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Gestern habe ich es mir erst einmal ganz leicht gemacht und davon gesprochen, dass wir alle für alles verantwortlich sind. Heute mache ich es mir ein wenig komplizierter und versuche aufzuschlüsseln, wo genau unsere Verantwortung liegt und was wir in unserem kleinen Rahmen durchaus für den großen Rahmen der Allgemeingültigkeit dagegen unternehmen können.

Die Kritik an der Konsumkritik ist so alt wie die Konsumkritik selbst. “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.”, mit Adornos Worten und in den Worten der Überkritiker (also den Kritikern, die die Kritiker kritisieren!): “Ist Amazon doch egal, dass da jetzt drei Konten gekündigt werden. Dadurch wird die freie Marktwirtschaft nicht menschlicher werden. Das Problem ist strukturell. Da ändert ein abspringender Kunde nichts dran.” Recht haben Sie, diese Kritiker und sie gehen noch weiter. Sie erklären, wieso mein kritisches Konsumverhalten die Problematik sogar verschärft. Ich möchte diese richtigen Thesen darum hier erläutern, aber zum Glück auch widerlegen. Ich sage: Wir können Unternehmen sehr wohl dazu zwingen, fairer zu handeln als sie es bisher tun und es gibt in Wahrheit nur wenige Waffen, die so scharf schießen können wie unser Konsumverhalten. Es liegt allerdings an unserer Entschlossenheit, ob wir richtig zielen oder nicht. Also, was ist überhaupt der Vorwurf?

Buchladen

Es soll Leute geben, die kaufen ihre Bücher in Buchläden …

Erklär ich jetzt (aber Achtung. Diese Kritik geht immer von der Dummheit der Menschen aus. Ich habe mir das nicht ausgedacht und bin ganz anderer Meinung):

Wir machen es mit einem Beispiel. Praktischerweise nehmen wir wieder Amazon (umso häufiger Ihr dieses Wort lest, ohne etwas zu unternehmen, desto schuldiger macht Ihr Euch übrigens). Angenommen, wir kündigen heute alle unser Konto dort, dann gibt das erst mal Ärger, globale Ubternehmen nutzen diese Skandale tatsächlich aber am Ende zu ihrem Vorteil? Äh, was?!? Naja, einfach. Wenn man immer schön von der Dummheit der Menschen ausgeht, wie gesagt.

Das Ganze geht so: Unternehmen baut schon immer scheiße, aber plötzlich wird es öffentlich. Eigentlich wussten es ja auch alle schon immer, aber man konnte lang genug darüber hinwegsehen, weil der eigene Nutzen so groß und die Problematik der Leiharbeiter womöglich so weit vom eigenen Leben entfernt war wie der Berliner Flughafen von seiner Fertigstellung.
Nächste Station ist der sog. shitstorm. Verbraucher sind entsetzt und rennen Sturm auf die Internetseiten des Unternehmens. Dort machen sie ihrer Empörung Luft und äußern sich in vernichtenden Worten dem bösen Unternehmen gegenüber.
Das böse Unternehmen muss reagieren und tut das dann eben.

Ja, stimmt, Räumen Unternehmen dann ein. Tut uns leid und so. Wollten wir nicht. Machen wir jetzt anders. Und dann wird ein leitender Angestellter entlassen, ein Neuer eingestellt, der verpasst dem Unternehmen ein neues Profil (ein Profil sagt übrigens nur etwas über das Marketing eines Unternehmens, es muss sich lange nichts dafür am Unternehmen selbst ändern) und dieses neue Image – weil es sich oberflächlich an den Wünschen der Verbraucher orientiert – überzeugt dann die Kritiker und stimmt sie um. Erleichtert kehren sie als Kunde zurück und können nun zum Glück guten Gewissens wieder den billigen Service nutzen. In der Regel sind die Kunden über derlei Imagewechsel sogar so glücklich, dass sie es ihren Freunden erzählen und bei Facebook auf “gefällt mir” klicken. Auch, wenn ihnen das Unternehmen noch nie gefallen hat. Das neue Image ist einfach SO sympathisch. Amazon hat jetzt zum Beispiel der Securityfirma  H.E.S.S. (Name purer Zufall!!!) gekündigt, weil die unter Verdacht stehen in großer Nähe zur nationalsozialistischen Szene zu stehen. Wenigstens in meiner Timeline und in meinem Freundeskreis reichte das schon zu Respektbekundungen. Da ist der ein oder andere geneigt, dem Ganzen sein Gefällt-mir aufzudrücken. Und das, obwohl sie nun natürlich wieder ein externes Unternehmen mit dieser Dienstleistung beauftragen werden. Amazon wird einem anderen Sicherheitsdienst beauftragen. Theoretisch könnte Amazon auch selbst Sicherheitsleute einstellen und diese vernünftig entlohnen. Werden sie aber nicht. Und sie werden auch nicht aufhören damit Nazibücher zu vertreiben, weil es zu ihrem Image gehört, ALLES liefern zu können. Sie werden auch nicht aufhören, Leiharbeiter einzusetzen und sie unter unwürdigen Verhältnissen arbeiten zu lassen. Sie lassen das nicht, weil sie oben einmal gelogen haben. Ist es aufgefallen, wo die Lüge war? Hier:

“Ja, stimmt, Räumen Unternehmen dann ein. Tut uns leid und so. Wollten wir nicht.”

Da war die Lüge. Denn selbstverständlich ist dem Unternehmen sein eigenes Konzept nicht fremd. Die Arbeitsbedingungen, die unfairen Verträge mit Kleinliefetanten, all das ist natürlich kein Zufall, sondern Teil des Geschäftsmodells. So bleiben die Produkte so billig, obwohl sie so schnell geliefert werden. Irgendwo muss  das Unternehmen ja sparen. Das ist schließlich Wunsch des Kunden. Also: DEIN Wunsch. Und DU bist es eben auch, der/die offenbar seine/ihre Wünsche ändern muss, damit das Unternehmen diesen Wünschen gerecht werden kann. Aberaber, sagt die Kritik an der Konsumkritik: Du alleine kannst GAR NIX ändern. Und da Du alleine nichts ändern kannst an diesem großen System, kannst Du es auch gleich lassen.

Und da kommt meine Kritik an der Kritik der Kritik ins Spiel. Ich glaube daran, dass Gesellschaften sich bessern können, wenn sie sich dazu entschließen. Und der große Wandel beginnt mit vielen kleinen Wandeln. Solange niemand entschlossen ist, dass sich etwas ändert, tut es das auch nicht. Insofern empfinde ich die oben erwähnte Denkweise als blockierend und destruktiv. Solange die große Masse es noch nicht besser weiß, sind wir, die wir es wissen dazu verpflichtet, unser Konsumverhalten zu hinterfragen und zu verbessern. Wir müssen das Fundament bauen aus einem verantwortungsbewussten Konsum. Ich glaube nicht an die Dummheit des Menschen. Ich glaube an seine Neugier und sein Streben nach Besserem. Ich weiß, dass es der höheren Klasse dienlich ist, wenn die Unterschicht verdummt und das sie darum alles dafür tut, aber ich glaube nicht an die natürliche Blödheit des Menschen. Und darum änderst Du sehr wohl etwas, wenn Du entschlossen konsumierst. Kauf Glasflaschen für zu Hause und fülle sie mit Leitungswasser, anstatt Plastikflaschen anzuhäufen und wieder wegzuschmeissen, Du musst nicht jeden Tag tierische Fette zu Dir nehmen, Du kannst Dein Buch im Buchhandel kaufen, den Du angeblich eh viel lieber magst und Du kannst noch so viel mehr tun, wenn Du anfängst, darüber nachzudenken. Resignier nicht und lass Dir nicht einreden, Du könntest nichts ändern. Du kannst. Und was Du jetzt als allererstes machst ist das Folgende:

Wenn Du jemals einen amazonlink bei facebook gepostet hast, und sei es nur in einer Mail, dann hat facebook vermutlich für Dich ein gefällt mir bei amazon für dich gesetzt. Geh mal nachsehen. Vielleicht bist Du einer der fast 3 Millionen Menschen, denen das Unternehmen angeblich gefällt. Und ein facbook-gefällt-mir ist Goldes wert. Klick einfach nur schnell auf “gefällt mir nicht mehr” und schon hast Du Deinen ersten Schritt getan in eine bessere Gesellschaft. Der Anfang ist einfach, den Rest schaffst Du auch.

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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