Ärztin mit Zombie-Maske

Quelle: http://pix.echtlustig.com/1212/mama-ich-will-prinzessin-werden.jpg

 

Als Mutterseelenalleinerziehende alles auch mutterseelenallein entscheiden zu müssen, ist nicht immer leicht. Während der Planung für das Kostüm für die Faschingsparty im Kindergarten stand ich vor so einer Entscheidung.

Bei Mr. W. wird heute in der Kita Fasching gefeiert. Sein Wunschkostüm stand auch direkt fest: Nachdem er im Fernsehen die  Kindersendung “Doc McStuffins” gesehen hatte, in der ein kleines Schwarzes Mädchen als Ärztin kaputtem Spielzeug hilft, wollte er unbedingt eine Verkleidung nach dem Vorbild seiner Serienheldin. Ich war ganz gerührt davon, wie begeistert Mr. W. mit großen glänzenden Augen von der Sendung und seinem Kostüm erzählte: “Mama, sie hat Locken und sie ist braun. Sie sieht aus wie ich!”

Auf dem Weg zum Spielzeugladen war er aufgeregt und voller Vorfreude. Die vier Stationen, die wir zum Geschäft mit der Bahn fahren mussten, kamen ihm unendlich lang vor. Drinnen lief er direkt los, blieb dann aber  unsicher stehen. “Mama, schau mal, ich sehe mein Kostüm. Aber da ist alles rosa, das ist die Mädchenabteilung. Da kann ich nicht hingehen!”

Da stand ich nun und wusste erst einmal nicht, wie ich reagieren sollte. Er hatte recht. Das gesamte Sortiment des Ladens schien sich in zwei Lager zu teilen, denen sich selbst der Fußboden und jedes einzelne Regal anpassten.

In den blau umrahmten Regalen drängten sich Actionfiguren neben Autos, Spielzeugpistolen neben Plastikbohrern, Polizei und Feuerwehr. In den pinken Regalen reihten sich Prinzessinnen, Haarspangen, Elfen und kleine glitzernde Pferde mit Krönchen und Flügeln aneinander. Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen. Schon als die Kinder in Mr. W.s’ Kindergartengruppe an seinem ersten Tag dort von der Erzieherin nach ihrer Lieblingsfarbe und ihrem liebsten Spielzeug gefragt wurden, war die Sache schnell klar. Blau und Schwarz, Actionheld und Feuerwehr für Jungs, Rosa und Lila, Pferd und Prinzessin für Mädchen.

Mr. W. schaute mich an. Nur Mut!, sagte ich ihm und mir auch. Such dir einfach ein Kostüm aus, in dem DU dich wohl fühlst!

Ich nahm Mr. W. an die Hand und ging mit ihm zu dem pink umrahmten Regal, in dem sein Wunschkostüm schon auf ihn wartete und muss zugeben, dass ich dabei auch etwas unsicher war. Ich nahm das Kostüm in die Hand, um es mir genauer anzusehen.  In den weißen Arztkittel mit pinkem Emblem war ein rosa Rock eingenäht, an den ein lila-weiß-gestreiftes Oberteil anschloss. Ein pink glitzerndes Haarband und eine prall gefüllte ebenfalls glitzernde Arzttasche machten die Verkleidung perfekt. Phonendoskop, Otoskop, Schraubenzieher und sämtliche Utensilien, mit denen Doc ihre Patienten aus Stoff und Plastik im Fernsehen untersuchte und die natürlich auch zur echten Doc-Verkleidung gehörten, passten sich farblich perfekt ihrer Umgebung im Spielzeugladen an.  In meinem Kopf kreisten auf einmal tausend Gedanken und Gefühle.

Zunächst war da Angst. Was ist, wenn er im Kindergarten geärgert wird? Wenn die anderen Kinder ihn auslachen und nicht mehr mit ihm spielen wollen? Dann aber hatte ich auch wieder die strahlenden Augen von Mr. W. genau vor mir. Er war so unendlich glücklich gewesen, als er mir von dem Kostüm berichtete.

Mr. W. griff sich direkt den pinken Arztkoffer und drückte begeistert auf einen herzförmigen Knopf, der das Phonendoskop zum leuchten brachte. Mit dem Koffer in der Hand ging er weiter zu einem blau umrahmten Regal, in dem eine schwarze Maske mit Vampirzähnen, wilden Haaren und angemalten Blutstropfen auf der Stirn lag. Sofort setzte er sich die Maske auf und wollte sie noch nicht einmal an der Kasse absetzen, genauso wenig wie den Arztkoffer. Auch den Arztkittel mitsamt dem eingenähten Rock nahmen wir mit.

In der Kita feiert in diesem Moment  eine vierjährige Doc McStuffins mit Zombie-Maske seine erste Faschingsparty. Ich bin damit sehr glücklich, genauso wie mein Sohn auch.

Gerade Fasching ist die Zeit, in der Mensch sein kann, was er möchte.* Jeder sollte so sein dürfen, wie er ist, und das immer und zu jedem Zeitpunkt. Dass das nicht in jeder Situation der Fall ist, erfahre ich täglich. Doch ich möchte meinem Sohn Mut machen und ihm und mir die Stärke geben, für das, was uns selbst wirklich am Herzen liegt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen!

 

 

Anmerkung der Autorin: Seid, was, wer oder wie  ihr wollt! Aber, ganz wichtig: Nehmt Rücksicht und überdenkt vorher, ob Euer Handeln oder, in diesem Falle, Eure (Ver-) Kleidung andere Menschen verletzen könnte!

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. nicht lustig. aber gern gelesen. über ein tolles kind, das sich zum glück über die rosa-hellblaue mauer der erwachsenen hinweggesetzt hat! 🙂

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  2. Ich bin immer schon der Meinung gewesen, “seid was ihr wollt”, wie Sie das so schön ausdrücken!
    Ebenso hasse ich diese Farbentrennung mit Blau und Rosa.

    Aber, im Bezug auf das Kostüm muss ich eine Frage stellen.
    Die Figur wird in der Serie wohl viel Rosa und auch einen Rock tragen, oder?
    Es wäre daher unverständlicher (für mich) wenn das Kostüm blau und mit einer Hose ist.

    Vielleicht ist ja nicht das Kostüm “schuld” sondern die Serie, die ja dieses Mädchen nur in Rosa darstellt, anstatt in allen möglichen Farben.

    Ich liebe den Kompromiss, den Ihr Sohn gemacht hat, und hoffe, dass es keine negativen Rückmeldungen gegeben hat. Wenn doch, dann hoffe ich, dass Sie und Ihr Sohn da mehr oder weniger “drüber schaun” können! 🙂

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    • Liebe Nicole,

      das ist natürlich richtig. Bei Doc McStuffins handelt es sich um eine Preschool-Serie, also für Kinder unter 6 Jahren. Die Figuren tragen wegen des Wiedererkennungswertes bis auf ganz wenige Ausnahmen immer die gleiche Kleidung und die ist im Fall von Doc eben ein rosa Rock mit weiß-lila gestreiftem Oberteil. Ganz interessant ist aber, dass “für Jungs” zu dem pink glitzernden Modell ein blauer Arztkoffer produziert wurde.

      Danke für die liebe Rückmeldung! 🙂

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