Alleinerziehende Künstler*innen – Christiane Reichart schreibt

INTERVIEW MIT CHRISTIANE REICHART

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Du bist offenbar sehr vielfältig, habe ich festgestellt. Einerseits habe ich dieses Buch über die Eisenbahn von Dir gefunden, dann auch noch einen wissenschaftlichen Artikel, der sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Ostdeutsche eine eigene Ethnie sind. Andererseits schreibst Du unterhaltende Texte für die Lesebühne. Kannst Du sagen, was Du selbst am liebsten schreibst?

«Ich finde den Wechsel sehr erfrischend. Wissenschaftliche Texte basieren auf nachprüfbaren Quellen, diese Quellen wiederum stellen das Material, aus dem sich der Text ergibt. So hat man einen soliden Grund. Gleichzeitig ergeben sich immer Lücken. Auch als Historikerin muss man mit Phantasie arbeiten, auch ein wissenschaftlicher Text braucht Komposition.

Beim literarischen Schreiben kann man ausschweifen, mit Fakten und Erfindungen um sich werfen, muss sich an quasi keine Regeln halten als die eigenen. Meine sind vor allem die, die Zuhörer und Leser zu unterhalten und ihnen gleichzeitig was Neues zu erzählen, eine neue Perspektive zu öffnen. Letzteres überschneidet sich dann auch mit der Wissenschaft. Nur ist der Unterhaltungswert dort leider geringer. Komplexität kann schnell langweilen.»

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

«Jetzt, da meine Kinder groß sind, ist er relativ geregelt. Ich spüre gerade die große Last von mir abfallen. Früher war mir gar nicht bewusst, was man alles leistet, wenn man zwei Kinder allein großzieht und das auch allein finanzieren muss. Jetzt, da meine Kinder selbstständig sind, erscheint mir vieles viel leichter und das ist es auch. Früher habe ich zuweilen nächtelang am Schreibtisch gesessen, wenn tagsüber die Zeit weggelaufen ist mit Arztbesuchen, Einkaufen, Spielplatz, Haushaltskram etc. Das kommt heute eher selten vor und dann ist es meistens meine eigene Schuld.»

Hat das Alleinerziehen Deine Arbeit verändert? In Bezug auf Bedingungen und/oder Arbeitsweise. Wenn ja, inwiefern?

«Eigentlich habe ich immer als Alleinerziehende gearbeitet. Mein erstes Kind ist an meinem 23. Geburtstag geboren, als ich noch Studentin war. Da war ich zwar verheiratet, praktisch aber alleinerziehend. Das hat mich diszipliniert, ich musste viel mehr Dinge unter einen Hut bringen, wenn ich neben den anderen bestehen wollte.

Das Prägendste ist dabei wohl das ständige schlechte Gewissen. Irgendetwas kommt immer zu kurz: Man hat kein Geld oder man hat das Gefühl, die Kinder zu vernachlässigen oder man kommt mit der Arbeit nicht hinterher. Ein schlechtes Gewissen ist ein schlechter Begleiter. Das muss man ablegen und kapieren, dass alle Eltern ihre Fehler machen, alleinerziehend oder nicht.»

Wann und Wo können wir Dich das nächste Mal live erleben?

«Am 26. Mai mit der Lesebühne Straßenmädchen im Cafè Atopia, Prenzlauer Berg. Völlig untypischerweise lesen wir da schon ab 16 Uhr.»

Was ist Kunst?

«In erster Linie ist Kunst ein Kampfbegriff. Solange unser Kulturbetrieb vor allem von männlichen Protagonisten dominiert wird, die wie Marcel Reich-Ranicki nahezu unwidersprochen behaupten können, Frauen schrieben keine wirklich wichtige Literatur, weil sie sich auch mit derart unwichtigen Dingen wie Kindern und dem alltäglichen Überleben befasst und weniger mit großartigen Weltentwürfen – solange ist dieser Kampfbegriff eine Repräsentation männlicher Macht. Für mich persönlich ist Kunst, was berührt und klüger macht.»

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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