#BloggerFuerFluechtlinge: Ein Wort, das unsichtbar macht

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Zuerst fiel mir ein Junge auf. Durch den riesigen roten Pullover den er trug und die mehrmals umgeschlagene Hose, sah er da, so am Boden sitzend, noch verlorener aus. Er hielt seine angezogenen Beine mit den Armen umklammert und schaukelte hin und her, vor und zurück. Dabei summte er leise und schaute an mir und der Menschenmasse vorbei ins Leere. Ich setzte mich neben ihn. Später sagte er mir, dass er 14 Jahre alt sei, aber sein gezeichnetes Gesicht hätte leicht auch das Gesicht eines Fünfzigjährigen sein können. Eine Sozialarbeiterin half uns über die Sprachbarriere hinweg. Er war mit seiner Tante gekommen, aus dem Kosovo. Über den Rest seiner Familie sagte er nichts. Nur, dass er schon lange nichts mehr gegessen habe.

Es war sehr stickig und voll. Voller Menschen. junge und alte, kleine und große. Dafür, dass es so viele waren, war es in dem kleinen Raum am Stadtrand von Hamburg recht ruhig. Wir hatten uns dort getroffen, um die Flüchtlinge aus dem angrenzenden Heim mit Kleidung zu versorgen. Ein kleines Fest sollte es werden, mit Kuchen und Spielzeug für die Kinder. Wir, die Hamburger*innen, wollten ihnen, den Flüchtlingen helfen. Zwischen uns und ihnen schien es eine Art unsichtbarer Mauer zu geben, die sich sofort, groß und mächtig aufbaute, sobald die Flüchtlinge den Raum betraten. Es war Juni und die ersten Meldungen von gekenterten Flüchtlingsboten schafften es mittlerweile in die Massenmedien. Es regnete stark, also gab es kaum eine Möglichkeit, nach draußen auszuweichen. Unmöglich, hier individuelle Menschen auszumachen. Die Masse verschluckte sie einfach, die Individualität des Einzelnen. Ein bisschen war es, wie der Versuch, in einem Wimmelbuch die einzelnen Figuren zu identifizieren. Schwierig.

Vielleicht ist unter ihnen die Ärztin aus Nigeria, die mit ihrem Mann nach Hamburg kam und die in Deutschland wahrscheinlich nie eine Zulassung erhalten wird, oder der junge Mann, der in Syrien gerade eine Lehrstelle gefunden hatte und der nun keine Arbeitserlaubnis bekommt. Sie sind gute oder schlechte Sportler*innen, können gut kochen, oder eben nicht, sie sind tierlieb, oder interessieren sich mehr für Technik, sie gehen vielleicht gern spazieren, oder hören Punk Rock, sie lesen Comics oder den “Sommernachtstraum”, sie sind Rechts- oder Linkshänder, Mütter und Väter, Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins.

Doch all diese Details werden verschluckt von einem einzigen Begriff. Flüchtling.

Offensichtlich ist es schon der Sprachgebrauch, der in der “Flüchtlingsdebatte” oder bei dem Versuch, die “Flüchtlingsfrage” zu klären, den Umgang mit den Vertriebenen leichter, ihr Schicksal erträglicher macht für uns, die nicht in einem Kriegsgebiet geboren wurden und das Privileg haben, die Augen vor den Dramen zu verschließen, die sich auf der Flucht abspielen. Die bloße Meldung von 400 Toten irgendwo weit weg im Mittelmeer ist für uns leichter zu ertragen als die eines Vaters von drei Kindern, der nach Europa kommen wollte um dort Geld für die Medikamente seiner kranken Tochter, vielleicht sogar im gleichen Alter wie das eigene Kind, zu verdienen und auf dem Weg in einem völlig überfüllten Boot ertrank.

Eine andere Sozialarbeiterin war inzwischen zu mir und dem Jungen gekommen, ein Stück Kuchen in der Hand. Als er verstand, dass der Kuchen für ihn gedacht war, winkte der Junge ab und lächelte sogar kurz. Dann zeigte er nach draußen, zum Fenster, durch das inzwischen die Sonne schien und begann mit der Frau neben mir kurz zu reden. “Es ist Ramadan”, sagte sie dann. “Kein Essen, wenn es Tag ist.” Der Junge stand auf und ging hinein in die Menschenmasse. Nun hatte er auch seine Individualität abgegeben, ich konnte ihn nicht mehr sehen. Vermutlich hatte er sich in der Schlange angestellt, um neue Kleidung zu bekommen.

Bildquelle: zeit.de

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Author: Sarah Wiedenhöft

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