aus dem Ruder – eine Schifffahrt von Innen nach Außen Teil I

Übrigens: Dir steht eine Haushaltshilfe zu !

Wenn das Leben Dir 'ne Banane gibt, mach hängende Mundwinkel draus!

Wenn das Leben Dir ‘ne Banane gibt, mach hängende Mundwinkel draus!

Heute ist einer dieser Tage … Gemeine Bakterien haben sich in meinen Körper eingeschlichen. Irgendwie muss mein Immuntürsteher gepennt haben. Eine Krankheit kann sich dieser exklusive Club, der mein Körper ist, nicht leisten. Dieser Körper trägt eine Menge Verantwortung und genießt hohes Ansehen. Nun wird er von innen aufgemischt. Vandalistenbakterien verwüsten das gesamte Interieur!

Ich komme kaum aus dem Bett und schleppe mich in die Küche. Schwerfällig, als müsste ich gegen eine Strömung anschwimmen. Heute ist jede Bewegung ungefähr siebenmal so anstrengend wie normalerweise. Die Kaffeemühle fällt mir aus der Hand und verteilt den gesamten Kaffee auf meinem Fußboden, als ich das Messer von der Leiste nehmen will, greife ich daneben und schneide mir tief in den Daumen und das Blut lasse ich schließlich versehentlich in Laupentas Kakao tropfen. Also noch einmal das Ganze!

Als ich meine Tochter endlich mit ihrem obligatorischen Kakao wecke, spüre ich schon den Widerstand. Sie hat noch nicht ganz das volle Öffnungsvolumen ihrer Augen aktiviert, da sehe ich schon das Aufblitzen von Ärger in ihren Kuller-Kinderaugen. Das Kind hat heute Lust auf Reibung. Kein Wunder, bei all der Kälte da draußen. Na schön. Selbstverständlich “funktioniert” sie heute überhaupt nicht. Ich sage ihr, dass ich krank bin und sie mir helfen muss. Sie soll nun erst mal das übliche Programm abziehen und dann in die Küche kommen. Zehn Minuten später kann ich sie aus dem Flur eine Buchseite umblättern hören.

“Laupenta? Ziehst du dich an?”

Ein genervtes: “Jajaja!”, kommt zurück.

Zehn Minuten später erscheint sie in der Küche. Sie trägt das T-Shirt, in welchem sie geschlafen hat, ihr Haar ist ungekämmt und in den Augen hängt noch der Schlaf. Laupenta weiß genau, was sie morgens zu machen hat. Sie geht jetzt seit drei Jahren zur Schule und weiß, dass sie sich morgens anziehen, waschen und kämmen muss, bevor sie in die Küche kommt. Aber heute will sie lieber mal wieder testen, wie ernst es mir damit ist und ob auch die kranke Version von mir Bescheid weiß, wie es hier üblicherweise so läuft. Die kranke Version von mir ist sofort wütend und schickt sie zurück, dass ganze Programm noch einmal durchzuführen.

“Und zwar ZACKZACK! Du kommst zu spät!”

Motzend verlässt das Minimonster die Küche und ich kann sie noch eine ganze Weile wilde Flüche ausstoßen hören. Währenddessen beginnt der Küchenboden unter meinen Füßen zu schwanken. Hab ich jetzt Fieber? Mir wird schlecht und der Schweiß bricht mir aus. Ich kämpfe dagegen an und bereite Laupentas Schulfrühstück. Als sie zurückkommt trägt sie ein frisches T-Shirt und eine Samuraimine im Gesicht.

“Immer muss ich mir ein frisches T-Shirt anziehen, immer muss ich nä-nä-nä-nä-nä – – – Ich kann NIE … motz-motz-motz!”

Das Kind ist auf Krawall – , die Haare dafür immer noch nicht gebürstet.

Ich überreiche ihr mit letzter Kraft ihr Frühstück und sage, dass ich mich hinlegen muss. Das ist ihr aber egal. Oder es kommt ihr gerade Recht. Kinder können ja solche Monster sein, wenn sie irgendwo eine Schwachstelle entdecken. Sie meinen es ja gar nicht so. Aber wo immer ein Stück Macht herumliegt, da sind sie gewillt, es wenigstens einmal zu berühren.

“Ich will keinen Frischkäse auf meinem Brot!”

“Tut mir leid. Dann tausch halt in der Schule. Oder kauf Dir was. Ich muss liegen.”

“Ich mache mir selbst eins.”

“Dafür ist ja jetzt keine Zeit mehr, Laupenta. Geh dir bitte die Zähne putzen!”

Dieser Satz folgt dreimal. Zunächst gleich darauf, als Laupenta auf diese Aufforderung hin ihre Arme vor der Brust verschränkt und die Nase hochzieht und dann noch zweimal, nachdem sie für eine Weile im Bad verschwindet und dort einfach GAR NICHTS macht. Nach einem vollkommen überflüssigem und langem Kampf, verlässt sie schließlich mit  geputzten Zähnen, frischer Kleidung und einer viertel Stunde Verspätung die Wohnung. Nicht jedoch, ohne noch ein paar Minuten mit einer Diskussion über die Sinnhaftigkeit einer “doofen Jacke” zu vergeuden.

In mir herrscht Aufruhr. Ich lege mich ins Bett und träume Alpträume. Ich erwache frierend und schwitzend. Irgendwann kämpfe ich mich an den Herd und koche für das Kind. Das Kind kommt viel zu spät nach Hause und meckert die ganze Zeit rum. Sie isst wie ein kleines Schwein und bei den Hausaufgaben bekommt sie einen Tobsuchtsanfall. Laupenta weiß ja vermutlich selbst nicht, was mit ihr los ist, aber sie rebelliert und trotzt und motzt und ist genervt und hasst die ganze Welt. Und ich bin schuld. Sowieso.

Das ergibt so alles keinen Sinn. Nach dem Essen raffe ich mich auf, wasche statt des Geschirrs einfach mal mich ab (Laupenta brauch ich heute besser gar nicht erst zu bitten) und teile ihr mit, dass ich jetzt zu einem Arzt gehe. Laupenta findet auch das ätzend.
In diesem Moment kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten und sie sieht mich erschrocken an. Manchmal ist dieser Schrecken die einzige Möglichkeit, die man hat, ein Kind zu erreichen. Ich sage ihr, dass es mir wehtut, wie sie auf mir rumhackt, dass es mir schlecht geht und sie jetzt endlich mal ein großes Mädchen sein und mir helfen soll. Wenigstens könnte sie ja freundlich zu mir sein. Laupenta schaltet sofort um und kuschelt sich an mich. Sie entschuldigt sich sogar.

Im Wartezimmer habe ich endlich die Möglichkeit das Ganze von Außen zu bewerten. Ich werfe einen imaginären Blick in unsere Wohnung und beobachte Laupenta und mich wie wir interagieren. Plötzlich wird mir klar, dass Laupenta schon eine ganze Weile unfreundlich zu mir ist. Ich stecke aber schon so drin in diesem Muster, dass ich es schon gar nicht mehr bemerkt habe. Egal, was ich sage, Laupenta bekundet ihren Missmut. Und jede noch so feste Regel will sie immer wieder ausloten. Obwohl ich in jeder Regel schon immer grausam konsequent bin. Irgendwo müssen wir uns in den letzten Wochen in einen Nebenfluss verirrt haben. Wir sind irgendwo falsch abgebogen und rasen auf einen Wasserfall zu. Ich weiß nicht, wann das passiert ist, aber ich weiß: Wir müssen jetzt unbedingt zurück rudern.


BANG GANG – STOP IN THE NAME OF LOVE

 

Zurück heißt gegen den Strom heißt anstrengend. Ja.
Der Ärztin sage ich jetzt jedenfalls erst mal, dass ich eine Haushaltshilfe brauche. Und wie das geht, das erklärt der nächste Artikel.
Gute Reise, Gute Besserung!

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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