Begegnung zu Weihnachten

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Wie jedes Jahr am zweiten Weihnachtsfeiertag waren Mr. W und ich heute Mittag mit meinen Eltern in einem Restaurant am Stadtrand. Wir saßen an einem Tisch am Fenster in einem kleinen Nebenraum, während das große Buffet mit Gänsebraten, Rotkohl, Kartoffeln, Salat, Nudeln, verschiedenen Soßen und Schokobrunnen in einem größeren Raum neben dem riesigen Weihnachtsbaum aufgebaut war. Ich stand auf, um mir etwas zu Essen zu holen. Mr. W spielte noch fröhlich mit den Feuerwehrautos, die der Weihnachtsmann zwei Tage zuvor heimlich unter den Baum legte, während wir in der Kirche das Krippenspiel angesehen hatten.

Als ich mir gerade etwas von den Nudeln auf den Teller füllen wollte, berührte mich jemand von hinten vorsichtig am Arm. Ich drehte mich um.

Da stand eine Frau, etwa vierzig Jahre alt, mittellange blonde Haare und ein rundes, freundliches Gesicht, und strahlte mich an. Ihre blauen Augen leuchteten.

“Wie schön”, sagte sie und streckte mir nach kurzem Zögern die Hand entgegen. Offensichtlich erkannte sie mich. Sie sah sehr glücklich aus.

Als wir uns das letzte Mal sahen, war das nicht der Fall. Es war im Frühjahr 2010, wir waren beide schwanger und lagen mit drohender Frühgeburt im Krankenhaus. Wir teilten uns ein Doppelzimmer. Sie erwartete Zwillinge und war in der 30. Woche schwanger, als ich irgendwann im Mai zu ihr aufs Zimmer verlegt wurde. Sie war schon eine Weile im Krankenhaus, als ich kam, wie lang genau weiß ich nicht. Damals hatte sie hohes Fieber, Wassereinlagerungen und atmete schwer, vor allem nachts, während die Tokolyse, die sie über die Venen mit Medikamenten versorgte, gleichmäßig piepte. Wir verbrachten ungefähr drei Wochen in einem Zimmer und redeten viel. Schließlich durften wir beide das Zimmer nur verlassen, um, mit Hilfe eines Krankenpflegers, auf die Toilette zu gehen. Und die Zeit vergeht sehr langsam, wenn man den ganzen Tag nur im Bett liegen muss.

Sie war gerade mit ihrem Mann in ein großes Haus gezogen, hatte schon eine Tochter von dreizehn Monaten, eine mehrjährige Kinderwunschbehandlung hinter sich. Sie probierten zunächst Jahre lang, schwanger zu werden, doch es klappte nicht. Der Arzt musste nachhelfen, bis sich die Schwangerschaft mit der großen Tochter einstellte. Doch bei den Zwillingen klappte es auf einmal, ganz plötzlich. Obwohl sie nicht mehr damit gerechnet hatten, noch ein Kind zu bekommen.

Wir hatten damals große Angst. Um das Leben unserer Kinder, um die Zukunft. An schwierigen Tagen fragten wir uns beide: Was, wenn die Kinder es nicht schaffen? Aber meist überwiegten Zuversicht und Optimismus. Es wird schon gut gehen. Ganz sicher.

Eines nachts setzten dann bei ihr die Wehen ein, fast ohne Vorwarnung und trotz der vielen Medikamente. Die Ärzte schoben sie im Bett aus dem Zimmer, ich wünschte ihr alles Gute. Danach sah ich sie nicht wieder. Wenig später wurde ich in ein anderes Krankenhaus verlegt. Eines, das noch besser auf die Bedürfnisse von sehr kleinen Frühgeborenen ausgerichtet ist.

Lange Wochen mit vielen Hochs und Tiefs im Krankenhaus folgten für mich und Mr. W. In der Zeit konnte ich mich um nichts anderes kümmern, als um meinen Sohn. Er brauchte meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. An die Frau und ihre Zwillinge dachte ich aber noch ab und zu, vor allem in der Zeit, als mein Sohn dann schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Wie schön, dass wir uns  nun so unerwartet wiedersahen.

Sie lächelte mich an und zeigte auf einen Tisch, dicht am Buffet. Dort saßen ihr Mann und drei Mädchen, die Zwillinge und ihre größere Tochter, in roten Kleidern. Auch ihre Kinder bespielten die Weihnachtsgeschenke, die der Weihnachtsmann für sie gebracht hatte. Und sie sahen gesund und glücklich aus.

Gerade an Weihnachten bin ich besonders dankbar, über das Glück, dass wir hatten. Mr. W. hat überlebt, genauso wie die Zwillinge. Ich freue mich über alles, was wir gemeinsam erleben durften und ich habe keine Angst mehr vor der Zukunft. Ich bin neugierig auf das, was für uns noch kommen wird. Aber gerade jetzt denke ich auch viel an die Kinder, die nicht so viel Glück hatten, wie Mr. W. und die beiden Mädchen. An die Kinder, die die Zeit im Krankenhaus nicht überlebt haben. An die Kinder, die heute im Krankenhaus sind. An die Kinder, die Weihnachten nicht mit ihrer Familie feiern können. Und ich versuche, im nächsten Jahr etwas von meinem Glück abzugeben.

 

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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