Clemetine 2.0 – Chancengleichheit selber machen

Charlotte Albrecht ist 27 Jahre alt, alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Kindes und muss auch noch ihrer Mutter unter die Arme greifen. Nun schließt sich eine Tür und es öffnet sich ein Fenster. Der Betrieb für den Charlotte arbeitet, muss wegen Krankheit des Besitzers geschlossen werden. Es sei denn, Charlotte übernimmt diese Aufgabe. Dafür braucht sie aber Hilfe und deshalb hat sie ein unterstützenswertes crowdfundingprojekt angelegt. Ich habe ihr dazu ein paar Fragen gestellt.

Du brauchst also Geld. Wofür sammelst Du denn das Geld?

Mir wurde angeboten ein gut laufendes Kleinunternehmen zu übernehmen. An Erfahrung und Umsetzung mangelt es nicht. Lediglich an der finanziellen Umsetzung.

Gibt es für so etwas keine Förderungen vom jobcenter, Kredite oder ähnliches?

Leider nicht. Momentan arbeite ich halbtags im Büro, mein Gehalt wird vom Jobcenter aufgestockt. Da schreit natürlich keine Bank “Juhu, komm zu uns!” Vom Jobcenter wird zwar ganz klar Hilfe für Existenzgründer angeboten, jedoch – meiner Meinung nach – etwas halbherzig. Eine der ersten Fragen auf dem dazugehörigen Fragebogen lautet “Wie stellen Sie sich die Finanzierung Ihrer geplanten Selbstständigkeit vor?” Etwas makaber, angesichts der Tatsache, dass das Jobcenter sich mit der finanziellen Situation ihrer Kunden ja bestens auskennt. Dort gibt es lediglich einen “Gründungszuschuss” bei dem man in der ersten Zeit der Selbstständigkeit monatlich eine Gewisse Summe erhält, für den Fall, dass die Tätigkeit nicht vom ersten Tag an genügend Geld für den Lebensunterhalt abwirft. Weiterhin kann ein Zuschuss von höchstens 5000 Euro gewährt werden. Beides ist in diesem Fall leider nicht ausreichend, da die Übernahmesumme dieses Budget um einges übersteigt. Für den Gründungszuschuss komme ich nicht in frage, da der Laden seit 14 Jahren Gewinn abwirft und ich somit vom ersten Tag an Geld verdienen würde.

Kennst Du Dich denn aus in diesem Geschäft?

Die Anwort ist ganz klar JA! Ich arbeite dort seit insgesamt acht Jahren. Als ich anfing war es nur eine kleine Schneiderei, die langsam anfing auch Wäsche anzunehmen. Im Laufe der Zeit kam immer mehr hinzu und meine Verantwortung wuchs. Ich habe einige Mitarbeiter eingearbeitet, kenne Lieferanten und Geschäftspartner und durch meine Arbeit im Büro sind auch die administratorischen Aufgaben für mich kein Problem. Am meisten Spaß macht mir jedoch der Umgang mit Kunden. Viele davon kenne ich nun schon  viele Jahre und sehe wie aus der Single Frau von nebenan eine Familienmutter von 3 Kindern wird. Das ist schon sehr spannend. Ich kenne nicht nur dieses Geschäft. Ich kenne den ganzen Kiez.

Also, im Grunde steht alles bereit und Du bist offenbar genau die Richtige für den Job. Aber wieso kannst Du dann nicht einfach loslegen? Was muss bezahlt werden?

Ich bin in der glücklichen Position, nur die Kosten für die Übernahme des Mietvertrages (Kaution und erste Miete) und für die Geräte tragen zu müssen. Der Wert des Unternehmes ist durch den langjährigen Standort und festen Kundenstamm eigentlich ein deutlich höherer. Mein Chef ist schwer erkrankt und möchte den Laden in guten Händen wissen, deshalb muss ich nur die Grundkosten tragen. Neben der Miete geht es um die Ausstattung des Ladens, Nähmaschinen, Bügelanlagen, Möbel, Computerkasse und das noch vorhandene Material was zum Arbeiten gebraucht wird wie z.B. Drahtbügel, Reißverschlüsse etc. Mit dieser Summe könnte ich also sofort starten und müsste nicht erst noch den Laden einrichten oder mich langwierig um Material kümmern.

Hast Du eigentlich Hemmungen, fremde Leute um Geld zu bitten?

Eigentlich sogar sehr. Ich war nie ein Mensch, der andere um Geld fragte. Nicht einmal, wenn ich sie gut kenne. Ich habe Jahrelang den Gang zum Amt vermieden, um mein Gehalt aufstocken zu lassen, weil es mir unangenehm war. Auf der anderen Seite gibt es so viele Menschen, die agar nichts tun und sich den kompletten Lebensunterhalt finanzieren lassen, dass dieser Stolz meinerseits nicht angebracht war. Natürlich ist es nie einfach, fremde Menschen um Geld anzubetteln aber ich denke, wenn man eine Chance bekommt etwas zu ändern, sollte man sie auch ergreifen und mit allen Mitteln darum kämpfen. Mir wäre ein Darlehen von der Bank auch deutlich lieber, aber mit meinem Einkommen ist das unmöglich und ich finde, dass sich diese ewige Schleife von “Haste nix, biste nix, kannste nix” endlich ändern sollte. Ich bin sehr froh, dass es Seiten wie Indigogo gibt, bei der JEDER eine Chance bekommt seine Idee vorzustellen. Dort wird nicht schon vorher aussortiert oder jemand abgewiesen, sondern ganz allein die Gruppe entscheidet, ob das Projekt unterstützenswert ist oder nicht. Wenn man scheitert, dann scheitert man, weil die Idee nicht gut war oder man sich bei der Veröffentlichung nicht genug reingehangen hat. Nicht weil man Alleinerziehend ist oder nicht genug Einkommen hat oder vielleicht zehn Jahre Arbeitslos war. Diese Chancengleicheit fasziniert mich beim Crowdfunding.

Beim Crowdfunding bekommt man doch auch immer eine Gegenleistung, wenn man spendet. Was hast Du denn da so für Angebote?

In erster Linie habe ich auf Gutscheine von der Firma selbst gesetzt. Ich finde das sehr authentisch und hab dadurch die Möglichkeit die Menschen persönlich kennenzulernen, die mich unterstützen. Mein persönliches Highlight ist jedoch die Unterstützung meines Sohnes, der ein Gespräch zwischen mir und einer Freundin mithörte in dem es darum ging, welche Gegenleistungen man anbieten könnte. Da hat er gleich lautstark verkündet: “Ich male ein Bild für alle Leute”. Das finde ich für seine viereinhalb Jahre schon sehr geschäftstüchtig. Zudem beschreibt es ja auch ganz gut worum es geht. Eine alleinerziehende Mutter und ihr Sohn sind dankbar für Hilfe.

Und nach allem, was Du über die Chancengleichheit weißt: hast Du Ideen, was Du als Arbeitgeberin besser machen kannst als andere?

Auf jeden Fall! Mein bisheriger Chef hat mir schon sehr gut vorgemacht wie es geht. Er hat schon immer mehr Wert aufs Auftreten und den Charakter gelegt als auf Zeugnisse oder Kinderlosigkeit. Bei uns arbeiten nur Alleinerziehende und 2 Rentnerinnen, deren Rente hinten und vorn nicht ausreichend ist, obwohl Sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Und ich muss leider sagen, dass diese Menschen sich deutlich mehr ins Zeug gelegt haben und sich mehr für den Laden einsetzen als eben die, die es in jeder Firma leicht haben. Bisher waren Frauen mit Ehemann weitaus öfter wegen der Kinder krank geschrieben als Alleinerziehende, die immer irgendwas organisiert haben, sei es Oma, Tante oder sonstwer.Das hat mich sehr geprägt und zu dem Entschluss gebracht, dass auch ich eher Menschen mit geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt einstellen würde. Zudem habe ich ja auch selbst gemerkt welche – teilweise wirklich dummen – Vorurteile unter Arbeitgebern verbreitet sind.

Welche Vorurteile meinst Du denn genau?

Ich denke die meisten Arbeitgeber lesen aus “ledig, 2 Kinder” nur, dass da eine völlig überforderte Frau sitzt, die ihr Leben nicht in den Griff kriegt und keine Energie hat etwas zu leisten. Oder eben das übliche “Die ist doch wegen der Kinder dauernd krank”. Das is natürlich völliger Unsinn, denn gerade als Alleinerziehende MUSS man organisiert sein, sonst geht gar nichts. Ich kann nicht den Wecker noch 5x klingeln lassen und dann eben schnell, schnell machen und halb zu spät kommen. Ich muss IMMER die Zähne zusammenbeißen. Egal ob mir gerade nach “Decke übern Kopf und heulen” ist oder ich mit Fieber im Bett liege. Mein Sohn möchte versorgt werden und so etwas spiegelt sich natürlich auch im Job wieder. Auf meiner Abendschule gab es einige, die weder Kinder noch Job hatten und trotzdem – oder vielleicht deshalb – absolut unorganisiert waren, zu spät kamen, keine Zeit zum Lernen fanden. Ich war trotz eines sechs Monate altem Kindes jeden Abend pünktlich und hatte gute Noten. Aber auch da sieht kein Arbeitgeber im Lebenslauf “Oh, sie hätte drei Jahre zu Hause sitzen können aber hat lieber die Zeit genutzt um voran zu kommen” Ich denke so geht es vielen. Man versucht Kind und Job gleichermaßen gerecht zu werden und auf zwei Baustellen gleichzeitig sein Bestes zu geben. Und so ein Kinderlächeln motiviert schon sehr, sich für eine gute Zukunft einzusetzen.

 

Ich sorge für eine reine Weste 😉 von Charlotte Albrecht bei Vimeo.

 

schicksalcharlottealbrecht Charlotte ist 27 Jahre alt und möchte Clementine 2.0 werden, sagt sie. Sie hat die Chance, einen Wäschereibetrieb zu übernehmen und sucht dafür nun Unterstützer. Sie hat ein crowdfundingProjekt gestartet und eine facebookseite gegründet. Wenn Ihr sie unterstützen wollt, teilt bitte Ihr Projekt oder spendet dafür unter dem link.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

3 Comments

  1. Ich finde Deine Initiative toll, sicherlich findet das auch Dein (ehemaliger) Chef. Er könnte Dir doch ermöglichen, den Kaufpreis in Raten – sozusagen als Darlehen – aufzubringen. Denn wenn Du den laufenden Betrieb übernimmst, dann decken die Einnahmen die Ausgaben, und extra Koten gibt es anfangs sicherlich noch nicht. Jedenfalls würde ich das so verhandeln. Viel Glück!

    Post a Reply
  2. Hallo!
    Wie ist es weitergegangen? Ich habe gesehen, dass das crowdfunding leider nicht den benötigten Betrag zusammengebracht hat…hast Du einen anderen Weg gefunden? Das hoffe ich sehr!
    Liebe Grüße,
    Christiane

    Post a Reply
    • Liebe Cristiane,

      ich hatte angeboten, bei einer Neuauflage des Projekts zu helfen. Raùl Krauthausen hatte ebenfalls seine Hilfe angeboten. Charlotte wollte es aber nicht noch einmal probieren leider. Die Zeit war auch sehr knapp. 🙁

      Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*