Am I Mom enough? Enough! Yes, I am.

Zwillinge1

Ulrike Lindemann ist Mama von Zwillingssöhnen. Eigentlich hört sie auf ihr Bauchgefühl. Doch manchmal schweigt es einfach…

Es murmelt unter den Müttern[1]. Es murmelt an Diskursen. Es murmelt laut und überall. Auf Spielplätzen, in Krabbelgruppen, in Eltern-Kind-Cafés. Dann und wann ein verständliches Wort, Begriffe: „attachment parenting“, „Bindung“, „Natürlichkeit“. Manchmal der Aufschrei eines Kindes: Oje, Mama hat sich schon wieder einen Ratgeber gekauft.

Und am Ende fast eines jeden Ratgebers (ob online oder in print) liest mutter den Ratschlag aller Ratschläge, den Tipp aller Tipps: Schmeißen Sie alle Ratgeber weg, vergessen Sie, was Sie gelesen haben und vertrauen Sie einfach auf Ihr Bauchgefühl.

Da haben wir sie wieder, die Quadratur des Kreises. Das mit dem Bauchgefühl ist nämlich so eine Sache. Ich, als Literaturwissenschaftlerin, hatte mir tatsächlich zu Beginn meiner Schwangerschaft fest vorgenommen, nichts zu lesen, was mein Bauchgefühl in Bezug auf meine zukünftigen Kinder trüben könnte. (Kinder? Jawohl. Gestatten: Zwillingsmama.) Das ging eine Weile gut. Aber ich laufe ja nicht wie die drei Affen durch die Welt. Zum Leseverbot bedürfte es noch eines Hör- und Frageverbotes. Denn irgendwo warten sie ja doch auf einen: die Bauchgefühl zerstörenden Informationen. Sie sind überall. In Frauenarztwartezimmern, Hebammenpraxen und Freundinnenmündern. Man kann sich ihnen nur schwerlich entziehen. Und ist man erstmal infiziert, breitet sich die Unsicherheit aus und man will es dann doch wissen. Mit einer kleinen Googelei geht es los (nur mal kurz) und endet dann eben mit besagten Ratgebern. Mist, denke ich am Ende eines jeden, hätte ich doch nur auf mein Bauchgefühl gehört. Zu spät. Außerdem: Zu bestimmten Themen schweigt es schlichtweg, mein Bauchgefühl. Ja, wirklich. Hipp oder Alnatura? Weleda oder Bübchen? Brei oder breifrei? Mein Bauch schweigt. Gnadenlos. Also lese ich und google ich und frage Mütterfreundinnen und höre vom attachment parenting und der Bindungstheorie und einem Rattenschwanz neuer Wörter: Säuglinge sind Traglinge, Co-Sleeping im Familienbett, Langzeitstillen, Windelfrei, Breifrei und und und.

Ich will eine gute Mutter sein. Ich will meinen Zwillingen geben, was sie brauchen. Aber anscheinend brauchen sie viel mehr als ich geben kann. So zumindest wird es mir suggeriert. Noch bevor sie da sind.

Wie soll ich sie denn beide tragen? Wird meine Milch für beide reichen? Werde ich mit zwei Kindern im Bett überhaupt zum Schlafen kommen?

Das Thema Stillen will ich hier nicht weiter vertiefen. DAS EISEN IST MIR ZU HEIß.

Reden wir über das Tragen. Tragen ist wichtig. Es ist chic. Es ist so herrlich ursprünglich. Aber mal im Ernst: Tragen kann wunderschön sein. Dieser kleine Körper an einem dran und immer wieder dieser kuschlige, gutriechende Gedanke: Mein Baby!

Meine Babys? Ganz nah an mir dran? Beide? Mein Bauchgefühl schweigt dazu mal wieder. Mein Körper aber, der von Schwangerschaft und Geburt eh schon gebeutelt ist, gibt mir durch ein Schmerzen im unteren Rücken eindeutig zu verstehen, dass er die Idee, zwei Säuglinge auf einmal zu tragen, nicht so appealing findet. Zumal ich es erst dann versuche, als beide ihr Köpfchen halten können. Nun gut, im Körperignorieren ist mensch ja Weltklasse. Also schauen wir doch mal nach, wie so etwas geht. Tipptippklickklick findet sich im Internet ganz schnell eine haargenaue Videoanleitung über das Tragen von Zwillingen. Dabei wird EIN Baby im Tragetuch auf den Rücken geschnallt. Das Tablet auf dem Tisch, schnappe ich mir einen meiner Söhne (nennen wir ihn von nun an Max) und fange in gebückter Haltung an zu hucken, zu wickeln und zu schwitzen. Nach etwa 10 Minuten ist Max auf meinem Rücken untergebracht. ZEHN Minuten können seeeehhhrrr lang sein, wenn EIN Kind schreit, oder eben das andere Kind, das bis jetzt noch – toi, toi, toi – relativ friedlich auf dem Boden liegt. Max auf dem Rücken brüllt. Und schon bin ich im Konflikt. Einerseits wird die Bindung jetzt natürlich dadurch gefährdet, dass ich meinen Sohn schreien lasse, während ich versuche, mir den anderen (nennen wir ihn von nun an Moritz) umzuschnallen. Würde ich das ganze Manöver canceln, wäre ich ebenso unattached, weil die fehlende körperliche Nähe ja zu unsicherer Bindung führt. So oder so kann ich nur scheitern. In der Hoffnung, dass Moritz friedlich bleibt, gehe ich mit Max ein bisschen im Zimmer auf und ab, damit er sich wieder beruhigt. Nach fünf Minuten tritt der gewünschte Erfolg auch ein und ich kann mich wieder daran machen, mir nun Moritz mit einem Ring Sling vor den Bauch zu schnallen. Als ich ihn in das Tuch knorckle, ist es auch bei ihm vorbei mit der Friedlichkeit, Max stimmt auch wieder mit ein und so werde ich nun vollgepackt mit 14 Kilo von vorne und von hinten mit lautem, unerbittlichen, alle Nerven kostenden Babygeschrei beschallt. Ich bin fix und fertig, schwitze und bekomme Beklemmungen von so viel Tuch um mich herum. Ich fange an durch die Wohnung zu laufen. An irgendeine Tätigkeit wie Putzen oder Staubsaugen ist nicht zu denken. Die Jungs denken auch nicht daran einzuschlafen. Rausgehen? Gemütlich im Park spazieren, wie man es bei den Einlingsmüttern und –vätern so sieht. Walken gar? Niemals. Es ist nämlich noch Winter. Sprich: es ist kalt. Und für Zwillingselternteile hat man noch keine Jacken designed, in denen Mutter und beide Kinder Platz finden. Eine Marktlücke? Nein, denke ich mir. Eine solche Jacke würde ich mir nicht kaufen, so wie ich mir meine Jungs auch kein zweites Mal gleichzeitig um den Körper wickeln werde. Doch ab und zu nagt es in mir, fragt es in mir: bekommen die zwei genug Nähe? Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich meinen Zwillingskinderwagen nicht am Körper trage? Und wer da nagt und fragt sind eben die Anderen, die Internetseiten und Ratgeber und Mütter, die sich in meinem Kopf eingenistet haben und nun zu einer sehr mächtigen Stimme geworden sind, manchmal mächtiger als mein Bauchgefühl.

Nagend und fragend gehe ich schlafen. Max liegt in meinem Bett. Moritz in seinem eigenen. Vielleicht hole ich Moritz später, wenn er unruhig wird, auch noch rüber. Vielleicht lege ich Max, wenn es zu unbequem wird, wieder zurück. Vielleicht schlafen beide bei mir, oder nur einer, oder keiner. Jede Nacht ist es anders. Jede Nacht ist ein anderes Konzept. Max wird munter, als ich mich zu ihm lege. Im Dunkeln sehe ich sein wunderbar freches Lächeln, seine leuchtenden Augen. Ich höre Moritz atmen. Ich denke … hier in diesem Schlafzimmer, in dieser Nacht, im Dunkeln sind wir frei von diesen Blicken und Suggestionen und Ratgebern. Wir sind einfach hier, ganz nah, ganz gebunden, auf unsere Art und Weise, ohne Anleitung.



[1] Natürlich sind an dieser Stelle und auch im weiteren Verlauf des Textes auch die Väter gemeint. Sie werden hier nur aus literarischen Gründen weggelassen. Die Alliteration von Murmeln und Müttern macht sich einfach gut.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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