Alleinerziehende Künstler*innen – Jacinta Nandi schreibt

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi lebt mit ihrem Sohn in Berlin und hat neben vielen Texten für Lesebühnen auch einen meiner Lieblingstexte zur #Regrettingmotherhood-Debatte geschrieben. Gerade ist ihr Buch Nichts gegen blasen erschienen. Wie sie als Alleinerziehende Schriftstellerin ihre Zeit einteilt und was sie gegen Schreibblockaden macht, habe ich sie gefragt.

Wann hast du angefangen zu schreiben?

Schon als Kind. Mit acht oder neun Jahren habe ich mein erstes Gedicht veröffentlicht. In der Schule in England haben wir sehr viel kreativ geschrieben. Mit zwanzig hatte ich dann meine erste Veröffentlichung auf Englisch. Dann habe ich Theaterstücke geschrieben, Poetry Slams gemacht. Später kam dann die Lesebühne hinzu.

Was bedeutet dir das Schreiben?

Ich weiß es nicht. Ich mag es nicht, wenn die Leute stolz drauf sind, aber natürlich bin ich das auch, obwohl es mir gleichzeitig peinlich ist. Die Leute bezeichnen sich als Autor*innen und denken vielleicht, sie seien dadurch besonders wichtig. Schreiben ist aber vor allem ein Werkzeug, das ich benutze, um etwas zu kommunizieren. Wenn ein Wort seine Bedeutung geändert hat, oder ich meine Einstellung, dann kann ich das im Text ändern. Ich bin die Chefin der Wörter, nicht umgekehrt. Auch für mein neues Buch gilt das. Ich hatte das Gefühl, das alles aufschreiben zu müssen. Ich hatte einfach so viel Schmerz in mir, der raus musste. Das daraus ein Buch wird, war gar nicht geplant.

Wie war es, als du das Buch zum ersten Mal in der Buchhandlung gesehen hast?

Erst war es mit etwas peinlich, das Cover zeigt ja eine Muschi. Aber natürlich bin ich auch stolz, obwohl ich das nicht sein wollte.

Ich habe einige Kommentare gelesen zu deinen Texten und einige Menschen sind beim Lesen zunächst schockiert über deine Wortwahl. Zum Beispiel benutzt du Wörter wie Blasen oder Ficken. Wie siehst du das?

Ich sehe das eigentlich nicht so. Für mich sind das keine schlimmen Wörter. Ich sage die Dinge einfach so, wie ich sie wahrnehme.

Schreibst du lieber auf deutsch oder auf englisch?

Ich mag beide Sprachen sehr. Wenn ich auf deutsch schreibe, bin ich aber schon etwas beeinträchtigt. Meine Sprache ist etwa die von einem kleinen Mädchen. Mein Wortschatz ist geringer und einige Sachen kann ich nicht so ausdrücken wie auf englisch.

Wie sieht deine Arbeit aus? Hast du eine Routine?

Nein, die habe ich nicht. Aber ich denke, das ist bei den meisten Alleinerziehenden so, oder? Man schreibt, wenn das Kind schläft abends, und morgens, wenn es noch nicht wach ist, oder tags, wenn es X-Box spielt. Über Routine dürfen Männer und kinderlose Frauen nachdenken. Mütter nicht. Grade als Alleinerziehende musst du dann schreiben, wenn es dir passt. Eigentlich ist das ziemlich befreiend. Man wird befreit von der Frage, ob man wirklich etwas zu sagen hat. Man denkt mehr, egal, ob ich etwas zu sagen habe oder nicht, ich habe gerade zwanzig Minuten Zeit zu schreiben. Und die muss ich nutzen. Man hat keine Zeit für Schreibblockaden.

Aber was tust du, wenn du doch eine hast?

Nein. Ich schreibe dann einfach etwas Schlechtes. Was Schlimmes schreiben geht eigentlich immer. Aber zum Glück habe ich das sehr selten. Ich soll jede Woche bei den Surfpoeten zwei neue Geschichten vorlesen. Das schaffe ich nicht immer. Ich schaffe immer eine Geschichte, meistens auch zwei. Aber mit einer Schreibblockade sind die Geschichten sehr mühsam. Aber es kommen auch wieder bessere Zeiten.

Schreibst du denn hauptberuflich oder hast du noch einen anderen Beruf?

Ich unterrichte Englisch.

Hat sich deine Arbeit mit der Mutterschaft und dem Alleinerziehen verändert?

Ich weiß nicht. Mein Sohn ist schon 10 und ich kann mich an die Zeit davor kaum erinnern. In dem Jahr, nachdem er geboren wurde, habe ich sehr viel über ihn geschrieben. Aber ich weiß nicht wie mein Leben ohne ihn wäre. Das ist schwer zu beurteilen.

Glaubst du, dass es fürs Schreiben einen Unterschied macht, ob man alleinerziehend ist oder nicht?

Ich weiß nicht. Ich glaube schon, dass es schwieriger ist. Ich kann es mir nicht vorstellen, kein Kind zu haben. Also kann ich die Frage nicht beantworten. Es gibt schon die Idee, dass Kinder der Feind der Kreativität sind. Aber das ist eher ein Gedanke, den Männer haben können, denke ich. Für sie sind Kinder optional. Sie können auch weggehen. Ich glaube, dass man auch, wenn man Kinder hat, gut schreiben kann. Aber ohne ist es vielleicht leichter, weil die Zeiteinteilung anders ist. Ich glaube, die Texte verändern sich vielleicht inhaltlich, wenn man ein Kind hat, aber nicht stilistisch. Denn es ist ja immer noch die gleiche Person, die schreibt. Ich denke nicht, dass ich ohne meinen Sohn ein total anderer Mensch wäre.

Was ist Kunst?

Deutsche machen einen großen Unterschied zwischen Unterhaltung und Kunst. Das verstehe ich nicht. Ich kenne auch Menschen die sagen, Unterhaltungsliteratur zu lesen sei nicht wirklich „lesen“. Echtes lesen sei mühsam und schwierig. Ich sehe den Unterschied zwischen Texten die schwer und Texten die leicht zu lesen sind. Die Frage ist nur: Wo fängt es an? Wer darf entscheiden, was Kunst ist und was nicht? Ich weiß nicht, was Kunst ist und ich halte mich auch nicht für eine Künstlerin. Ich schreibe Unterhaltungsliteratur. Wobei ich damit nicht sagen will, dass ich glaube, schlecht zu schreiben. Und was sind die Bilder von Kindern? Sind die Kunst? Und was sind sie, wenn sie keine Kunst sind? Wollen wir mit unserer Definition von Kunst sagen, dass Menschen, die nicht in westlichen Ländern leben, keine Kunst produzieren? Ich denke ,das ist Quatsch. Vielleicht existiert Kunst auch gar nicht.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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2 Comments

  1. Ich habe gerade erst diesen Text über regretting.. gelesen von ihr, den du oben verlinkt hast – ich bin allerhöchst begeistert, provokante, aber vor allem direkte, klare, ehrliche Worte. Danke!

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  2. Schönes Interview – mit einer Frau, die gute Sachen sagt :-).

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