Alleinerziehende Künstler*innen – Christiane Reichart schreibt

Alleinerziehende Künstler*innen

In der Reihe Alleinerziehende Künstler*innen stelle ich Euch heute einen Text von Christiane Reichart vor. Christiane ist 43 Jahre alt und Mutter zweier Kinder (20, 13). Sie war 2004 Stipendiantin der Werkstatt für Junge Autoren der Neuen Gesellschaft für Literatur in Berlin, hat ein Buch über die Eisenbahn in Ostafrika geschrieben und ist Bestandteil der Lesebühne Straßenmädchen (blaues Herz) – “der weiblichsten Lesebühne Berlins”. Ihr Text passt doppelt gut in die Reihe, da er nicht nur von einer Alleinerziehenden geschrieben wurde, sondern auch noch von Alleinerziehenden handelt. Eine Alleinerziehenden-WG plant die Revolte. Auf der letzten Seite findet Ihr ein Interview mit Christiane.

christiane-1

Direkt zum Interview

Revolution 3.0

Zuerst hatten wir daran gedacht, ein Flugzeug zu entführen.
„Flugzeuge“, sagt jetzt Katja am Tisch und befeuchtet mit der Zunge den gummierten Rand eines Zigarettenblättchen, „sind die nachpostmodernen Mittel politischer Demonstration.“
„Aber wir haben keinen Pilotenschein,“ wirft Martina vom Herd herüber ein, wo sie die Milch für den Latte Macchiato aufschäumt. „Aua, scheiße! Warum muss immer mir so was passieren?“ Sie nimmt einen Schluck Rotwein und wischt an ihrem Ärmel herum. Sie bekleckert sich ständig.
„Pilotenschein…“ Katja arrangiert gewissenhaft Tabak und Gras auf Zigarettenpapier. „Ich hab keine Lust auf den Märtyrertod. Und es stimmt, ohne Hochhäuser bekommen entführte Flugzeuge sowieso keine Aufmerksamkeit.“
„Ich finde das mit dem Flugzeug eigentlich auch nicht so gut“, sage ich. Vor mir auf dem Tisch häufen sich scharf riechende, dunkelgrün getrocknete Pflanzen. Katja hat mich angewiesen, die Blätter sorgfältig von den Stängeln zu entfernen und sie dann auf einem großen Bogen Papier zu pulverisieren. Ich trinke Rotwein und beuge mich konzentriert über meine Aufgabe.
„Außerdem,“ füge ich hinzu, „wo sollen wir die Kinder lassen? Wir sollten uns lieber auf eine Aktion beschränken, bei der wir um vier die Kinder aus der Kita holen können.“

So ist unsere Teamdynamik. Katja ist die visionäre Theoretikerin, Martina kreative Gestalterin, ich denke eher praxisorientiert. Katja und Martina nennen das auch zwanghaft. Ich bin eben für Regeln und Bodenhaftung. Ich brauche, wenn ich Lila zum Kindergarten gebracht habe, zwei Tassen Kaffee und eine Zeitung und zwölf Uhr dreißig eine Suppe vom Chinesen. Wenn ich Lila abgeholt habe, noch mal zwei Tassen Kaffee. Nach meinem Tagesablauf kann man die Uhr stellen. Ich schätze das. Sogar der Vater von Lila schätzte meine Zuverlässigkeit. Leider, meinte er, sei darüber die Spontaneität für verruchte Abenteuer verlorengegangen. Er wohnt jetzt mit einer Abenteurerin auf einem Bauernhof am Ruppiner See.
Martina schätzt an Männern, dass sie sie schön finden. Jeder findet Martina schön (obwohl sie ständig kleckert), auch der Vater von Emil tat das. Martina schätzte an ihm besonders seine Leidenschaft für Indianer. Sie bewunderte seine büffelledernen Mokassins, die er über einen Internet-Versand bezogen hatte und erörterte nächtelang mit ihm die Perversität des modernen Stadtlebens. Eines Tages, als Martina Emil ins Bett gebracht hatte und zurück in die Küche kam, saß dort Emils Vater am selbstgezimmerten Küchentisch und schaute mit sehnsüchtigen Augen hinaus in die Dunkelheit. Er gestand ihr stockend, ein Sioux-Häuptling, der vorübergehend auf dem Breitscheid-Platz sein Tipi aufgestellt hatte, habe ihm bestätigt, dass er zwar äußerlich zweifellos ein Bleichgesicht, in seinem Inneren aber, in seiner Seele, ein Indianer sei. Vergebens wies Martina ihn darauf hin, dass ein wahrer Sohn der Prärie niemals seinen Nachwuchs im Stich ließe, es half nichts. Emils Vater packte seine Mokassins und siedelte in ein Indianer-Reservat in den Bad Lands über.
Katja schätzt an Männern, dass sie mit ihnen aus dem Alltag ausbrechen kann. Sobald einer versucht, mit ihr mehr Alltag als einen gemeinsamen Joint nach dem Liebesakt zu erleben, bricht sie die Beziehung ab. Sie will sich in kein Beziehungsschema pressen lassen, sagt sie. Auch nicht, so hat sie damals dem Vater von Ronja erklärt, wenn sich nach dem Liebesakt herausstellt, dass dieser die Zeugung von Ronja beinhaltete.
Wir alle schätzen unser gemeinsames Leben, auch wenn es durchaus von Spannungen begleitet ist. Besonders an Monatsenden, wenn der Mangel an Geldmitteln schmerzhaft zu Tage tritt, kann es vorkommen, dass wir in Streit geraten. Wir streiten dann darüber, ob 5 Blatt Klopapier für einen Gang reichen oder auch drei. Oder darüber, wessen Kind es war, das den Plastik-Stegosaurus vor die Badezimmertür gestellt hat, so dass Martina sich auf seinen Hornstacheln die Füße blutig getreten hat. Aber immer gelingt es uns,  die Gemeinschaft zu stärken, indem wir uns unserer gemeinsamen Feinde erinnern.
Das sind zum einen die Väter, die verspätet, unregelmäßig oder überhaupt keinen Unterhalt überweisen. Sodann nehmen wir uns die Frauen vor, die keine Kinder haben.
„Wir sind hochqualifizierte und unterbezahlte Babysitter für die Rentenzahler dieser Schicksen,“ sagt Katja dann.
Unweigerlich kommen wir schließlich bei unserem ärgsten Feind an: die Gesellschaft.
Wir stehen kurz vor dem Monatsende. Diesmal wollen wir handeln.
„Und was “, schiebe ich nach, während ich wie wild pulverisiere, „wenn in dem Flieger alleinerziehende Mütter sitzen, die Punkt acht zu Hause sein müssen, weil ihre Babysitterin geht oder ab acht den dreifachen Stundenpreis nimmt.“
„Flugzeug!“ sagt Katja und sieht mich streng an.
„Flugzeug!“ sage Martina versöhnlicher und stellt ein Glas mit duftendem Kaffee neben mein Rotweinglas in das Pflanzenmehl. „Aber du hast recht. Wir können nicht…“ – sie geht zwei Schritte in den Flur und horchte zur Tür des Kinderzimmers. Auch Katja und ich lauschten auf gedämpftes Gemurmel. „Emil hat letzte Nacht bei Anton übernachtet und morgens um vier sind sie ins Wohnzimmer runtergeschlichen und haben sich ‚Die Mumie II’ reingezogen“, flüstert Katja und rollt mit den Augen. Martina kommt zurück. „Jedenfalls“, sagt sie leise, „wäre es Blödsinn, wenn eine alleinerziehende Mutter unter einer Aktion leiden müsste, die auf die Situation alleinerziehender Mütter aufmerksam machen soll.“
Sie beugt sich zum Regal runter und zieht eine Flasche Rotwein hervor. Es ist die dritte heute Abend und es wird die letzte dieses Monats sein.
„Kann ich die aufmachen?“
„Es ist die letzte,“ sagt Katja, „ich trinke lieber nichts, ich schwebe schon.“ Sie hält mir ihren Joint hin.
„Nee, danke.“ Ich bin noch beleidigt. „Auf jeden Fall, ob das nun ‚Flugzeuge’ oder ‚Flieger’ sind, das ist eine totale Schnapsidee.“ Soll ihr Ossi-Slang etwas geeigneter sein, um etwas an unserer Lage zu verändern? Ich greife nach dem Weinglas.
„Die Nachpostmoderne ist sowieso nix für uns,“ meint Martina, trinkt Rotwein und lümmelt sich auf die Parkbank, die wir vor drei Jahren in einer ähnlichen Nacht vom Arnimplatz mitgenommen hatten und die seitdem in unserer Küche steht. „Und eigentlich bin ich doch gegen Gewalt. Wir sollten uns was Zeitgemäßes einfallen lassen, etwas, was zu uns passt.“
Ich überlege, was zu uns passt, während ich die zerriebenen Pflanzenteile vor mir mit einer gesperrten EC-Karte hin und her schiebe. Im Flur schnieft es und Lila kommt barfuss in die Küche getapst. Warum, zum Kuckuck, muss es immer mein Kind sein!
Lila hält den Kopf demütig zur Schulter geneigt, den Blick am Boden, und schiebt sich, den Bauch vorgereckt, neben mich.
„Mama?“ Ein unwiderstehlicher Blick.
„Lila, meine Süße, hast du schlecht geträumt?“ Sie weiß genau, dass es mir schwer fällt, sie vor den anderen ohne Umstände wieder ins Bett zu schicken.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*