Coming out: Ich bin ein Regenbogenkind

2015-08-02 18.44.37
Mr W. und ich sind mit Koffern und Reisetaschen bepackt auf dem Weg in die Ferien. Vorher waren wir noch kurz auf dem CSD. Er war von der Musik, den tollen Farben und der guten Laune überall ganz begeistert. Zwei Stunden mit dem Zug müssen wir nun fahren. Wir sitzen im Familienabteil, zusammen mit einem ebenfalls etwa fünfjährigen Jungen und einem Mann mit grauen Haaren, kariertem Hemd und einer Brille. Ein wenig nach vorn gebeugt sitzt er und liest dem Jungen aus einem Bilderbuch vor. Dabei fährt er mit dem Finger die einzelnen Wörter nach.

Mr. W. schaut zunächst aus dem Fenster. Dann lächelt er den Jungen gegenüber an.

“Weist du,” sagt er dann.” Ich bin ein Regenbogenkind.”

Der Junge schaut etwas irritiert und mustert Mr. W von oben bis unten. Der Mann neben ihm schaut mich direkt an, bekommt einen roten Kopf und atmet merklich angespannt aus.

Ich wappne mich schon einmal innerlich gegen die Erklärungsnot, der ich meist in solchen Situationen ausgesetzt bin.

Woher kommt denn das Kind? Fehlt Ihnen oder Ihrem Sohn nicht irgendetwas? Und was sagt Ihre Familie dazu? Alles Fragen, die ich gerade wirklich nicht diskutieren möchte.

Der Junge von gegenüber beobachtet Mr. W. immer noch genau. “Du bist ja aber gar nicht ganz bunt”, sagt er dann. “Wo ist denn der Regenbogen?”

Mr.W grinst ihn an. “Das ist total einfach”, meint er dann. “Meine Mama mag Männer ganz gern, aber so richtig verlieben, mit Küssen und so, tut sie sich in Frauen.”

“Ach so.” Der Junge nickt verständig. Für ihn scheint sich das Thema schon erledigt zu haben. Auf einmal fangen beide an zu kichern und machen Luftküsschen.

“Bist du mit deinem Opa unterwegs?”, will Mr. W schließlich wissen, als sich die beiden etwas beruhigt haben.

“Nein, ich fahr mit meinem Papa übers Wochenende weg”, sagt der Junge.

“Ach so.” Auch Mr. W nickt verständig, während der Mann mir gegenüber genauso erleichtert wie ich zu sein scheint, jetzt nicht über ihm wahrscheinlich immer wieder begegnende Fragen diskutieren zu müssen.

“Mein Opa ist schon im Himmel”, sagt der Junge dann.

Mr. W überlegt kurz. “Das ist ja prima!”, sagt er schließlich. “Dann ist er ja total nah dran am Regenbogen!”

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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6 Comments

  1. Niemand wurde als Rassist geboren und das Erlebnis von dem du da erzählst ist einfach nur toll!
    #lovewins #noh8 #dennuntermregenbogensindwirallegleich

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  2. Hallöchen 🙂

    Es ist wunderbar zu erleben, wie Kinder mit solchen Themen umgehen und wie selbstverständlich vieles für sie ist. Wir sind auch eine Regenbogenfamilie (Transfrau, 4 Kids und ich) und stoßen hier in unserer Kleinstadt oft auf Widerstände. Aber die Kinder -sogar die Großen – sind da total lässig. Dazu kommt, dass unser großer Sohn (11) einen sehr multikulturellen Freundeskreis hat und sich den auch immer weiter erschließt. Er setzt sich ein für Menschen, die nicht der “Norm” entsprechen. Ich hoffe sehr, dass die anderen Kinder da nachziehen. Aber alle haben ein sehr tolerantes und offenes Weltbild.

    Bald machen wir unsere erste längere (Zug) Reise in dieser Familienform und ich bin sehr gespannt, wie es wird.

    Liebste Grüße,
    Jane

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    • Danke ☺ bis jetzt klappt es zum Glück ganz gut.

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  3. Was für ne tolle Geschichte, Sarah! Musste total zufrieden dabei lächeln, Danke!

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  1. Coming out: Ich bin ein Regenbogenkind - Müttermagazin - […] Originaltext von mutterseelena…

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