Bin ich Wonder Woman?

Mit der Kampange “Wonder Woman. Alleinerziehende retten jeden Tag die Welt. Wir unterstützen sie dabei!”, will die SPD in den Dialog treten und endlich etwas verändern. Doch was, wer, wo und wie genau? Ich habe mit Yasmin Fahimi gesprochen.

Vielen Dank für die Blumen, liebe SPD! Nachdem die Presse sich mit positiver Berichterstattung über “die Alleinerziehenden” vorsichtig ausgedrückt schwer tut und alleinerziehend und asozial gern in einem Atemzug genannt werden nun das: Wir werden mit einem Superhelden gleichgesetzt. Genauer: Mit der ersten weiblichen Superheldin aus dem Jahre 1941. Großartig, oder?

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 Wer ist Wonder Woman?

Optisch passen sie und ich so gut zusammen, wie Brot mit Ketchup, Schokocreme und Gummibärchen – nämlich gar nicht, obwohl Mr.W. jeden Morgen beim Frühstück das Gegenteil behauptet.

Große Brüste, ebenso großer Ausschnitt, lange, im Wind wehende schwarze Haare, Krönchen, endlos lange Beine und eine Klamotte, die an die Kleidung der Stripperinnen auf dem Kiez erinnert – das ist sie. Aber das bin sicher nicht ich. Ich habe keine schwarzen Haare, ich will kein Krönchen, keine endlos langen Beine und das Gott verdammt letzte, was ich freiwillig anziehen würde, wäre dieses Outfit!

Aber darum geht es auch nicht.

Worum geht es dann? Endlich erkennt jemand “da oben”, dass Einelternfamilien keine Seltenheit sind und oft Lebensbedingungen haben, die an vielen Ecken dringend verbesserungswürdig sind.

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Ja, ich fühle mich als Alleinerziehende benachteiligt und ich freue mich, dass uns endlich jemand nach unserer Meinung fragt. Kinder sollten kein Armutsrisiko mehr sein. Der Unterhaltsvorschuss endet dann, wenn die Kinder richtig teuer werden. Die Betreuungszeit im Kindergarten und in der Schule deckt in vielen Fällen die Arbeitszeiten der Eltern nicht ab und von steuerlichen Ungerechtigkeiten möchte ich gar nicht erst anfangen. Hinzu kommt die gesellschaftliche Stigmatisierung und der ständige Druck, der ganzen Welt beweisen zu müssen; Ja, wir sind eine vollständige, vollwertige Familie!

Fest steht: Es muss sich was ändern!

Die SPD gibt Alleinerziehenden die Möglichkeit, in den Dialog zu treten und von ihrem Alltag und ihren Problemen zu erzählen. Was genau will die SPD verändern? Und was mit ihrer Kampange erreichen? Yasmin Fahimi ist Generalsekretärin der SPD und für die Kampange verantwortlich. Mir hat sie einige Fragen beantwortet.

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Frau Fahimi, Einelternfamilien sind in allen Bereichen des täglichen Lebens politisch und gesellschaftlich völlig gleichberechtigt. Wie bewerten Sie diese Aussage, wenn Sie die aktuelle Situation von Alleinerziehenden betrachten?

Ich wünschte, es wäre so. Ich selbst bin als Halbwaise aufgewachsen, mein Vater ist noch vor meiner Geburt gestorben. Ich kenne die Situation von Einelternfamilien daher aus eigener Anschauung gut und weiß, wie viele Beine sich meine Mutter ausreißen musste, um meinem Bruder und mir gerecht zu werden und gleichzeitig den Alltag zu wuppen. Wir als SPD wollen diese Situation verbessern, deshalb haben wir gerade eine Initiative gestartet, die erst mal vor allem eins möchte: Die Lage von Alleinerziehenden so darstellen, wie sie tatsächlich ist. Wir wollen nicht über, sondern erst einmal mit  Alleinerziehenden reden. Fast 200 Frauen und Männer haben sich bereits bei uns gemeldet und von ihrem Alltag erzählt. Mich bewegen diese Schilderungen sehr.
 Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um mehr Gleichberechtigung zu erreichen?
 
Zunächst einmal geht es um Anerkennung. Alleinerziehenden oder Einelternfamilien hängt noch immer der Makel an, sie seien als Familien nicht komplett. Das ist natürlich Unsinn, jede fünfte Familie in Deutschland ist mittlerweile eine Einelternfamilie. Für die SPD ist Familie dort, wo Kinder sind – egal, in welcher Konstellation. Als Gesellschaft müssen wir endlich anerkennen, wie anstrengend es für Alleinerziehende ist, im Alltag zu bestehen. Das wäre ein riesiger Fortschritt, dem aber natürlich weitere konkrete Schritte folgen müssen: bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und auch mehr finanzielle Hilfe. 
Medial werden Einelternfamilien meist als homogene Masse dargestellt. Alleinerziehend und asozial werden gern in einem Atemzug genannt. Die Kampagne der SPD setzt Alleinerziehende hingegen mit Wonder Woman gleich. Sehen Sie sie als Helden des Alltags? 
Es ist natürlich eine etwas augenzwinkernde Kampagne, aber mir gefällt das Superhelden-Thema, weil ich die Leistung vieler Alleinerziehender wirklich bewundere und stärker gewürdigt sehen möchte. Grundsätzlich sollten wir uns hüten, zu sehr zu generalisieren. Einelternfamilien sind genauso wenig eine homogene Masse wie „klassische“ Zweielternfamilien.
 Glauben Sie, dass die „Superkräfte“ von Alleinerziehenden nutzbar sind, beispielsweise für den Arbeitsmarkt? Sind Alleinerziehende Ihrer Meinung nach leistungsfähiger als andere Menschen?
Von solchen Zuschreibungen halte ich, ehrlich gesagt, wenig. Wir sollten lieber mehr Zeit darauf verwenden, die Leistungen jedes und jeder Einzelnen anzuerkennen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Für alle Eltern bedeutet dies einen schwierigen Balance-Akt und eine ziemliche Herausforderung. Alleinerziehende haben es dabei oft sicherlich noch etwas schwerer, weil sie zumeist weniger flexibel sind und nicht darauf bauen können, dass ein Partner anfallende Betreuungslücken auffängt.
 Die SPD gibt Einelternfamilien die Möglichkeit, ihre Sorgen und Nöte online mitzuteilen. Wer wertet diese Statements aus und unter welchen Kriterien geschieht das?
Ich freue mich sehr, dass so viele Mütter und Väter unserem Aufruf gefolgt sind und ihren Alltag schildern. Wir werten das im Willy-Brandt-Haus sehr genau aus und ich lese mir viele der Zuschriften auch persönlich durch. Im nächsten Schritt wollen wir Alleinerziehende ins Willy-Brandt-Haus nach Berlin einladen, um im direkten Gespräch auszuloten, was die SPD konkret für sie erreichen kann. Wir wollen nicht sofort mit fertigen Antworten kommen, sondern erst mal genau hinhören.
 Kurz zusammengefasst: Kindergeld, Kinderfreibetrag, Steuerklasse, Unterhaltsvorschuss, Kinderbetreuung. Welche Änderungen sind konkret in diesen Bereichen geplant, um das Leben von Einelternfamilien zu erleichtern?
In einem ersten Schritt haben wir gerade durchgesetzt, dass der Kinderfreibetrag auf 160 Euro anwächst. Wir beharren weiterhin darauf, dass Einelternfamilien steuerlich stärker entlastet werden. Im Koalitionsvertrag haben wir der Union abgerungen, dass der Alleinerziehenden-Beitrag endlich erhöht wird – diese Vereinbarung gilt. Denn es kann nicht angehen, dass der Betrag seit mehr als elf Jahren nicht angehoben worden ist. Wir treiben in der Koalition zudem den Ausbau der Kinderbetreuung voran, insbesondere die Angebote für die Ganztagsbetreuung werden steigen. Und wir wollen die berufliche Bildung stärken und Ausbildung in Teilzeit ermöglichen – auch davon würden Alleinerziehende profitieren. Klar ist, dass wir uns als SPD deutlich mehr vorstellen können, als in der gegenwärtigen Koalition mit den Konservativen möglich ist.
Wie schätzen Sie die Situation von Einelternfamilien in fünf Jahren ein?
 
Ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam einiges bewegen können, um die Lage der Alleinerziehenden deutlich zu verbessern. Familie ist da, wo Kinder sind. Wenn wir diesen Satz leben, ist allen Familien in unserem Land sehr gedient.
Liebe SPD: Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Auf das den Versprechen Taten folgen und wir alle gemeinsam etwas verändern können!

Alle Informationen zur SPD- Kampange gibts hier.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Ich finde ihre Kampagne diskrimminierend. Es gibt auch zahlreiche Männer, welche alleinerziehend sind. Also SPD, bitte ändern sie diese Kampagne!

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