An meine kinderlose Freundin

2015-08-02 18.44.37

Viel Unverständnis

„Was, du bringst Mr W. mit?“ Meine beste Freundin Julia war entsetzt. „Ich wollte mich endlich allein mit dir treffen. Wenn Mr. W. dabei ist, kümmerst du dich nur um ihn. Nie hast du Zeit für mich. Du solltest dich auch mal wieder mit „normalen Leuten“ treffen, damit du endlich von den Kinderthemen wegkommst.“ Julia legte auf. Sie war sauer. Wie seit der Geburt von meinem Sohn Mr. W. vor zwei Jahren immer wieder.
Wir wollten uns schon seit Wochen verabreden, aber nie hatte es geklappt. Erst wurde mein Sohn krank. Ihn mit Husten und leichtem Fieber trotz Semesterferien zur Tagesmutter zu bringen, nur, damit ich Julia endlich wieder einmal allein treffen konnte, war absolut undenkbar.

Auch beim nächsten Versuch klappte es nicht. Wir hatten uns um 19 Uhr zum Abendessen bei mir zu Hause verabredet. Ich hatte den Nudelauflauf vorbereitet und freute mich sehr auf sie. Um kurz nach sechs rief Julia an. Sie hatte es sich anders überlegt. „Heute läuft endlich „The Hateful Eight“ im Kino. Ich liebe Tarantino. Komm doch mit! Danach können wir noch in der Bar um die Ecke Cocktails trinken gehen“, sagte sie mit einer Euphorie in der Stimme, die ich sogar durch den Telefonhörer spüren konnte. Ich war enttäuscht und traurig. Julia schien nicht nachzudenken und überhaupt kein Verständnis für mich zu haben. Ich wäre zwar auch gern mitgegangen, aber da ich alleinerziehend bin, war es nicht möglich, so kurzfristig eine Betreuung für Mr. W. zu organisieren. Und Julia hätte das wissen müssen.

Nun hatte ich ein Treffen am Wochenende in einem Café vorgeschlagen und wollte Mr. W. mitbringen. Julia war beleidigt. Sie hatte auf einer Studentenparty einen Mann kennen gelernt, der Tobi hieß und sie immer wieder versetzte. Darüber wollte sie ihn Ruhe mit mir reden. Ohne Kind.

Leben in unterschiedlichen Welten

Ich weinte, war traurig und verletzt. Seit der Geburt meines Sohnes schienen wir in völlig unterschiedlichen Welten zu leben. Für sie waren wechselnde Männergeschichten und wilde Studentenpartys wichtig, während ich tatsächlich Stunden damit verbringen konnte, verliebt meinen Sohn anzuschauen. Wir schienen uns nicht mehr zu kennen, uns aus den Augen verloren zu haben. Und dabei kannten wir uns schon unser ganzes Leben. Ich nahm mir vor, Julia einen Brief zu schreiben.

Neugierig geworden? Dieser Text erschien zuerst auf Eltern Online. Hier könnt ihr weiterlesen.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

3 Comments

  1. Respekt. Mir ist das vor ein paar tagen auch bewusst geworden, obwohl ich schon seit 4 Jahren Mutter bin, und jetzt zum zweiten mal. Meine Rahmenbedingungen sind anders: ich habe eine gute Unterstützung, also auch mal abends und spontan. Ich kann immernoch feiern. Jedoch hat sich nach 9 Jahren meine beste Freundin von mir verabschiedet, mit den Worten ‘dein zweites Kind hat ein Keil in unsere Freundschaft getrieben und wir haben uns nichts mehr zu sagen’. Sie wollte nicht einmal darüber reden. Ich weiss noch nicht bei welchem Entschluss ich bin, ausser das man sich immer für das Kind entscheidet und mit jeder beendeten Freundschaft hoffentlich eine tolle neue kommt. Ich drücke dir, Felix und deiner Freundin die Daumen.

    Post a Reply
    • Liebe Tory, danke Dir! Wahrscheinlich hast Du recht für jede beendete Freundschaft ergibt sich etwas tolles Neues.

      Liebe Grüße

      Sarah

      Post a Reply
  2. Hallo zusammen,

    das Problem kenne ich, nur war es mir von Anfang an klar. Ganz kurz zu mir, ich bin Mann und habe das alleinige Sorgerecht für meine Tochter. Sie lebt seit 13 Jahren bei mir und es war meine bewusste Entscheidung, das genau so zu machen.

    Mir war von Anfang an klar, was da auf mich zukommen würde. Zugegeben, ich hatte etwas Vorlauf, so nen Sorgerechtsprozess ist ja nicht in einer Woche abgeschlossen. Damals lebte ich auch noch in einer anderen Stadt, hatte gerade einen kleinen Bekanntenkreis aufgebaut, dann kam die Kleine.

    Ich habs nie bereut, den Weg gegangen zu sein, ich hab dafür Beruf und Karriere aufgegeben und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Auf der anderen Seite hat mich das auch verändert. Heute komme ich mit mir alleine sehr gut klar und entscheide viel schneller, mit wem ich meine Freizeit verbringen will oder nicht. Irgendwann habe ich ganz deutlich gesehen, auf welcher Stufe ich für die Umwelt stehe, letztlich war mir das aber egal.

    Wie gesagt, ich bin ein Mann und sehe mich an einem Punkt, den Frauen schon Anfang der 70er zu überwinden begonnen haben. Ich bin ein Mann und eigentlich nicht darauf programmiert, Kinder zu umsorgen, sondern ihnen was zu essen zu besorgen. Aber, ich bin ein Mann und kann ganz gut mit mir alleine und darauf bin ich stolz. Wen interessiert es, dass Freundschaften zerbrechen, wenn Kinder im Spiel sind? Ein Freund hält das aus, ein Bekannter eben nicht. Und Glück hat, wer einen Freund sein eigen nennt.

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*