Alleinerziehende Künstler*innen – Christiane Reichart schreibt

„Zeitgemäß, ha! Die zeitgemäße Frau ist Mitte dreißig und kinderloser Single und verdient haufenweise Geld in der Medienbranche. Sie ist geil auf teure Schuhe, und ihr Freundeskreis besteht aus sensiblen schwulen Männern und noch mehr Single-Frauen mit teuren Schuhen. Sie hängt in flippigen Bars rum und parliert über Sex und schlürft bunte Cocktails. Und ansonsten ist sie jederzeit offen für außergewöhnliche sexuelle Abenteuer und rückenfreie Hängerkleidchen, die ihre gertenschlanke Figur betonen. Kannst du dich darin wiederfinden?“ Wenn Katja ihren zweiten Joint geraucht hat, verliert sie sich gern in endlosen Monologen.
„Mama, was ist das?“ Lila malt kleine Monde in das Pulver auf dem Papierbogen. „Ist das zum Essen?“
„Immerhin sind wir doch auch Mitte dreißig,“ sage ich hoffnungsfroh und trinke mehr Wein. „nein, Lila, das ist nicht zum Essen und nix für kleine süße Mädchen. Komm, ich bring dich ins Bett.“
„Und du meinst, das bietet Entwicklungspotential? Dass wir auch Mitte dreißig sind? Nee, für eine zeitgemäße Frau haben wir eindeutig zu viele Kinder und zu wenig Schuhe.“
„Kann ich noch ein bisschen malen, Mama.“ Lila zeichnet ein Mondgesicht in die Pulverlandschaft. „Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich…“
„Diese Frauen sind genauso Opfer der Gesellschaft wie wir. Außerdem sind sie reine Medienprodukte. Die sind in Wirklichkeit schwer frustriert, weil sie keine Kinder haben und ihnen über dem vielen Geld der Bezug zum wahren Leben abhanden gekommen ist.“
„Lila, nein, malen kannst du morgen wieder, ab jetzt, ab ins Bett.“
„Ich hab genug vom wahren Leben. Vielleicht sollten wir einen Politiker entführen. Zum Beispiel den Kitaschließungssenator.“ Martina gießt sich Wein nach.
„Martina, könntest du mit weiteren Vorschlägen bitte warten, bis Lila im Bett ist.“
„Au ja,“ sagt, zunehmend begeistert von ihrer Idee, Martina in der Küche, als ich Lila zudecke. „Und dann schließen wir ihn mit den Kindern im Kinderzimmer ein. Wir lassen ihn Benjamin-Blümchen-Kasetten in einer Endlosschleife anhören und abends muss er Stunde um Stunde Disney-Bücher vorlesen, bis er den Verstand verliert.“
„Von welchem Verstand sprichst du? Er ist Senator.“ Katja bastelt an der nächsten Tüte.
„Was soll ich jetzt mit dem zermahlenen Zeug hier machen?“

Katja schiebt mir die Alufolie rüber und zeigte mir, in wie große Portionen ich das Pulver aufteilen sollte. „Dann in die Folie einwickeln.“
„Das können wir den Kindern wirklich nicht antun. Und was noch schlimmer ist, Emil betet jeden Mann an, der in seine Nähe kommt, der würde sofort zum Überläufer,“ sage ich und niese, dass das Pflanzenmehl vor mir aufstiebt.
„Mädels“, sagt Katja entschlossen und nimmt einen tiefen Zug, „lasst uns den Tatsachen in die Augen sehen.“
„Hilfe, Hilfe“, sagt Martina emotionslos und kleckert Rotwein auf ihre Bluse.
„Wir sind keine Revolutionäre. Wir sind emotional zu sehr gebunden und wenn wir uns politisch engagieren wollen, fehlt uns immer der Babysitter oder ein Kindergeburtstag kommt dazwischen.“ Katja holt sich jetzt doch ein Glas und schenkt sich ein. „Revolten sind was für die Söhne und Töchter der Oberklasse, von Marx bis zu den RAF-Spinnern.“
Katja ist eine tolle Frau, klug und beeindruckend anzusehen, auch wenn ich sie jetzt wellenförmig wahrnehme, wenn ich von den Alu-Päcken aufsehe. Wie ein Bildschirmschoner wellt sie sich über den Stuhl.
„Wir aber“, ihr ausgestreckter Joint-Zeigefinger wellt sich vor ihrem himmelblauen Oberteil, „sind die Armen. In jeder Armutsstatistik nachzulesen. Also“, noch eine bedeutungsvolle Pause, „müssen wir die Strategie der Armen lernen. Nicht Angriff, sondern … Verweigerung!“
Ich fahre bis ins Mark erschüttert zusammen, endlos hallt ein Echo in mir nach.
„INS BETT!!! SOFORT!!!!“ hatte Martina Richtung Flur gebrüllt.
Emil und Ronja flüchten und schließen hastig die Kinderzimmertür.
„Martina, auch wenn du genervt bist, bitte schrei mein Kind nicht an,“ sagt Katja mit schwerer Zunge.
„Von den Armen lernen, heißt siegen lernen…“ kommt mir eine dunkle Erinnerung.
„Was also ist zu tun?“
„Katjuscha, ich bitte dich, ich sterbe vor Spannung“, spricht Martina gelangweilt, trinkt und rutscht auf der Bank noch ein Stück nach unten.
„Wir werden alle Hemmungen ablegen, die eine gute Mutter haben muss. Wir bringen die Kinder morgens zum Bundestag und verschwinden. Alle alleinerziehenden Mütter dieser Stadt. Wir überschwemmen das Zentrum der Macht mit Kindergeschrei. Und dann verkrümeln wir uns einen Tag lang.“
„Ich bin für eine Woche“, lallt Martina.
„Oh Mann, is mir schlecht…“, sagt Katja.
„Ich muss ins Bett“, sage ich.

In dieser Nacht unternahmen wir erst mal nichts mehr.
Aber am nächsten Tag verschickte Katja sechsundfünfzig Päckchen mit einer Teemischung, bestehend aus pulverisiertem Frauenmantel, Storchenschnabel, Brennnessel und Rotklee, an all unsere kinderlosen Bekannten.
So kam es zum legendären Babyboom vom Prenzlauer Berg. „Für entspannte Stunden“, hatte Katja dazu geschrieben. „Liebe Grüße, Katja.“

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Author: Sarah Wiedenhöft

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