdet werden, haben somit kaum eine Chance auf richterliches Gehör und müssen sich zwangsläufig mit dem Verlust ihres Kindes abfinden. Ob sich insbesondere eine Mutter allerdings mit diesem Verlust abfinden kann, ist mehr als fraglich. Man geht mittlerweile davon aus, dass jedes zehnte Trennungskind von PAS betroffen ist. Meistens sind es die Mütter, die den Vätern die Kinder vorenthalten bzw. den Kindern die Väter schlecht reden. Allerdings ist PAS geschlechtsneutral. Wie mein Fall zeigt, können Väter, insbesondere, wenn sie eine neue Familie gegründet haben, die „besseren“ Entfremder sein. Mein Sohn ist heute 13 Jahre alt. Die Entfremdung läuft mittlerweile seit über 3 Jahren. Die Auffälligkeiten, die er bereits in seinem Sozialverhalten aufweist, werden nicht mehr lange schön geredet werden können. Der Kontakt zu meinem Kind ist im Moment eingeschränkt bzw. gar nicht vorhanden. Wenn ich meinen Sohn trotzdem mal für einige wenige Stunden zu sehen bekomme, habe ich das Gefühl, mit einem Fremden zusammen zu sein. Die Situation hat meine Seele krank gemacht und mich arbeitsunfähig werden lassen. Es fühlt sich an, als hätte man mir einen Teil meines Herzens aus dem lebendigem Leib entrissen. Ich hoffe immer noch, dass von irgendwoher ein Lichtblick kommt. Allerdings glaube ich, dass nur ein Aufstand betroffener Eltern eine Änderung in die Sichtweise der Familiengerichte in Bezug auf PAS hervorbringen kann. Ich habe eine Selbsthilfegruppe für von PAS betroffene Eltern gegründet. Ebenfalls plane ich im Raum Hamburg und Umgebung eine Selbsthilfegruppe zu gründen, die sich nicht nur regelmäßig trifft, sondern aktiv mitwirkt, dass PAS in Deutschland endlich als Störung anerkannt wird. Nur so haben die betroffenen Kinder und Eltern eine Chance auf eine gesunde Entwicklung ihres Nachwuchses.

Bild: Privat

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Author: Sarah Wiedenhöft

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6 Comments

  1. Mein Onkel ist auch davon betroffen. Sein Sohn, mein Vetter ist jetzt 38 und hat seit 20 Jahren keinen Kontakt zu seinem Vater. Er hat das anscheindend ganz gut verkraftet, hat er doch eine wirklich klasse Frau als Lebensgefährtin.

    Allerdings muss ich hier auch wiedersprechen: Es gibt inzwischen auch Gerichte, die sagen: Will das Kind nicht zum Vater, dann ist das PAS. Die Mutter allein ist da dran Schuld, denn sie manipuliert das Kind und der Vater bekommt einen Freibrief, sich so zu benehmen, wie er will. Auch wenn er das Kind anbrüllt, seelisch misshandelt etc., muss das Kind trotzdem zu ihm!

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  2. Liebe Anna,

    wie kommst du denn da drauf? Es ist hierzulande sehr leicht, als Vater mit einem kompletten Kontaktverbot belegt zu werden. Da sollte man es sich besser dreimal überlegen, ob man sich schlecht benehmen möchte.

    Und da ich selber aus einer Scheidungsfamilie stamme: Ich wollte auch nie zu meinem Vater und habe keinerlei Probleme gehabt, dass auch durchzusetzen. Ob das jetzt berechtigt oder fair war, steht auf einem anderen Blatt.

    Grüße
    R.

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  3. Hallo, nein dies ist kein Einzelfall. Auch ich gehöre zu den entfremdeten Müttern und ich kann nichts tun. Auch ich erfahre keinerei Unterstützung durch staatliche Seite. Ich habe zwei Töchter und habe mich vor 4 Jahren vom Kindsvater getrennt. Mittlerweile auch geschieden. Die ältere Tochter lebt beim Vater und dessen neue Frau. Zu den Mama- Wochenenden kommt sie seit den Sommerferien nicht mehr und davor waren die Wochenenden und Ferien gemeinsam unerträglich. Wir erhalten keine Chance uns mal auszusprechen, bzw. werden Unstimmigkeiten geschürt und anschliessend nicht mehr miteinander geklärt. Das gehört zur Strategie der Täter, damit du als Täterin dastehst und der Rest der Welt dann meint: ” Na, die wird ihren Teil schon dazu beigetragen haben, dsss das Kind nichts von ihr wissen will!” Liebe Leute, das ist falsch!

    A.

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    • absolut richtig!! “Na, die wird ja wohl was Entsetzliches getan haben, wenn die Kinder sich ihr gegenüber so verhalten”

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      • Ich meine, deinen Beitrag und deine Meinung finde ich absolut richtig. Klang vielleicht missverständlich. Ich bin auch eine betroffene Mutter und weiß, wie es sich anfühlt und was die Leute denken.

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  4. Ich habe erst jetzt von PAS gehört. Ich habe zwei Kinder 24 und 22. Meine Tochter hat mit 14 Jahren den Kontakt radikal mit den Worten :”Du bist für mich gestorben.” abgebrochen.Mein Sohn hat mir letzte woche an Kopf geworfen:”Du gehst mir seit ich auf der Welt bin auf den Sack.”
    Ich bin selbst Pädagogin, bin jedoch seit 10 Jahren über dieses Verhalten meiner Kinder schockiert. Das Gefühl, dass von meinem Exmann manipilativ gegen mich vorgegangen wird, ließ mich nie los. Nun habe ich die Wahrheit entdeckt. Schlimm sind nicht die Worte meiner Kinder, sondern die Vorstellung, dass ihr Vater seit Jahren sie systematisch seelisch missbraucht… und ich bin wie gefesselt und muss das mitansehen.

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