Coming out: Ja, ich bin alleinerziehend

Mutter und Kind1

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Gestern hielt mir eine Freundin einen Artikel unter die Nase, der mich nachdenklich machte. Die Autorin Christina Wischermann schreibt im Basar über das “Stigma Alleinerziehend” – einen Text, der offenbar anders geplant war. Eigentlich sollte es O-Töne von Alleinerziehenden geben. Gab es aber nicht und die Begründung der Autorin lautet wie folgt:

Das Ergebnis war immer das gleiche: “Tut mir leid, aber ich will nicht, dass meine Bekannten oder Arbeitskollegen erfahren, dass ich alleinerziehend bin.”

Man schäme sich. Weil man die Partner*in nicht halten konnte. Weil man mit dem ständigen Druck, nicht genügen zu können, alles zu schaffen, konfrontiert sei. Weil die Annahme, Kinder aus Einelternfamilien seien in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, immer noch weit verbreitet sei. Auch die Arbeitsplatzsuche gestalte sich dank der Vorurteile für Alleinerziehende schwierig. Christina Wischermann greift weiter auf eigene Erfahrungen zurück.

Wurde ich vor einigen Jahren nach  meinem Mann (..) gefragt und sagte, dass es keinen gibt, folgte meist ein fast schon mitleidiges Nicken des Gegenübers. Das dürfte nicht zuletzt an den abwertenden Assoziationen liegen, mit denen sogenannte Einelternfamilien zu kämpfen haben: Überforderung, Arbeitslosigkeit, Isolation.

Das machte mich wütend, traurig und nachdenklich. Muss ich mich etwa dafür rechtfertigen oder sogar schämen, dass ich mich allein um Mr. W. kümmere?

Im Kopf ging ich sämtliche Menschengruppen, Organisationen und Institutionen durch, in denen ich mich bewege. Habe ich mich überall “geoutet”? Wie waren die Reaktionen?

Familie und Freund*innen

Meine Familie und gute Freunde haben die Trennung vom Vater und den Beginn meines Daseins als Alleinerziehende direkt mitbekommen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, oft schmerzhaft und enttäuschend. Ich habe einige mir wichtige Menschen verloren, aber auch andere dazu gewonnen. Es wurde viel geredet und wenig geholfen. Ich habe viel über Vertrauen und falsche Freunde gelernt in dieser Zeit.

Schule

Als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, war ich in der zwölften Klasse. Den Lehrer*innen habe ich nicht mitgeteilt, dass ich mein Kind allein großziehen werde. Die Reaktionen auf die bestehende Schwangerschaft bei einer Schülerin waren verletzend. Von dem Ratschlag, den “Virus” zu entfernen, über absurde Verhütungstipps bis hin zum Tipp, “es” zur Adoption frei zu geben, war alles dabei. Mein Tutor hat mich in der Zeit im Krankenhaus unterstützt, so gut er konnte. Aber wenn ich ein Schlagwort für die Reaktionen der großen Mehrheit der Menschen finden sollte, wäre es wohl allgemein ÜBERFORDERUNG. In Großbuchstaben.

Uni

Im Studium bin ich von Anfang an sehr offen mit meinem Mutterseelenalleinerziehendendasein umgegangen. Und das hatte folgenden Grund: Während der Schwangerschaft hatte ich Mr. W. in einer Krippe angemeldet. Diese hatte leider keinen Integrationsplatz und Mr. W. war wegen seines Herzfehlers und wegen der Frühgeburt auf einen Überwachungsmonitor angewiesen. Nach der langen Zeit der Isolation im Krankenhaus wollte ich aber dringend etwas zum Nachdenken, mich fachlich austauschen, etwas für mich. Nach langer, komplizierter Suche fand ich eine Tagesmutter am anderen Ende der Stadt. 50 Minuten Fahrtzeit.  Sie war ausgebildete Krankenschwester und die Einzige, die mir anbot, Mr.W. für 20 Stunden in der Woche zu betreuen. Natürlich reichte die Betreuungszeit für ein Vollzeitstudium und einen Nebenjob, der bei dem geringen Bafög-Satz nötig war, nicht aus. Bei Blockseminaren am Wochenende oder bei Pflichtseminaren am Abend war Mr. W. also mit dabei. Vorher habe ich mit meinen Dozent*innen gesprochen und mich “geoutet”.

Ja, ich bin alleinerziehend und ich habe keine andere Möglichkeit. Wenn ich an diesem Termin meinen Vortrag halten soll, muss Mr.W. mitkommen.

Das klappte großartig und ich bin meinen Professor*innen sehr dankbar für die Hilfe, ohne die ich meinen Bachelor sicher nicht in der Regelstudienzeit hätte schaffen können. Bei meinem ersten Vortrag war Mr. W. 16 Monate alt und saß, mit Spielzeug und Spucktuch bewaffnet, bei meinem Professor auf dem Schoß, während ich vortrug. Wenn Mr.W. einmal plötzlich ins Krankenhaus musste, war immer ein Kommilitone da, der meinen Vortag übernahm und in den Vorlesungen für mich mitschrieb. Auch mit den Prüfungsterminen und Abgabeterminen für Hausarbeiten kam man mir entgegen. Ich kann mich nur an eine einzige Situation erinnern, in der ich gebeten wurde, wegen einem weinenden Kind den Hörsaal zu verlassen. Eine Dozentin hatte für ein achtstündiges Blockseminar sogar eine Spielzeugkiste mitgebracht.

Bewerbungen/ Praktika/(Neben-)Jobs

Mit der Angabe “ledig” in Kombination mit einem Kind und meinem Alter auf dem Lebenslauf habe ich leider bei Bewerbungen überwiegend negative Erfahrungen gemacht. Oft bekam ich  bei genauerem Nachfragen unbeholfen formulierte Absagen, dass es “unter diesen Umständen” schwierig sei, mit mir zusammen zu arbeiten. Auf Bewerbungen, bei denen ich meinen Sohn nicht angab, erhielt ich deutlich häufiger eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Wenn ich dann im Gespräch mitteilte, dass ich alleinerziehende junge Mutter bin, waren die Reaktionen sehr oft positiv. Nur in einem einzigen Fall bekam ich wieder diese gut gemeinten Verhütungstipps, die ich schon von meinen Lehrer*innen aus der Schule kannte. Hatte ich es einmal geschafft, einen (Neben-) Job oder Praktikumsplatz zu ergattern, waren die Reaktionen von Kolleg*innen aber sehr positiv. Alle waren sehr verständnisvoll und hilfsbereit.

Übrigens, liebe Arbeitgeber*innen: Kommentare wie etwa ” Man sieht ihrem Lebenslauf das Kind ja gar nicht an!” , sind zwar nett gemeint, kommen aber trotzdem nicht unbedingt so an.

Kindergarten/Spielgruppen/Sportverein

Im Kindergarten und in Vereinen gehe ich, wenn ich darauf angesprochen werde, offen mit meinem Mutterseelenalleinerziehendendasein um. Die Reaktionen sind sehr positiv zum Glück – die Hälfte der anderen Kinder in Mr.Ws. Gruppe lebt ebenfalls in einer Einelternfamilie.

Ämter

Da habe ich ja wohl keine Wahl…

 

Stigma alleinerziehend

Den Ausblick des Artikels mochte ich:

Alleinerziehende sollten durchaus mutiger mit ihrer Situation umgehen. Dritten kann nur ans Herz gelegt werden, zu reflektieren und Betroffenen mit Anerkennung und Respekt zu begegnen statt ihnen mit Mutmaßungen und Schablonendenken zu begegnen.

Gerade bei Bewerbungen spüre ich die Vorurteile, mit denen ich konfrontiert werde. Und sie machen mich wütend. Ich wünsche mir sehr, dass Mutmaßungen und Schablonendenken bald ein Ende haben, damit ich in jeder Situation selbstbewusst und ohne Mut dafür aufbringen zu müssen sagen kann: Ja, ich bin alleinerziehend.

Den Artikel “Stigma Alleinerziehend” von Christina Wischermann gibt es hier online.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Ich erzähle es nicht gerne. Möchte nicht als “Assi” abgestempelt werden, aber irgendwann wird es ja dann doch immer Thema. Reaktion des gegenübers: Mitleid.
    Ich bin in der recht aufwendigen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Schichtdienst, Pauken, zwei Kleinkinder versorgen.
    “Oh du arme, dass ist sicher hart.””sehr schwer””anstrengend” usw.
    Aber ich finde es nicht jeden Tag anstrengend, manchmal ist es auch schön, witzig, gemütlich, liebevoll, erfreulich.
    Aber ich mag es fast nicht glauben. Hängt doch die Überforderung wie ein Damoklesschwert über uns. Ja natürlich ist es viel, viel zu viel und mehr Unterstützung wäre toll (der Moment indem man merkt, dass Freunde auf der ganzen Welt garnicht so nützlich sind und einem die vielen geschenkten Schaumbäder samt “Ich pass auf deine Kinder auf, damit Mama sich mal wieder richtig erholen kann” Gutscheine ziemlich wertlos sind.)
    Aber Opfertum hilft mir doch auch nicht zum Empowerment. Ich will kein Opfer sein und ich will kein Opfa sein. Also versuche ich es möglichst nicht zu erwähnen…

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  2. Was man in der Wirtschaft alles nicht sagen darf, das erschüttert mich. Kinderkriegen ist so eine normale Sachen.
    Aber auch andere Dinge. Ich kenne viele psychisch Kranke (das ist ein regelrechtes Netzwerk bei den Leuten mit betreutem Wohnen – wenn man einen kennt, lernt man ganz viele kennen). Die in der Werkstatt arbeiten oder aber berentet sind (oder beides, das geht), die gehen in der Regel offen damit um. Aber sobald es an den 1. Arbeitsmarkt geht, ist es damit vorbei. Aus Diskriminierungs- und Stigmatisierungsgründen.

    Und dann sprichst Du noch was an, was mir auch schon als seltsam aufgefallen ist: In normalen Gesellschaftsbezügen, auch an der Arbeit, bekommst Du gutes Echo (i.d.R.). Aber sobald es wieder ans Bewerben geht, ist es Essig. Als ob die Personaler aus einer anderen Welt stammen würden. Aber sobald Du drin bist, ist wiederum alles okay.

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  3. Hallo,

    ich kann den Schluss des Artikels nicht verstehen und finde es etwas arg sorglos, solche Empfehlungen auszusprechen. Natürlich sollte man sich nicht in allen Lebenslagen outen, schon gar nicht im Job, wenn der Verdacht naheliegen könnte, dort dadurch auf Widerstände zu stoßen.

    Das Mitleid wird aufhören, wenn es nichts mehr zu bemitleiden gibt. Wenn es nicht mehr das höchstmögliche Armutsrisiko ist AE zu sein, es sinnvolle Umgangs- und Unterhaltsgesetze gibt und letzterer auch entsprechend durchgesetzt wird, wenn echte Hilfen für den Alltag bereit stehen und die Alleinerziehenden somit in allen Teilen des gesellschaftliche Leben wieder teilhaben können. Wenn Eineltern-Familien vom Steuerrecht nicht mehr bestraft werden. Und. Und. Und.

    Durch Bekenntnisse von Alleinerziehenden wird nichts besser. Daher muss Frau sich nicht auch noch Eigentore schießen. Nicht, weil es was zu schämen gäbe, sondern weil dadurch keine Vorurteile verschwinden…

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