Akademisch alleinerziehend

Gastbeitrag von Dani Kranz

Alleinerziehend, bildungsfern, ergeizlos und unterprivilegiert? Weit gefehlt. Benachteiligt oder auch diskriminiert werde ich aber trotzdem in diesem Land, in dem Akademikerinnen entweder keins oder nur ein Kind haben. Einer der Gründe, warum das so ist, das wird durch diesen Gastbeitrag noch mal ganz deutlich.

GE DIGITAL CAMERAIch bin promovierte Sozialanthropologin, habe erfolgreich Projektförderung mit Kollegen (ich bin meist die einzige Frau und immer die einzige alleinerziehende Mutter) in nationalen und internationalen Rahmen eingeworben, sowie für mich als individuelle Forscherin an Land gezogen. Ich bin an Eliteuniversitäten ausgebildet, ich bin zweisprachig, habe mehrere Staatsbürgerschaften. Ich bin das, was man generell als kosmopolitische Elite bezeichnet, aber dann betrachtet man alleinerziehende Mütter und mehr noch deren Kinder generell als soziales Problem. Und das bin ich auch. Ich bin alleinerziehende Mutter, da der Vater meiner Tochter sich noch in der Frühschwangerschaft dazu entschieden hat, sich selbst zum unwillig zahlenden Samenspender zu degradieren und ein Heer von Juristen in mehreren Ländern mit Arbeit zu versorgen.

Dank meinem Status als Alleinerziehende und der prekären Situation an deutschen Unis würde ich ohne meine Eltern und Freunde gar nicht arbeiten und wir, meine Tochter und ich, würden lediglich überleben, mein Potential, von dem dieses Land profitiert, würde ich allerdings nie verwirklichen können, denn um erfolgreich weiterzukommen, genug forschen und veröffentlichen zu können, den Kriterien von Ausschreibungen für Professuren zu entsprechen und seine Habilitation fertigstellen zu können, braucht man noch etwas anderes: Drittmittel und zwar so viele, wie nur möglich.

Auf Grund schwindender Mittel überleben die Forschenden an deutschen Unis, die keine Professur haben, von Drittmitteln. Anstellungen erfolgen auf Projektbasis, feste Stellen um Mittelbau sind ein Teil der Vergangenheit. Um meine Habilitation fertigstellen zu können, wollte ich ein Stipendium für Post-Doktoranden und Juniorprofessoren beantragen. Meine neue Stelle ab Januar ist auch wieder nur eine Teilzeitstelle und das, obwohl wir eine für Sozialwissenschaftler riesige und für Naturwissenschaftler lachhafte Fördersumme eingeworben haben. Auf Grund meines Werdegangs und meiner Leistungen hatte ich, naiverweise oder auch idealistischerweise, gedacht, dass meine Anfrage, welche Unterlagen ich als ‚echt Alleinerziehende’ zusätzlich einreichen müsse, um die Zeit seit der Promotion zu berechnen, in Zeiten des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG) eher pro Forma als problematisch sei. Weit gefehlt. Die Daimler und Benz Stiftung, die die Stipendien auslobt, kennt keine Härtefälle. Wessen Promotion mehr als drei Jahre zurückliegt, der wird kategorisch ausgeschlossen. Elternzeit wird ebenso wenig anerkannt wie Wehr-/Ersatzdienst oder Krankheit. Somit sind der Daimler und Benz Stiftung all diejenigen nicht willkommen, die nach der Promotion noch Wehr-/Ersatzdienst leisten mussten oder wollten, die krank geworden sind, oder die sich als Alleinerziehende oder auch Eltern um ihr Kind kümmern mussten und wollten, egal was sie in ihrem professionellen Leben bisher geleistet haben.

Da ich es gewöhnt bin, mich in einem alleinerziehenden feindlichen Land durch zu kämpfen, eruieren nun die Juristen von Ministerien und Verbänden, ob der Ausschluss von der Bewerbung von mir als alleinerziehender Mutter nicht gegen das Grundgesetz verstößt und es ist auch fraglich, in weit das AGG verletzt wird. Eine andere Sprache als diese scheint die Stiftung nicht zu verstehen. Mein Hinweis auf meine Leistungen und der Fakt, dass ich lediglich ein Jahr nach der Geburt ‘nicht’ gearbeitet habe, weil es schlicht und ergreifend nicht ging, stießen auf taube Ohren.

Was aber genauso bemerkenswert wie die potentiellen rechtlichen Verstöße ist, ist dass die Daimler und Benz Stiftung sich bisher nicht dazu gemüßigt fühlt, diese, bei Alleinerziehenden erzwungene Auszeit von der Zeit, die seit der Promotion vergangen ist, abzuziehen. Es ist also ironischerweise so, dass die Alleinerziehenden, die angeblich nicht zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehören in ihrer Leistungsfähigkeit durch archaische, pseudo-traditionelle Praktiken und an der Realität vorbeigehende Einstellungen gegenüber den Ansprüchen der Elternschaft diskriminiert werden und in ihrem Fortkommen behindert werden und zwar in jedem professionellen Bereich und unabhängig von ihrer Bildung..

Nun ist es so, dass die Alleinerziehende in diesen Fall weder dumm, bildungsfern ist noch unterprivilegiert, dass sie weder ihren Mund halten muss noch wird, dass sie sich mit anderen in der Nische, die aus allen Nähten platzt, zusammenschließt, denn sie hat Dank der Stipendien zu Eliteunis eines von der Elite gelernt: lobbying, networking und koalieren, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. Solidarische Grüsse von einer magna cum laude Akademikerin, die drei Kinder alleine grosszieht, und das letzte erst mit 42 bekam. Das ganze Potential liegt brach, weil das Berufsleben an einem vorbeizieht, du sagst es. Es ist so ungerecht!

    Herzlich, Christine

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  2. Nicht verheiratet, 45 Jahre, 5 Jahre altes Kind, alleinerziehend, mit drei beruflichen Titeln und 4 Sprachen, zum Glück erst so spät Mutter geworden, um sich jetzt ihre berufliche Auszeit leisten zu können….das macht vielen konservativen Arbeitgebern Angst ;-)….zum Glück gleicht das Networken und “am Ball bleiben” das aus….uns geht es gut, doch es ist ein anstrengender Dauerkampf gegen die andauernde gesellschaftliche und berufliche “Misstellung”…

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    • Hach, wie kommt mir das bekannt vor. Ebenfalls Akademikerin (brotlose Kunst) und kurz nach der Zeugung mir selbst überlassen, kämpfe ich seit Jahren in unterbezahlten Jobs für unser Auskommen.
      Der “Vater” ist ebenfalls Akademiker und hat sich nicht gescheut, sofort eine Familie mit 2 neuen Kindern zu gründen. Diese ist “vorzeigbar”, lebt prima von 2 Akademkergehältern und bekommt mehrfache Großelternunterstützung.
      Ich bin mutterseelenalleinerziehend, und ich ziehe an dieser Stelle meinen Hut vor all den anderen Müttern und Vätern, die an dieser Aufgabe wachsen. Wir leisten physisch und psychisch den vermutlich schwersten Job der Welt.

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      • Ja, das mit der Doppelmoral der Maenner, die sich zu Samenspendern degradiert haben ist auch so ein Ding. Dazu könnte ich auch noch einiges sagen ebenso wie zu den Eltern und Familien von ihnen, die das eigene Enkelkind nicht sehen wollen und im Verbund mit dem Sohn so tun als wuerden weder Enkelkind noch die zugehoerige Mutter existieren.

        Mindestens genauso faszinierend sind in dem Sinne die Vätergruppen.

        Bei der Daimler und Benz Stiftung habe ich mich nun beworben und warte nun, was folgt.

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