Alleinerziehende Künstler*innen – Sonja Tauber fotografiert

Es geht los! Die Reihe alleinerziehende Künstler*innen startet heute mit ihrer Ideengeberin Sonja Tauber. Sonja (38) ist alleinerziehende Mutter eines Kindes (2,5) und fotografiert. Ob sich etwas an Ihrer Arbeit geändert hat, seit sie alleinerziehende Mutter ist? Hier sind ein paar Ihrer Blickwinkel in Wort und Bild.

 

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Seit wann fotografierst Du?

Regelmäßig erst seit drei, vier Jahren. Ich hab damals aus Liebeskummer angefangen. Es hat mich an meinen derzeitigen Ex-Freund erinnert, der selbst viel Straßenfotografie macht. Seine Bilder haben mir immer sehr gefallen. Also hab ich mir eines Tages eine Kamera gekauft und bin jeden Tag damit raus. Bei jedem Wetter. Auf die Art hab ich mich nicht nur mit der Fotografie beschäftigt, sondern auch ein paar Glückshormone beim Spazierengehen getankt. Kann ich nur empfehlen – das Fotografieren beim täglichen Spazierengehen. Der Liebeskummer blieb mir allerdings trotzdem erhalten.

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Womit fotografierst Du?

Meistens hab ich nur eine ganz einfache digitale Kompaktkamera bei mir, ab und an häng’ ich mir aber auch meine digitale Spiegelreflex (Canon Eos 1000D) um. Letztes Jahr hab ich von einer Freundin eine russische Mittelformat-Lomo geschenkt bekommen, die ich bald mal austesten werde. Darauf freue ich mich besonders, denn dann werde ich wieder analog und mit Negativfilmen arbeiten. Also alles in allem fotografiere ich mit sehr einfachen Amateurkameras.

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Was bedeutet Fotografie für Dich?

Die Fotografie ist für mich ähnlich faszinierend wie der Film. Vor allem der voyeuristische Aspekt dabei reizt mich sehr. Standbilder sind allerdings im Gegensatz zu Bewegtbildern noch etwas absoluter und gerade durch ihre Unbeweglichkeit endgültiger und deshalb unvergänglicher, wenn man so will. Die Fotografie veranschaulicht ja wie kaum ein anderes Medium die Flüchtigkeit unseres Seins. Quasi als Memento Mori hält sie Augenblicke im Leben eines Menschen, Momente einer Begebenheit fest. Das ist schon allein deshalb so faszinierend, weil das ganze Leben dem Lauf der Zeit ausgeliefert ist. Die Fotografie schlägt also der Vergänglichkeit des Lebens ein Schnippchen und konserviert den Moment, den der Fotograf oder die Fotografin mit der Kamera festhält. Für mich stellt die Fotografie damit eine Möglichkeit dar, Unsterblichkeit zu schaffen.

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Was ist Kunst?

Hm. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Mein Berliner Freund Mike Froidl aka “Don Chaos de la Nada”   hält es da immer mit: “Kunst kommt von Können” – ich selbst sehe das nicht ganz so eng. Das, was allgemeinhin als Kunst bezeichnet wird, ist vielfach abhängig von historischen, gesellschaftlichen und soziokulturellen Umständen und Zusammenhängen. Also im Grunde auch davon, ob einflussreiche Personen oder Institutionen etwas für künstlerisch “wertvoll” erachten oder eben nicht. Unser wertes kapitalistisches System hat natürlich auch einen enormen Einfluss auf die Vergabe eines Kunst-Siegels. Für mich lässt sich Kunst aber schwerlich definieren. Andy Warhol hat uns auch gezeigt, dass selbst die Abbildung einer einfachen Suppenkonserve zum Kunstwerk werden kann. Und ja: Kunst liegt auch sicherlich im Auge des Betrachters. Ich glaube jedenfalls, dass Kunst die Sehnsucht nach dem eigenen Ich zum Ausdruck bringen soll – zumindest für die Kunstschaffenden. Und wenn der Betrachter diese Sehnsucht erkennt, dann ist es das auch eine Kunst. Mitunter im doppeldeutigen Sinne.

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Hat sich Deine Arbeit mit der Mutterschaft verändert?

Oh, das kann ich nicht beurteilen. Keine Ahnung, ob ich jetzt sowas wie einen “mütterlichen Blick” entwickelt habe. Aber vielleicht deuten ja einige meiner Motive auf eine Art “selektive Wahrnehmung” – etwa, wenn ich vermehrt Kinder oder Familien fotografiere.

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Hat sich Deine Arbeit mit dem Alleinerziehen verändert?

Klar: Ich hab weniger Zeit dafür! Aber auf eine bestimmte Art hat sich meine Herangehensweise sicherlich verändert: Ich habe zumindest das Gefühl, dass ich mich nun mehr auf meine eigene Kreativität konzentriere. Früher hab ich mich immer in meinen Beziehungen eingeigelt, meine ganze Aufmerksamkeit auf das Gemeinsame in der Partnerschaft gelenkt. Da war wenig Platz für mich selbst. Sicher war das auch immer mein eigener Fehler. Jetzt, wo ich alleine bzw. ohne Partner bin, stelle ich mir außerdem mehr Fragen über mich selbst. Ich setze mich mehr mit mir selbst auseinander, zweifle, grüble – bin irgendwie innerlich auf der Suche. Früher konnte ich mir durch meinen Partner einbilden lassen, wer ich bin – das muss ich nun selbst erledigen. Partnerschaften können mitunter auch verdammt bequem sein. Zumindest habe ich es mir selbst oft zu bequem in meinen Beziehungen gemacht. Die Suche, der eigentliche Motor für jedes Handeln hat damit gefehlt. Hinzu kommt allerdings auch, dass mir mein Sohn in gewisser Weise mein Selbstvertrauen stärkt – zumindest anders als es etwa je ein Partner getan hat. Kinder halten ihren Eltern ja gnadenlos und vollkommen unverfälscht den Spiegel vor und wenn ich mir meinen Sohn so ansehe, dann denke ich oft, dass ich gar nicht so viel falsch gemacht habe. Ich bin stolz auf ihn und ich möchte, dass er auch eines Tages stolz auf mich sein wird. Natürlich ist es verdammt anstrengend, ein Kind alleine groß zu ziehen. Und gerade deshalb ist es auch so wichtig für mich geworden, etwas mehr Kreativität in meinen stressigen Alltag zu bringen. Da bietet mir das Fotografieren und Malen in gewisser Weise ein Ventil. Kurzum: Das Spannungsfeld – wenn es überhaupt eines ist – zwischen “Single-Dasein” und “Mutterglück” ist zweifellos ein Motor für mein künstlerisches Schaffen.

Danke für diese Einblicke, Sonja! Wer mehr von Sonja sehen will, findet hier Ihr Profil bei flickr.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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