Betriebsausflug

Ab heute reicht die Kohle nicht mehr. Darum habe ich einen kleinen Ausflug zum Jobcenter unternommen und dort einiges Spannendes erlebt.

jobcenter

Der Ausflug beginnt in einer langen und gefährlichen Schlange. Die Schlange hat lauter ausgemergelte Menschen gefressen. In ihrem Magen sind lauter blasse und schlecht gelaunte Menschen. Versteht sich. Wer wird schon gern gefressen? Es dauert gar nicht lange, da stecke ich auch schon unbeteiligt im ersten Streit. Ich nehme die Kopfhörer ab, weil ich höre, wie hinter mir gestritten wird. Als ich in die wütenden Augen eines kleinen Mannes schaue, zeigt dieser gerade auf mich und sagt: “… wegen dieser blöden Bitch!”

“Äh, bitte?”, hake ich nach. “Ja, du blöde Schlampe. Fummelst du da an deinem scheiß iphone rum und tust so, als wär nichts.” Achso. “War denn was? Entschuldigung. Ich habe nichts gehört.” “Ja, natürlich!”, mischt sich nun ein zweiter von weiter vorne ein. “Du warst ja auch mit deinem Gerät beschäftigt.” Ich suche nach einem Gesicht zu der Stimme und finde darin ebenfalls funkelnde Augen. “Ja. Aber was hätte ich denn mitbekommen sollen?” Der von vorne dreht sich schüttelnden Hauptes um und “sagt dazu jetzt gar nichts mehr”, der hinter mir erklärt, er habe jawohl eben hinter mir gestanden. “Stimmt’s?”, fragt er energisch. “Ich glaube, das stimmt.”, bestätige ich. “Ja, dann sag das mal der Schlampe hier!”

Aber, aber …
“Soviel Unhöflichkeit in einem so kleinen Körper!”, bemerke ich lächelnd und die Schlampe hinter mir, schüttelt mit aufeinander gepressten Lippen ihren Kopf. Der Mann krakelt weiter und ich komme nach kurzer Überlegung zu dem Schluss, dass es besser wäre, die Kopfhörer wieder aufzusetzen. Die Menge hinter mir streitet weiter und immer mehr Menschen mischen sich ein. Inzwischen ist eine Frau noch weiter hinten sehr aufgebracht. Augen und Mund bewegen sich synchron immer weiter auf und kaum mehr zu. Sie wirft die Arme durch die Luft und verschwindet schließlich stampfenden Fußes. Zurück kommt sie mit einem Sicherheitsangestellten des jobcenters. Einer dieser 1-Euro-Maßnahme-Menschen. Sicherheitskraft ohne nennenswerte Ausbildung. Das erste, was mir in seinem Gesicht auffällt, ist Freude. Oha. Ein Sheriff, denke ich. Er liebt seinen Job. So einer wie der würde das auch umsonst machen. Ich drehe mich lieber weg.

Doch irgendwann berührt der Sheriff meine Schulter. Erneut nehme ich die Kopfhörer aus meinem Ohr.
“Ja, bitte?”
“Telefone sind hier verboten!”, erklärt der Sheriff und zeigt auf eines der zahlreichen Verbotsschilder.
“In Ordnung!”, nicke ich.
“Ja. Tu das bitte weg.”
“Mein Telefon ist ja in meiner Tasche.”
“Ja,aber du benutzt es.”

Ich fühle, wie meine Augenbrauen sich zusammenziehen.
“Also gut. Soll ich die Kopfhörer rausnehmen.”
“So ist es.”
“Gut.” Ich gehorche und will aber wissen, wozu dieses Verbot gut ist und wer es verantwortet.
Das weiß der Sicherheitsmann doch nicht und nun bekommt auch er diesen blöden Blick. Hass. Ich erhebe beschwichtigend meine Hände und gebe zu bedenken, dass man ja vielleicht einen beruflichen Anruf erhalten könnte und dass ich ja aber auch gar nichts sagen wollte und ich entschuldige mich. Da nickt der Sheriff. So ist gut. Amen.

“Maike!”, sag ich mir. “Hier sind alle mies gelaunt. Treib es nicht auf die Spitze!” Also entferne ich die Kopfhörer von meinem scheiß iphone und verhalte mich unauffällig. Inzwischen bricht weiter hinten ein weiterer Streit aus. Als ich endlich dran bin, erkläre ich mein Anliegen und werde weiter geschickt. Nummer 69, bitte in den Warteraum. Achso, das war hier gar nicht der Warteraum …

Als ich endlich an einem Schreibtisch sitze, wo ich meine Unterlagen einreichen kann, erkundige ich mich nach dem Bildungspaket. Ich hätte einen formlosen Antrag vorbereitet, erkläre ich. Zuvor hatte ich beim jobcenter und sämtliche Stellen beim Bezirksamt abtelefoniert, um zu erfahren, wie man an den Bildungszuschuss kommt. Dort konnte mir niemand Auskunft erteilen. Also probiere ich es mit diesem formlosen Schreiben. Die Beraterin schüttelt den Kopf. Nun. Inzwischen gäbe es dafür Anträge und sie drückt mir einen in die Hand. Leider könne ich es nun aber nicht mehr rückwirkend erhalten. Dafür hätte ich es spätestens am 1.Juni abgeben müssen. Ich gebe zu bedenken, dass am ersten Juni der Antrag ja noch gar nicht existent gewesen wäre und mir niemand darüber Auskunft erteilen konnte, wie der Beantragungsvorgang läuft. Sie zuckt mit den Schultern. “Gesetz ist Gesetz!”
“Kein Kampf gegen Windmühlen, Maike!”, mahnt mich nun die Stimme der Vernunft in meinem Kopf. Ich lächle.
“Aber ab Juli bekomme ich ihn schon?”
“Anteilmäßig. Sie haben ihn ja erst heute beantragt. Und es ist der 19.Juli. Sie verstehen …”
Ich verstehe. Eine andere Stimme in meinem Kopf möchte nun fragen, ob ich nicht einfach anteilmäßig das Geld all derer bekommen kann, die über das Bildungspaket gar nicht informiert sind und es folglich auch gar nicht beantragen. Doch ich schaffe es, mich zusammenzureissen. Keine Politik. Die junge Beraterin weiß ja auch nicht, was das alles soll. Ihr kann es nur eben einfach egal sein. Störe ich sie lieber nicht in ihrer gesunden Gleichgültigkeit. Sie kann einem ja leidtun. Hier im Center der schlechten Gefühle.

OBcenter? – aufgenommen mit meinem scheiß Iphone!

OBcenter? – aufgenommen mit meinem scheiß Iphone!

Weil ich so freundlich bin, sagt die junge Frau nun, dass sie mir einen “EILT”-Vermerk auf die Unterlagen stempelt und sie persönlich gleich in der Leistungsstelle abgibt. Ach, wie gut ist Freundlichkeit! Ich empfehle, dieses Konzept einmal selbst auszuprobieren. Hilft auf den meisten Ämtern und Behörden.

Falls Du, geneigter Leser, ein “Kunde” (Kunde ist ein Schimpfwort, sagt meine Tochter)  besagten Centers seien solltest, hier ein Tipp, der kein Gold, aber immerhin ein bisschen Geld wert ist:

ERKUNDIGE DICH FREUNDLICH NACH DEM BILDUNGSZUSCHUSS!

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Author: Sarah Wiedenhöft

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