Anekdote Nr. 2: Umzug ins Nichts

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Manche Wege führen nach Rom, alle irgendwo anders hin.

Nachdem ich also meinen Finger getrunken und mein Bewusstsein verloren hatte, verpasste ich leider die Wohnungsbesichtigungen. Mein Freund wiederholte darum sein Angebot, dass ich erst mal zu ihm kommen könne. Ich hatte meine Zweifel. Bisher hatte er meine Tochter nicht einmal kennengelernt und ich war nicht sicher, ob das alles so funktionieren würde. Aber er ließ keine Hemmungen zu. Das wird schon!, fand er und wir sollten uns eingeladen fühlen. Also fühlten wir uns eingeladen.

Meine Tochter brachte ich für den Umzug erneut zu ihrem Vater und meiner Schwester. Doch der Umzug sollte sehr viel länger dauern als geplant …

Es begann damit, dass mein Freund in der Woche vor meinem Umzug plötzlich nicht mehr zu erreichen war. Nicht am Montag, am Dienstag nicht, Mittwoch und Donnerstag eben so wenig. Es ward Freitag und er beschloss mal wieder meine Anrufe zu beantworten.
Es waren noch genau zwölf Stunden bis zu meinem Umzug. Ich saß auf einem Karton, nachdem ich fertig geworden war mit dem Packen und wählte seine Nummer. Endlich ging er ran.

Doch er war seltsam. Er sprach kaum etwas und wirkte betrübt. Ich zog ihm literweise Schnodder aus der Nase, bevor endlich das Wesentlich zu Tage kam. Nun, es gäbe da schon ein Problem …
Seine Exfreundin hatte ihn angerufen und mitgeteilt, dass sie ein Praktikum in Berlin beginnen würde und er hatte sie kurzerhand einfach auch in seine Wohnung eingeladen. Im Kopf begann ich die Quadratmeter seiner Wohnung zu teilen und kam dabei zu dem Schluss, dass es schlicht nicht möglich wäre. Das teilte ich ihm mit. Er widersprach.

Es würde schon passen, da er mich nun wieder ausladen wolle. Überhaupt hätte er ja bemerkt, dass er seine Exfreundin noch lieben würde und unter diesen Umständen wäre ja nun wirklich kein Platz für mich und mein Kind in seiner Wohnung oder sonst irgendwo in seinem Leben. Das war ein Schock! Inzwischen hatten wir Mitternacht. In zehn Stunden würden meine Umzugshelfer erscheinen und die Kartons und Möbel  in einen Lieferwagen schleppen. Aber wohin – um Himmels Willen – sollte ich diesen Lieferwagen denn dann fahren ???

Mein “Freund” bat mich, ihn nicht zu hassen und ich versprach, dass es nichts zu bedeuten habe und ich darum jetzt auflegen und nie wieder anrufen würde. Wir legten auf und ich schrie aus voller Kehle. Mein Jammern hallte von den kahlen Wänden wider und ich fühlte mich erneut erbärmlich. Was nur war verkehrt mit mir, dass alle Männer lieber auf meine Familie oder ihre Exfreundin zurückgriffen als mit mir zu leben? Ich schrie und heulte solange, bis ich mir zutraute, einen Freund anzurufen. Ich schnappte immer wieder nach Luft und schüttelte mich vor Heulkrämpfen, als ich dem Helden Ali Z.a.D von dem Desaster berichtete.

Er kam sofort rum und tröstete mich. Ali verbrachte die ganze Nacht damit, beruhigend auf mich einzureden und mich im Arm zu halten. Ich lag wie ein Baby in seinem Arm und nuckelte sabbernd an seinem Pullover, während er den Plan austüftelte. Bis alles stand. So klang es jedenfalls, während er darüber sinnierte:

“Du ziehst morgen trotzdem nach Berlin! Du lässt dich doch von so einem Trottelweichei nicht davon abbringen, in die Hauptstadt zu ziehen! Wir schmeißen morgen alles in den Wagen und fahren einfach los. Auf der Autobahn senden wir an alle in unserem Telefonbuch die Nachricht, dass du sofort eine Wohnung in Berlin suchst. Erstmal kannst du in einem Zirkuswagen unterkommen. Der gehört einem Freund von mir. Ich bleib bei dir, bis du eine Wohnung hast und dann ziehst du da ein! Das wäre doch gelacht!”

Ich war müde, ich war am Boden und am Ende auch besoffen, als ich ihm Recht gab. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor mir lag das große weite Nichts. Das Gebirge in meinem Bauch wurde zu einem Wolkengebirge und es verzog sich endlich in tausend kleine Streifen. Ich konnte ein Stück Himmel sehen. Ich war frei. Und am nächsten Abend schlief ich bereits das erste Mal in einem Zirkuswagen …

LAIL ARAD – EVERYONE IS MOVING TO BERLIN
(obwohl sie in diesem Lied singt: “I discovered it’s the bloggers who can’t kiss.”)

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Author: Sarah Wiedenhöft

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